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Liesel Christ tauft die „Minna“, das rollende Theater der Landesbühne Rhein-Main. Carl Tesch freut sich im Vordergrund als Zweiter von rechts.

Stadtgeschichte

Der vergessene Sohn

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Dem Frankfurter Theatermacher und Volkspädagoge Carl Tesch soll ein bleibendes Andenken geschaffen werden.

Carl Tesch wird wohl für immer im Schatten seiner Mutter stehen. Nach der Widerstandskämpferin und Frauenrechtlerin Johanna Tesch sind in Frankfurt ein Platz, eine U-Bahn-Haltestelle und bald auch eine Schule benannt. An den jüngsten ihrer drei Söhne erinnert in Frankfurt bislang nichts. Dabei hat sich der Gewerkschafter und Kulturfunktionär um die Stadt sehr verdient gemacht. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur viele Jahre der Leiter des Frankfurter Bunds für Volksbildung und brachte die Erwachsenenbildung entscheidend voran, sondern hob auch das zeitweise sehr renommierte Theater am Turm aus der Taufe.

Aus dem Frankfurter Bund für Volksbildung entstand 1956 als eigene Abteilung die Volkshochschule. Für die arbeitete von 1977 bis 2014 auch Martin van de Rakt. Als er zum 30-jährigen Bestehen der AG Arbeit und Leben recherchiert, stößt er auf eine Festschrift von Kai Gniffke: „Volksbildung in Frankfurt am Main, 1890 bis 1990“. Darin begegnet ihm immer wieder der Name Carl Teschs. Gniffke, seit Anfang des Monats Intendant des SWR, bezeichnet Tesch als „Schlüsselfigur der Volksbildungsarbeit“ und folgert wenig später: „Tesch war die Symbolfigur für die Verbindung von Arbeiterbewegung und Erwachsenenbildung in Frankfurt nach dem Krieg.“ Van de Rakt wundert sich und sagt heute: „Ich bedaure, dass er in der Volkshochschule gar nicht mehr präsent ist.“

Das Schicksal des Vergessenwerdens ereilt den gelernten Werkzeugmacher schon früh, wie Gniffke konstatiert: „So schmerzhaft der Verlust von Carl Tesch für die Mitarbeiter und Mitglieder des Bunds für Volksbildung ist, an seinem Nachlass hat zunächst niemand Interesse. Teschs umfassende Sammlung von Aktenstücken, Programmheften und Flugblättern wandert komplett in den Müll. Der Grund: Platzmangel.“

Wilhelm, Friedrich und Carl Tesch (v. l.) anno 1907.

Im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte lagert eine große Kiste mit dem Nachlass der Familie Tesch. Doch auch dort findet sich kaum etwas über den jüngsten Sohn Carl, der eigentlich „Karl“ getauft wurde. Das wohl eindrücklichste Dokument in dem Nachlass ist ein Brief, den Carls Vater Richard im November 1944 aus der heimischen Tilsiter Straße 8 „An die Kanzlei des Führers“ nach Berlin schreibt. Es ist ein ergreifender Beleg für das tragische Schicksal der Familie Tesch. Sohn Friedrich fiel im Ersten Weltkrieg, Sohn Wilhelm kam im Oktober 1943 als Flaksoldat ums Leben, der jüngste Spross Carl sitzt damals in einem Internierungslager in der Schweiz. „Ich habe daher außer meiner Frau niemand, der für mich sorgen könnte“, schreibt Vater Richard, 70 Jahre und gesundheitlich sehr eingeschränkt, und bittet darum, doch wenigstens seine Frau Johanna aus dem Konzentrationslager in Ravensbrück freizulassen. Doch seine Frau stirbt, so viel ist allgemein bekannt, vier Monate später in ebenjenem KZ. Überlebt wird Richard, der 1962 stirbt, nur vom jüngsten Sohn Carl.

Carl wuchs mit seiner Familie in der Arbeitersiedlung Riederwald auf und begann früh, sich politisch zu engagieren. Seine Arbeit für die SPD und die Gewerkschaft führten ihn Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo er schließlich Leiter der Volksbibliothek wurde.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor er seine Stellung und ging zurück nach Frankfurt. Er arbeitete im Untergrund, musste 1935 aber fluchtartig die Stadt verlassen. Seine Eltern bittet er in einem Brief, ihm warme Sachen in die Schweiz zu schicken. In der Schweiz wird Tesch auch nur teilweise glücklich. Zwar heiratet er dort die ebenfalls aus Frankfurt emigrierte Margot Weyel, im März 1941 wird er aber in ein Arbeitslager für Migranten im Tessin gesteckt. Kurz nach der Internierung wird Teschs Tochter Sonja geboren.

Nach dem Krieg kehrt die junge Familie nach Frankfurt zurück. Else Epstein, die nach dem Tod ihres Mannes Wilhelm den Frankfurter Bund für Volksbildung (FBfV) wieder aufbauen will, sucht einen Sozialisten, der das Vertrauen der Arbeiter genießt und findet schließlich Carl Tesch. Die erste Geschäftsstelle des FBfV wird in Teschs Wohnung in der Hartmann-Ibach-Straße 60 eingerichtet. Zu einer der ersten Amtshandlungen von Tesch gehört die Wiedergründung der Volksbühne. Volksbildung und Theater werden von der darbenden Bevölkerung dankbar angenommen. Um über die Stadtgrenzen hinaus wirken zu können, gründet Tesch daher die Landesbühne Rhein-Main, die 1956 mit einer gewissen Liesel Christ als „Minna von Barnhelm“ erstmals auf Tour geht. Tesch organisiert darüber hinaus große Ausstellungen in der Paulskirche: 1963 über das Warschauer Ghetto, 1964 über den Auschwitz-Prozess.

Ostern 1940 im schweizerischen Herisau mit seiner Frau Margot. Kurz darauf wird er festgenommen.

Der FBfV expandiert indes weiter und übernimmt Räumlichkeiten im wieder aufgebauten Volksbildungsheim. 1963 erhält die Landesbühne mit dem Theater am Turm (TaT) erstmals einen eigenen Theatersaal, mit den Intendanten Claus Peymann und Rainer Werner Fassbinder erfährt das TaT bundesweite Bekanntheit.

Tesch erhält für seine Verdienste 1962 die Ehrenplakette der Stadt und 1967 auch noch die Goetheplakette. Doch ein bleibendes Andenken für den 1970 verstorbenen Kulturförderer schaffen die Stadt oder der Bund für Volksbildung nicht.

Das will van de Rakt ändern. „Seit den 90er Jahren habe ich das immer wieder mal probiert“, sagt der 76-Jährige. Nun scheint er endlich Gehör zu finden. Ein breites Bündnis unterstützt am heutigen Freitag im Historischen Museum einen Vortrag des Stadthistorikers Dieter Wesp. Er hat sich zuletzt ein halbes Jahr mit Carl Tesch beschäftigt. „Tesch war nicht der Politiker vorne an der Bande, aber ein ganz zäher Organisator“, urteilt Wesp.

Bei seinen Recherchen hat Wesp auch Sonja Tesch besucht. Die Tochter von Carl und Enkelin von Johanna Tesch lebt in Hamburg, wird aber am Freitag im Historischen Museum erwartet. Die Tochter freut sich über das Interesse an ihrem Vater. „Er ist in seiner Arbeit aufgegangen und war mit Leib und Seele ein Volksbildner“, erinnert sich die 77-Jährige.

Sonja Tesch bewahrt ein umfangreiches Archiv über ihren Vater, was erklärt, warum im Institut für Stadtgeschichte kaum etwas über ihn zu finden ist. „Es ist aber testamentarisch festgelegt, dass die das alles bekommen, ich wollte mich nur noch nicht davon trennen“, sagt die Tochter.

In ihrem Archiv findet sich auch das letzte Foto ihres Vaters. Es zeigt ihn bei einer Bilderschau in den Römerhallen, aufgenommen von Barbara Klemm. Erschienen ist es in der FAZ am 20. Januar 1970. In der Bildunterschrift ist ganz unpersönlich von einem „alten Herrn“ die Rede. Offensichtlich hatte die Redaktion Tesch gar nicht erkannt. Das Schicksal des vergessenen Sohns.

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