Prozess in Frankfurt: Die Angeklagten und das Opfer gehören zur Obdachlosen-Szene. (Symbolbild)
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Prozess in Frankfurt: Die Angeklagten und das Opfer gehören zur Obdachlosen-Szene. (Symbolbild)

Justiz

Prozess in Frankfurt: Obdachlose soll mehrfach vergewaltigt worden sein

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Das Landgericht Frankfurt macht drei Männern den Prozess. Sie sollen eine Frau in einem Abbruchhaus vergewaltigt haben. Die Angeklagten äußern sich bisher nicht.

Frankfurt - Wie sie in das Haus gekommen ist, daran kann sich Helga W. nicht mehr erinnern. Aus freien Stücken und bei Sinnen hätte sie das Abbruchhaus am Danziger Platz in Frankfurt jedenfalls niemals betreten. „Dieses Haus ist sehr unheimlich, da gibt es so viele Gänge“, erinnert sich die 49-Jährige am Dienstagmorgen im Zeugenstand des Landgerichts. „Man hatte mir gesagt, ich solle auf keinen Fall dieses Haus jemals betreten – es könnte sein, dass ich nicht mehr lebend rauskomme.“ Rausgekommen ist Helga W., aber ihr Leben ist nicht mehr dasselbe.

Prozess in Frankfurt: Angeklagte müssen sich wegen Vergewaltigung verantworten

Die Anklage, die kurz davor verlesen worden war, führt an den Rand der Gesellschaft und die Grenzen der Vorstellungskraft. Martin S. (44), Angel I. (52) und Nay A. (28) müssen sich wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung verantworten. In der Nacht auf den 21. Mai dieses Jahres sollen sie Helga W. in dem Haus in Frankfurt stundenlang und fast ununterbrochen vergewaltigt haben. Mal einzeln, mal zusammen, aber vor allem immer und immer wieder.

Ein Fluchtversuch der verzweifelten Frau wird laut Anklage von Martin S. verhindert. Erst als der Morgen graut und ihre Peiniger endlich schlafen, gelingt es der Frau, einen Hilferuf auf einen Notizzettel zu schreiben und den aus einem Fenster zu werfen. Eine Passantin findet den Zettel und informiert die Polizei. Helga W. wird in ein Krankenhaus gebracht, grün und blau geschlagen und mit entzündetem Unterleib. Das nun angeklagte Trio wird kurz darauf festgenommen.

Angeklagte und Opfer gehören zum Obdachlosenmilieau in Frankfurt

Keiner der drei will sich am Dienstag äußern, weder zur Person noch zur Anklage. So ist es Helga W., die die Geschichte erzählt. Es ist eine in mehrfacher Hinsicht gruselige Geschichte. Sie spielt im Obdachlosenmilieu von Frankfurt, zu dem die Angeklagten ebenso gehören wie das Opfer. Auch W. ist derzeit wegen eines nicht näher erklärten Delikts inhaftiert und wird in Handschellen vorgeführt.

Sie könne sich noch erinnern, wie sie am Nachmittag des 20. Mai auf einer Wiese nahe der EZB bei einer Milieuparty Martin S. kennengelernt habe. Eigentlich hätten sie sich gut verstanden und sie habe auch nicht viel mehr als einen Liter Wodka intus gehabt, was für ihre Verhältnisse dem Zustand der Nüchternheit ziemlich nahe komme. Dennoch setze ihre Erinnerung auf der Wiese aus. Und setze erst wieder ein in dem Haus, vor dem sie sich immer so gefürchtet habe. „Ich wäre nie in dieses Haus gegangen!“ Das Haus, das man nur durch einen Tunnel erreichen könne, den man erst einmal finden müsse, habe in der Obdachlosenszene einen Ruf, und keinen guten. Normalerweise nächtige sie auf dem Jüdischen Friedhof.

Prozess in Frankfurt: Opfer schildert viele Einzelheiten

Die Einzelheiten ihres Martyriums schildert Helga W. mit einer bemerkenswerten Klarheit, die beweist, dass sie sich ihren Verstand noch nicht vollends weggetrunken hat. Und mit erstaunlicher Gefasstheit. Nur selten bricht es aus ihr heraus. Dann aber richtig. „Diese Männer wissen gar nicht, was sie mir angetan haben“, sagt sie dann. „Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht daran denke.“

Dass sie sich nicht an alle Details erinnern kann, verwundert niemanden. Eine Sache aber ist rätselhaft: Helga W. beteuert, dass Nay A., der jüngste der Angeklagten, in jener Nacht gar nicht im Haus gewesen sei. Dafür aber andere Männer, von denen sie zumindest einige aus den Häusern der Caritas kenne. Dass A. dennoch verhaftet worden sei, könnte daran liegen, dass seine DNA an ihr gefunden worden sei. Dies könne auch daran liegen, sagt W., dass sie zuvor auf der Partywiese einen Mann gegen eine Bezahlung von 30 Euro oral befriedigt habe – aus freien Stücken. Ob es sich bei diesem Mann um A. gehandelt habe, will die Vorsitzende Richterin wissen. Das könne sie nicht beantworten, sagt Helga W. „Sein Gesicht habe ich ja nie gesehen.“ Ein Urteil wird für Mitte Dezember erwartet.

Bereits im April dieses Jahres soll eine Frau ebenfalls von drei Männern in Wiesbaden vergewaltigt worden sein. Einer der Tatverdächtigen war zum damaligen Zeitpunkt der Freund des Opfers. (Stefan Behr)

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