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Peter Sillem mit Besucher in seiner Galerie in Sachsenhausen.

Göpferts Runde

Verleger Peter Sillem eröffnet Galerie in Frankfurt

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Peter Sillem, früherer Geschäftsführer des S. Fischer Verlages, ist als Galerist erfolgreich und zeigt eine besondere Ausstellung der großen Fotografin Barbara Klemm.

Kurz bevor der Passant das südliche Mainufer erreicht, öffnet sich in der Häuserfront links eine kleine weiße Guckkastenbühne. Gerahmte Bilder strukturieren das Weiß, vor dem sich eine schlanke Gestalt abzeichnet. Seit Oktober 2017 hat Peter Sillem sich hier niedergelassen, auf 70 Quadratmetern, in Räumen, die vorher schon als Änderungsschneiderei, Bügelservice und Telefonshop dienten. Jetzt sind sie ein Ort der Kunst: Der Galerist hat sich auf Fotografie spezialisiert, und das sehr erfolgreich.

Der gebürtige Münchener, der als Schulkind mit seinen Eltern nach Frankfurt kam, verwirklichte, wovon viele nur träumen. Mitten im Leben fing er noch einmal neu an. Der Programmgeschäftsführer Sachbuch des S.-Fischer-Verlags in Frankfurt stieg 2017 aus und begann, sich in Sachsenhausen, dem Viertel seines alten Arbeitsplatzes, nach einem Domizil für eine Galerie umzuschauen. Da war er 50 Jahre alt. Und Fotografie, sagt Sillem, war „schon immer meine Leidenschaft gewesen“. Nicht selbst mit der Kamera in der Hand, aber als Medium, als „Fenster zur Welt“.

Der Mann mit dem charakteristischen Strubbelhaar spricht ruhig, überlegt, vermittelt den Eindruck, er ruhe in sich. Und doch war das vor zweieinhalb Jahren ein großer Bruch. Denn sein Leben zuvor war der Literatur gewidmet, ganz und gar. Die Familie gehobenes Bildungsbürgertum, der Vater Jurist in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die Mutter Ärztin. Es war der Vater, „der mir das erste richtige Buch in die Hand gedrückt hat“, einen Roman von Thomas Mann, „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Der Beginn einer lebenslangen Faszination für den Schriftsteller, „ich habe für Thomas Mann geglüht“.

Lieblingsbuch  ist bis heute der „Zauberberg“

Der junge Sillem fühlte sich angezogen vom „Kosmos des Künstlerischen, der sich Bahn bricht in der Bürgerlichkeit“, aber auch von der „Gebrochenheit“ des Autors und Menschen Mann. Sein Lieblingsbuch von ihm ist bis heute der „Zauberberg“ geblieben.

Aber auch die Gedichte von Ingeborg Bachmann und Gottfried Benn faszinierten den Jugendlichen, der las und las. Der Journalismus und die Literatur: Das waren die vagen Berufsbilder, die vor seinen Augen aufstiegen. Einen entscheidenden „Schritt hinaus in die Welt“ brachte dann ein Jahr in den USA, an der Highschool in Tacoma bei Seattle. Er tauchte ein in die englischsprachige Literatur, begann in der Schulzeitung zu schreiben, deren Chefredakteur er wurde.

Der Sohn aus gutem Hause lebte in Tacoma in einer Familie „in prekären Verhältnissen“, der öfter mal Strom und Telefon abgestellt wurden. Und wurde doch „mit großer Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit“ aufgenommen.

Zurück in Frankfurt erschien die Lehre zum Verlagskaufmann bei S. Fischer für den Gymnasiasten geradezu zwangsläufig. Fast 30 Jahre lang blieb Sillem für den Verlag tätig. Seine Erinnerungen gehen zurück zum ersten Besuch bei der Leipziger Buchmesse, 1988, noch zu Zeiten der DDR, in den alten, verwinkelten Messehäusern in der Innenstadt, „sehr schön“.

Der frühere Programmgeschäftsführer legt Wert darauf, dass er sich keineswegs im Zerwürfnis von Fischer getrennt habe. Im Gegenteil: „Wir hatten sehr, sehr gute Jahre.“ Begegnungen mit legendären Autoren wie Arthur Miller, der nach Frankfurt kam und den legendären alten Hörsaal VI der Goethe-Universität problemlos füllte.

„Ein großer Verlag muss vielfältige Angebote haben“

Wir trinken Kaffee und schauen aus dem kleinen Atelier hinaus auf den Verkehr, der über den Frankensteiner Platz flutet. Sillem lässt auch den Vorwurf nicht gelten, der in der Verlagsbranche öfter zu hören ist: Dass Fischer sich verzettelt habe, zu groß geworden sei, ohne eindeutiges Profil. „Ein großer Verlag muss vielfältige Angebote haben.“ Wichtig aber sei immer: „Es muss eine Haltung geben“ – und das habe für Fischer gegolten.

Beim Verlag betreute Sillem etwa den berühmten chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu, dem als Dissident schließlich die Flucht gelang und der in Frankfurt 2011 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Oder die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke, die den Friedenspreis 2016 erhielt. Der Verlagsgeschäftsführer verspürte in all den Jahren nie den Drang, selbst zu schreiben. „Mein Ding war immer das Vermitteln“, an der Schnittstelle zwischen Verlag und Gesellschaft. „Man muss dem Publikum Werte aufzwingen, die es nicht will“, habe der Verlagsgründer Samuel Fischer einmal gesagt.

So betont zurückhaltend, wie Peter Sillem auftritt, nimmt man ihm auch sein Bekenntnis ab: „Man muss sich zurücknehmen.“ Ganz ähnlich versteht er auch seine Aufgabe als Galerist. Natürlich half ihm seine Bekanntheit, als er sich 2017 selbstständig machte. Kurz bevor er zu seiner ersten Messe, der „Photo Basel“, aufbrechen wollte, rief tatsächlich eine Journalistin der „New York Times“ an. Ihr Artikel erwies sich als gute Starthilfe.

Zur Person

Peter Sillem , 1967 in München geboren. besuchte in Frankfurt das Lessing-Gymnasium.

Er absolvierte eine Ausbildung als Verlagsbuchhändler beim S.-Fischer-Verlag in Frankfurt, war dort Lektor und stieg bis zum Programmgeschäftsführer auf.

2017 machte er sich mit einer Galerie selbstständig.

Die Ausstellung „Barbara Klemm Skulpturen Fotografie“ öffnet am 28. Februar, 18 Uhr, in der Galerie Peter Sillem, Dreieichstraße 2, in Frankfurt. jg

Sillem fühlte sich vor drei Jahren „an einem ganz entscheidenden Punkt“ seines Lebens. Er war entschlossen: „Ich versuche es ganz klein.“ Und so war es denn auch.

Der kleine Laden am Frankensteiner Platz nahm ihn sofort gefangen: „Es war von Anfang an eine Super-Ausstrahlung, alles 50er Jahre, noch die originalen Scheiben.“ Konsequent ließ der Galerist alles störende Interieur entfernen und reduzierte die Räume auf weiße Wände.

Der Auftritt gehört ganz den Fotografien. Und sie okkupieren denn auch sofort die Aufmerksamkeit. Etwa die Arbeiten des ghanaischen Fotografen Denis Dailleux mit ihren dunklen, leuchtenden Farben.

Zwei kleine Mädchen springen vor der Brandung des Atlantiks ausgelassen und selbstvergessen in die Höhe. Eine Szene, die sich einprägt, die den Betrachter nicht loslässt.

Tatsächlich hat sich der Galerist binnen kurzer Zeit etabliert. Im März folgt ein besonderer Ritterschlag: Sillem ist eine von zehn Fotogalerien weltweit, die von der indischen Kuratorin zur internationalen Kunstmesse „Art Dubai“ eingeladen worden sind. „Ich bin von den Kollegen weltweit ausgesprochen freundlich aufgenommen worden“, berichtet der Frankfurter.

Mittlerweile hat er schon dreimal an der Photo-Messe in Basel und einmal an der großen alljährlichen Ausstellung in London teilgenommen.

Noch vor Dubai aber eröffnet Peter Sillem an diesem Freitag, 28. Februar, eine Ausstellung, auf die er nicht wenig stolz ist. Es gelang ihm, die große Frankfurter Fotografin Barbara Klemm zu gewinnen. Sie hatte im Dezember 2019 ihren 80. Geburtstag gefeiert und nimmt nur noch ganz wenige der zahlreichen Einladungen von Museen und Galerien an.

Für Sillem aber gibt es eine Ausnahme der besonderen Art. Klemm präsentiert Fotografien von Skulpturen, die in den zurückliegenden vier Jahrzehnten entstanden sind. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden Fotografien des Land-Art-Projekts „Roden Crater“ des berühmten Lichtkünstlers James Turrell. Geholfen hat bei diesem Vorhaben, dass es der Fischer-Verlag war, der vor Jahrzehnten Barbara Klemms erstes Buch veröffentlicht hatte.

Und natürlich war auch eine besondere Beziehung zwischen dem früheren Verlagsgeschäftsführer und der Fotografin gewachsen.

Warmes Mittagslicht flutet Galerieräume

Was Wunder, dass sich Sillem gelassen auf seinem sanft schwingenden Sessel zurücklehnt. Ein warmes Mittagslicht flutet gerade die Galerieräume. Der Galerist nippt an seinem Kaffee und lässt den Blick schweifen. Er ist überzeugt, dass sich die Fotokunst auch künftig gegenüber der starken Konkurrenz „der sozialen Medien mit ihrer Bilderflut“ behaupten wird.

Tatsächlich sind die Preise, die sich mit Fotografie auf dem internationalen Kunstmarkt erzielen lassen, in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich gestiegen.

Fotografien gewinnen also auch schlicht an materiellem Wert. Auch das hatte der frühere Verlagsmann natürlich im Blick, als er sich 2017 selbstständig machte.

Heute fühlt er sich „als Galerist an der richtigen Stelle“. Verweist stolz auf den einfachen und reduzierten Auftritt seines kleinen Unternehmens. Die „Corporate Identity“ etwa, die sich schlicht in zwei Bindestrichen zwischen den Worten Galerie-Peter-Sillem ausdrücke. Noch einmal taucht da die Aufgabe der Vermittlung auf. Da liegt für ihn „die Schnittmenge zwischen Verleger und Galerist“.

Die Entscheidung, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen in seinem Leben, hat er jedenfalls nicht bereut.

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