+
Keine Mauer, kein Trabbi, kein Jubel: Die Bildungsstätte Anne Frank zeigt eine alternative Perspektive auf die Wiedervereinigung.

Ausstellung

Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank: Vergessene der deutschen Einheit

  • schließen

Die Bildungsstätte Anne Frank beleuchtet Schicksale von Minderheiten vor 30 Jahren.

Eine Lupe liegt auf einem Leuchtpult bereit, Dias sind auf ihm verteilt. Wer durch das Brennglas blickt, sieht Deutschland: einen Baumarkt, eine Kegelsporthalle und das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar. Auch Nelson Munhequete ist auf Bildern zu sehen, ein ehemaliger mosambikischer Vertragsarbeiter in der DDR. Es ist 2017 und er reist durch das Land, das ihn nach der Wiedervereinigung arbeitslos machte und fallen ließ.

Zur 30. Wiederkehr der deutschen Einheit jagt wieder ein Festakt den nächsten, die Protagonisten von einst kommen zu Wort und die ikonischen Jubelbilder vom Mauerfall werden groß gedruckt. Doch den Herbst 1989 verbindet nicht jeder mit Freudentaumel. In der Bildungsstätte Anne Frank wird deswegen die Lupe ausgepackt und der Blick auf wenig beachtete Geschichten gelenkt.

Am Mittwoch eröffnet dort die Foto- und Video-Ausstellung „Anderen wurde es schwindelig. 1989/90: Schwarz, jüdisch, migrantisch“. Der Titel stammt aus einem Gedicht der Lyrikerin May Ayim, die darin das Aufkeimen rassistischer Angriffe im Zuge der Wende verarbeitete.

Robin Koss hat die Ausstellung mitentwickelt und betont: „Die Stimmen sind da, sie werden nur nicht gehört.“ Mit dieser Ausstellung verschaffe man ihnen nun Gehör. Koss bildet mit Marion Dubberke und Sonja Palade das junge dreiköpfige Kuratorenteam. In der Ausstellung setzen sie vor allem auf audiovisuelle Inhalte wie die Dias des Künstlers Malte Wandel. Sie sind Teil seiner Langzeitrecherche „Einheit, Arbeit, Wachsamkeit“, die das Schicksal mosambikanischer Vertragsarbeiter aufarbeitet.

Schau zeigt zwei Videoarbeiten

Daneben zeigt die Schau zwei Videoarbeiten. In Dauerschleife läuft ein Essayfilm von Hito Steyerl, der den Potsdamer Platz der 90er Jahre als symbolträchtigen Ort des vereinten Deutschlands untersucht. Mittels Überblendungen eigener Aufnahmen und Archivmaterials überlagern sich fließend unterschiedliche Zeitebenen. Eigens für die Ausstellung produzierte das Kollektiv spot_the_silence zudem Video-Interviews mit unter anderem schwarzen, jüdischen und queeren Zeitzeugen. Sie berichten, wie sie ausgegrenzt und zunehmend Opfer nationalistischer Stimmung wurden. Einmal erscheint das Zitat: „Was wollt ihr denn hier? Das ist unsere Vereinigung!“

Das Begleitprogramm umfasst verschiedene Lesungen sowie Workshops für Jugendliche und Fortbildungen für Lehrkräfte.

Geöffnet ist montags bis freitags von 14 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr. Die Laufzeit beschränke sich, so die Kuratoren, bewusst nicht auf das Jubliäum im Herbst, sondern geht bis Anfang Mai.

So soll das lange marginalisierte Thema mehr Beachtung finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare