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Frankfurt

Verstrahlt und wütend

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Ein Prozess vor dem Frankfurter Landgericht zeigt das unheilvolle Wirken von Verschwörungsideologen.

Es ist schwer zu sagen, wann genau die Welt, in der Herr S. lebt, ihre Normalität verlor. Sie war schon nicht mehr normal, als er im März 2020 die Milchglasscheibe an der Wohnungstür seiner Sachsenhäuser Nachbarn, dem Ehepaar N., mit einem Fleischhammer einschlug und die Nachbarn wüst beschimpfte. Und erst recht nicht, als er im November Doktor N. im Treppenhaus eine Stachelwalze hinterrücks über den Schädel zog.

Seit Freitag steht Herr S. unter anderem wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht. Zwar erlitt Doktor N. bei der Attacke keine schweren Blessuren, aber die Anwendung einer Stachelwalze, eigentlich zur Ablösung hartnäckig klebender Tapeten gedacht, gilt beim Menschen als potenziell lebensgefährlich. Es ist keine Anklage, sondern eine Antragsschrift, und es geht um Herrn S.s dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie. Denn die Strafkammer geht davon aus, das Herr S. nicht mehr ganz normal ist.

„Es war eine Wutattacke“, gesteht der 75-Jährige zum Prozessauftakt. Wut darüber, dass das Ehepaar N. ihn über Monate verstrahlt habe. Irgendwann hatte die Verstrahlung begonnen, wann genau, kann Herr S. nicht mehr sagen, aber schnell wird sie so stark, dass er „innerlich vibriert“. Da ahnt er noch nicht, dass seine Nachbarn die Strahlenquelle sind. Er bittet das Landesamt für Naturschutz, das Bundesamt für Strahlenschutz und die Staatsanwaltschaft um Hilfe – niemand glaubt ihm. Herr S. beklebt die Innenseiten seiner Hüte mit Stanniolpapier und tapeziert seine Zimmerwände mit Alufolie. Es nutzt nichts. Es ist zum Verrücktwerden. „Dann habe ich im Internet über diese Mikrowellenangriffe auf Menschen gelesen – dass es die wirklich gibt und dass das eine gefährliche Sache ist.“ Und dass der Verstrahler fast immer der Nachbar ist, weil die Strahlenwaffen keine allzu große Reichweite haben.

Doktor N. hört nichts

Der 71 Jahre alte Doktor N. ist ein Mann der Wissenschaft. Mehr als 30 Jahre lang hat er Herrn S. als distanzierten, aber freundlichen Nachbarn erlebt. Er setzt sich mit ihm im Januar 2020 sogar einen Abend in dessen Wohnung, um gemeinsam den Stimmen zu lauschen, von denen der Nachbar ihm erzählt hat. Aber er hört nichts. Als Herr S. im Februar anfängt, öfter in seiner Wohnung laut und lange zu schimpfen und zu toben, denkt er, das gehe schon vorüber. Als Herr S. ihm Anfang März erzählt, er werde verstrahlt, sagt Doktor N., „dass es das in der realen Welt nicht gibt“. Erst als der Nachbar seine Scheibe einschlägt, wird dem Doktor klar, dass beide jetzt wohl noch im selben Haus, aber in verschiedenen Realitäten leben.

Herr S. ist derzeit in der geschlossenen Psychiatrie in Haina untergebracht. Er fühlt sich dort recht wohl. Die Stimmen sind verstummt, keine Strahlen dringen durch die dicken Mauern. Er nimmt seine Medikamente. Nicht, weil er sie braucht, sondern den Ärzten zuliebe. Der einstige Student der Rechtswissenschaft fühlt sich „wie im Studentenwohnheim, nur ohne Ausgang“. Er lebt mit drei anderen in einer Wohneinheit. Gott sei Dank sind die neuen Nachbarn „alle relativ normal“.

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