Ein fast leerer Bahnsteig an der Station Frankfurt-Hauptwache. Die S-Bahnen fuhren, die U-Bahnen wurden bestreikt.
+
Ein fast leerer Bahnsteig an der Station Frankfurt-Hauptwache. Die S-Bahnen fuhren, die U-Bahnen wurden bestreikt.

ÖPNV

Verständnis für Streik

  • Clemens Dörrenberg
    vonClemens Dörrenberg
    schließen

Die Einschränkungen im ÖPNV in Frankfurt halten sich am Samstag in Grenzen.

Die beiden Männer mit den Wanderschuhen schauen ungläubig, als sie an den Bahnsteig herantreten. Am Samstagvormittag ist an dem U-Bahngleis Richtung Norden, Station Hauptwache, kein Zug in Sicht. Ihre Blicke fallen erst auf das leere Gleis, dann auf die Anzeigentafel. Dort steht in leuchtend gelber Schrift: „VGF wird bestreikt! Keine Fahrten der U-Bahnen und Straßenbahnen!“

Vater und Sohn aus Offenbach wollten eigentlich im Taunus wandern gehen und dazu an der Hauptwache Richtung Oberursel-Hohemark in die U-Bahn umsteigen. „Jetzt stehen wir erst mal da mit unserem schönen Vater-Sohn-Ausflug“, sagt Karl. Auf seinen Sohn als „Tourguide“ habe er gesetzt, fügt der 59-Jährige hinzu. „Davon habe ich gar nichts gehört“, sagt Sohn Christoph. Dann fragt er, „haben die sich nicht geeinigt?“.

Weil es am kommenden Dienstag eine weitere Tarifverhandlungsrunde gibt, hat die Gewerkschaft Verdi zu dem Warnstreik aufgerufen. Nachdem an den Vortagen Beschäftigte in den Werkstätten der Verkehrsbetriebe gestreikt hatten, beteiligten sich am Samstag Bus- und Bahnfahrer:innen in hessischen Städten. 4500 Beschäftigte hoffen auf mehr Geld. In Frankfurt fahren keine U- und Straßenbahnen, in Marburg und Wiesbaden keine Busse, in Kassel weder Busse noch Bahnen. „Die Fronten sind sehr verhärtet“, sagte Verdi-Pressesprecherin Ute Fritzel im Vorfeld. Verhandlungsführer des Kommunalen Arbeitgeberverbands, KAV Hessen, seien nicht bereit auf die Forderungen der Gewerkschaft einzugehen.

Gefordert werden höhere Löhne sowie eine Covid-Prämie „für die Kolleginnen und Kollegen, die in der Pandemie ihren Mund-Nasen-Schutz hinhalten“, wie Fritzel es formulierte. Thomas Wissgott, Geschäftsführer der VGF und Verhandlungsführer des KAV Hessen hielt dem entgegen: „Die angekündigten Streiks sind unverantwortlich.“ Verdi nehme damit „zu Zeiten, in denen Infektionszahlen drastisch steigen, eine weitere erhebliche Steigerung des Infektionsrisikos in Kauf“. Mit Rücksicht auf den Berufsverkehr sowie pendelnde Schüler:innen hatte die Gewerkschaft den Streik der Fahrer:innen auf den Samstag gelegt.

Tatsächlich sind am Samstagvormittag an der Hauptwache die S-Bahnen nicht sonderlich voll. Während der U-Bahnsteig der Linien 6 und 7 gegenüber völlig verwaist ist, warten Fahrgäste an den S-Bahngleisen auf einfahrende Züge. Eine Etage tiefer, an einem der U-Bahnsteige, schaut Divya Sekar auf ihr Handy, während sie zur Rolltreppe geht. Sie wohne in Hofheim, sagt sie. Daher habe sie von dem Streik nichts mitbekommen. Als „nicht günstig“ bezeichnet sie die Situation und schiebt sofort hinterher: „Ich verstehe auch, dass gestreikt wird“. Gut sei, dass es am Wochenende passiere: „Dann sind weniger Leute davon betroffen.“

Ein Vater mit seinem kleinen Kind an der Hand ist gerade aus der S1 gestiegen. Sie laufen die Treppe zur U-Bahn Richtung Sachsenhausen hinab. „Ach stimmt ja“, sagt der Mann, auf den Streik angesprochen, und kehrt um. Sonst nehme er das Auto, berichtet der Höchster, der in einer Bank arbeitet und seinen Namen nicht verraten möchte. „Ich habe gestern etwas zu tief ins Glas geschaut“, sagt er. Deshalb habe er sein Auto heute stehen lassen. Kurzerhand gehen die beiden zurück zum S-Bahnsteig und können dort direkt in eine S-Bahn steigen, die gerade gehalten hat und Richtung Südbahnhof abfährt.

Bereits am U-Bahnsteig angekommen, müssen sich auch die beiden Studierenden Anna Sütterlin und Silas Bauer umorientieren. Auf dem Weg zur Uni hatten sie gehofft, dass doch noch eine U-Bahn komme und dabei statt auf die leere Anzeigentafel auf ihre Handys geschaut. „Das mit dem Streik ist okay“, sagt die 19-Jährige und ergänzt: „Solange es nicht öfter ist“. Ihr zwanzigjähriger Kommilitone sagt, „mit Corona ist man eh nicht so viel unterwegs“.

Sie wollen nun einen Bus Richtung Westend nehmen. Diese Alternative können sie sich schon mal merken. Denn sollte es am kommenden Dienstag keine Einigung zwischen den Tarifparteien geben, hat Verdi für die Adventssamstage weitere Warnstreiks angekündigt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare