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Peter Sillem mit Besucher in seiner Galerie in Sachsenhausen.
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Peter Sillem mit Besucher in seiner Galerie in Sachsenhausen.

Göpferts Runde

Verleger Peter Sillem eröffnet Galerie in Frankfurt

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Peter Sillem, früherer Geschäftsführer des S. Fischer Verlages, ist als Galerist erfolgreichund zeigt eine besondere Ausstellung der großen Fotografin Barbara Klemm.

Der November arbeitet an diesem Mittag hart an seinem schlechten Image. Tief hängende, graue Wolkenfetzen hüllen die Spitzen der Bankentürme ein. Ingrid El Sigai kommt mit einem Motorroller zum vereinbarten Treffpunkt am Museumsufer. Seit sieben Jahren hilft ihr das praktische Gefährt, auf Frankfurts immer wieder verstopften Straßen voranzukommen. Bewegung, steter Wechsel und unterschiedlichste Herausforderungen prägen das Leben der Sopranistin. Denn sie ist nicht nur bei den Festivals der klassischen Musik präsent und in Theatern, sondern sie arbeitet auch als Sprecherin für HR, ZDF, 3sat, Arte und andere. Leitet ein Musiktheater für Kinder, die „Kleine Bühne Bad Homburg“, ist einem Millionenpublikum als samstägliche Lottofee vom Fernsehschirm vertraut. „Ich liebe die Vielfältigkeit“, sagt die 54-Jährige ganz beiläufig in den Stunden unserer Begegnung.

Zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben hat sich die gebürtige Heidelbergerin fest nur an eine Profession gebunden. „Bei mir ist jeder Tag anders, das ist spannend.“ Mit der Zeit hat sie sich ein Netzwerk geschaffen, wechselt scheinbar mühelos zwischen den Genres. Und jetzt bringt die Corona-Pandemie die Unermüdliche abrupt zum Stillstand. Oder doch nicht? „Als der zweite Lockdown kam, hatte ich einige Tage lang einen richtigen psychischen Durchhänger“, gesteht sie. Scheinbar keine Auftrittsmöglichkeiten mehr, keine Chance, sich in den Reaktionen eines Publikums zu spiegeln.

Inzwischen hat sie auch diese „Not“, wie sie es nennt, zur Tugend umgedeutet. Singt vor Menschen auf dem Gelände von Altenheimen, nur begleitet von einem Keyboarder. Sofort gewann sie den Bad Homburger Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) als Schirmherr für die Tournee, die bis Dezember 40 Stationen im Rhein-Main-Gebiet umfasst. Die Begegnung mit den alten Menschen rührt und bewegt die Künstlerin. Sie singt mit ihnen alte Volkslieder, etwa „Die Gedanken sind frei“ oder „Kein schöner Land“. Tanzt mit ihnen. Erlebt, wie die Alten plötzlich in Tränen ausbrechen. Wie sich Demente an die Lieder ihrer Jugend erinnern und mitsingen. Spürt die Einsamkeit, sieht die höchst unterschiedliche Unterbringung in den Heimen. „Die, die viel Geld haben, können sich eine gute Versorgung leisten, wenn du aber arm bist, ist das Alter noch beschissener für Dich.“ El Sigai redet unverblümt und kommt ohne viele Umstände auf den Punkt.

Wir statten uns aus mit einem der festen Erkennungszeichen der Corona-Zeit, dem gefüllten Kaffeebecher, und finden im Museumspark einen Ort für ein ungestörtes Gespräch. El Sigais Vater ist ein in Ägypten geborener Chirurg, der als junger Mann zum Studium nach Deutschland kam. Ihre deutsche Mutter kämpfte für diese Beziehung und setzte sie gegen erhebliche Widerstände durch. „Sie hat zu Hause ihren Reisepass geklaut, ist mit meinem Vater nach Italien durchgebrannt, von Genua aus sind sie mit der Fähre nach Ägypten übergesetzt, und dort haben sie geheiratet.“

Tochter Ingrid war auf dem Gymnasium eine ziemliche Außenseiterin. Sie interessierte sich nicht für Rockmusik wie alle anderen, sondern für die klassische Oper. Mit einer Schulfreundin, deren Mutter Opernsängerin war und deren Vater als Schauspieler auf der Bühne stand, sang sie Duette aus Opern, etwa das Briefduett aus „Die Hochzeit des Figaro“ von Mozart. „Meine Schulkameraden haben ständig gelacht über mich.“ Die Jugendliche fühlte sich vom klassischen Gesang aber magisch angezogen. Sie studierte Sologesang an den Musikhochschulen von Würzburg und Frankfurt, nahm privaten Unterricht bei der legendären Sopranistin Hildegard Zadek. Ihre Eltern reagierten „recht cool“.

Vor dem zweiten Lockdown stand El Sigai Mitte August für die Kammeroper Frankfurt im Palmengarten auf der Bühne, sang die Titelrolle in „Lola Blau“ des österreichischen Komponisten Georg Kreisler. Eine herausfordernde Partie, ein fast zweistündiger Kraftakt, den sie bravourös meisterte und mit dem sie das Publikum immer wieder zu Beifall hinriss. Die Geschichte der Sängerin Lola Blau, die 1938 nach der Besetzung Österreichs durch die Deutschen ins Exil gehen muss, sei „ein wahnsinnig tolles Stück“, sagt sie schlicht. Und spricht begeistert von der „Abrechnung“ Kreislers mit Österreich. Der hatte mit seinen Eltern als 16-Jähriger in die USA emigrieren müssen, die jüdische Familie wurde verfolgt. „Er hat nach der Nazi-Zeit lange darum gekämpft, wieder die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten, hat sie aber nicht bekommen.“

El Sigai beherrschte bei ihrem Auftritt die Bühne der Konzertmuschel im Palmengarten, vor der sie zunächst wegen ihrer Dimension „großen Respekt“ hatte. Für sie ist die Rolle der Lola Blau auch ein Beispiel dafür, wie die Grenzen von U- und E-Musik, also unterhaltender und ernster Musik, verschwimmen. „Ich schere mich nicht um diese Trennung“, sagt sie knapp. Die Sängerin möchte auch nicht in den Chor der freien Künstler:innen einstimmen, die sich durch die erneute Schließung der Theater wegen der Corona-Pandemie herabgewürdigt fühlen. Sicherlich sei die Entscheidung der Politik, die Oper als Freizeitgestaltung einzustufen, „unglücklich“. Sie glaube aber nicht, dass dies aus Missachtung erfolge, eher aus Unkenntnis. Tatsächlich müsse etwas getan werden, um die Infektionszahlen herunterzudrücken.

Zur Person

Peter Sillem , 1967 in München geboren. besuchte in Frankfurt das Lessing-Gymnasium. Er absolvierte eine Ausbildung als Verlagsbuchhändler beim S.-Fischer-Verlag in Frankfurt, war dort Lektor und stieg bis zum Programmgeschäftsführer auf. 2017 machte er sich mit einer Galerie selbstständig. Die Ausstellung „Barbara Klemm Skulpturen Fotografie“ öffnet am 28. Februar, 18 Uhr, in der Galerie Peter Sillem, Dreieichstraße 2, in Frankfurt.

Die Künstlerin wirkt ernst an diesem Punkt. Erzwungene Untätigkeit ist für sie ein schwieriges Thema. Normalerweise gönnt sie sich nicht mal Urlaub. „Ich räume mir die Zeit dafür nicht ein“, sagt sie offen und fügt hinzu: „Ich hab’ dann ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber.“ Seit 2011 ist sie auch noch künstlerische Leiterin der „Kleinen Oper“ in Bad Homburg, die Opernstoffe für Kinder zugänglich machen will. Immer wieder steht sie auch dort auf der Bühne, zuletzt im September als Pinocchio. Gelingt es ihr überhaupt zur Ruhe zu kommen? Sie könne auch Müßiggang, sagt sie geradezu trotzig. Dann koche sie oder lade Freunde ein. Aber nach einer Weile langweile sie sich.

Gerade hat sie zwei Theaterstücke für Kinder geschrieben. Braucht es eiserne Selbstdisziplin, um so zu leben? Bei dem Wort zögert die Theatermacherin. „Es ist eine Sucht“, sagt sie dann und lacht: „Als Künstler hat man immer einen Knall!“ Sie glaubt, dass es auch Zufälle sind, die ihr Leben steuern. 1998 zum Beispiel suchte die ARD dringend eine Nachfolgerin für die blonde Fernseh-Lottofee Karin Tietze-Ludwig, die in den Ruhestand ging. Die Ziehung der Lottozahlen ist für viele bis heute geradezu ein Hochamt des Fernsehens. El Sigai nahm an Castings teil. „Die suchten aber eine Blonde“, sagt sie lachend. Am Ende wurde die blonde Franziska Reichenbacher die neue Lottofee, die schwarzhaarige El Sigai ist ihre Urlaubsvertretung.

Der graue Himmel über dem Museumsufer will nicht weichen. Auf wärmende Sonne warten wir vergebens. Die Sopranistin spricht von den großen Opernpartien, bei Verdi etwa, für die sie stimmlich nicht geeignet ist. Aber ihr gefällt die Schwermut, die Melancholie, die Traurigkeit, die nicht selten von diesen Arien ausgehe. „Ich bin manchmal ein melancholischer Mensch“, sagt sie. Wenn man lerne, diese Stimmungen zu lenken, „dann kann einem die Melancholie nichts anhaben“. Die Künstlerin kennt Selbstzweifel. Immer wieder, manchmal während der Aufführung, überkomme sie das Gefühl: „Das hast Du jetzt versemmelt.“ Dagegen setzt sie „die Sternstunden“ des Erfolgs, in denen man „eins werde“ mit sich und dem Publikum. Die gebe es aber so oft nicht.

Ingrid El Sigai sagt das alles geradezu druckreif, mit der langjährigen Erfahrung als Sprecherin in Rundfunk und Fernsehen. Mit ihrer dunklen und etwas rauen Stimme hat sie sogar schon Telefonhotlines veredelt, etwa für die Deutsche Bahn. All das gehört für sie zu ihrer Unabhängigkeit, die sie auf keinen Fall aufgeben möchte.

Sie will freie Sängerin bleiben, freie Künstlerin. Gleichzeitig ist sie sich im Klaren darüber, dass ihre künstlerische Welt nach der Corona-Pandemie nicht mehr dieselbe sein wird. „Das Theater verändert sich gerade total“, sagt sie und nennt als Beispiel den ovalen Bühnenbau, der im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm als Reaktion auf Corona entstanden ist. Ein Theaterbau im Theaterbau, „großartig“ in ihren Augen. Die Kaffeebecher sind geleert. In zwei Tagen steht der nächste Auftritt in einem Altenheim an.

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