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Ludwig Landmann war von 1924 bis 1933 Oberbürgermeister von Frankfurt. 

Frankfurt

Ludwig Landmann - der verdrängte Frankfurter Oberbürgermeister

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Frankfurt erinnert an Ludwig Landmann, der von 1924 bis 1933 Stadtoberhaupt war und die Kommune in moderne Zeiten führte. 

Lange erschien es, als habe dieser Frankfurter Oberbürgermeister nie existiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ludwig Landmann oft totgeschwiegen, wenig gewürdigt. Obwohl er neun Jahre lang, von 1924 bis 1933, an der Spitze der Stadt gestanden hatte. Obwohl er, mit anderen zusammen, Frankfurt in dieser Phase in die moderne Zeit geführt hatte.

Der liberale Kommunalpolitiker erfuhr das Schicksal vieler Frauen und Männer, die von den Nationalsozialisten verfolgt und vertrieben worden waren. Im Nachkriegsdeutschland wollte eine große schweigende Mehrheit von den Leiden der Verfolgten nichts wissen – Verdrängung herrschte vor.

Erst am 1. Juli 1946 erfuhren die Frankfurterinnen und Frankfurter offiziell, dass das populäre Stadtoberhaupt bereits am 5. März 1945 gestorben war. In der zweiten Sitzung des Stadtparlaments teilte der von der US-Besatzungsbehörde eingesetzte OB Kurt Blaum den Tod Landmanns mit. Die Frankfurter Rundschau berichtete damals darüber. Erst langsam wurden die elenden Umstände des Todes bekannt. Landmann starb im letzten Zipfel der Niederlande, der noch von den Deutschen besetzt war, an Krankheiten, die durch Entkräftung und Unterernährung noch verstärkt worden waren. 1953 wurde sein Porträt in der Galerie der Oberbürgermeister im Frankfurter Rathaus aufgehängt (siehe obiges Foto).

Doch erst jetzt, im Jahr 2019, kommt etwas in Gang. Es erscheint eine Biografie des Politikers, geschrieben von Wilhelm von Sternburg, dem wir schon so manche stupende Lebensbeschreibung verdanken, etwa von Lion Feuchtwanger, Joseph Roth oder Arnold Zweig. Die Freunde und Förderer des Jüdischen Museums in Frankfurt stiften einen „Ludwig-Landmann-Preis für Mut und Haltung“. Und am 23. September gibt es in Frankfurt ein Symposium zu Ehren des früheren Stadtoberhaupts (siehe Hinweis auf dieser Seite).

Es wirkt das alles wie ein Signal in einer Zeit, in der die Verfälschung von Geschichte durch rechte Populisten wieder an der Tagesordnung ist.

Der liberale Jude Landmann hatte in seiner Geburtsstadt Mannheim bei der Stadtverwaltung begonnen. Der studierte Jurist stieg zum Stadtsyndikus auf, führte sogar zwei Mal, 1912/13 und 1914/15, interimsweise als Intendant das Nationaltheater Mannheim. Seine Berufung fand er aber im liberalen Frankfurt am Main. Schon 1916, also während des Ersten Weltkriegs, wählten ihn die Stadtverordneten zum Dezernenten für Wirtschaft, Verkehr und Wohnungswesen. Kurz zuvor war er aus der Jüdischen Gemeinde ausgeschieden und konfessionslos geworden.

Mitten im Krieg entwarf der neue Stadtrat in einer Denkschrift das Frankfurt der Zukunft. Er empfahl den Ausbau des Verkehrsnetzes: neue Straßenbahnen, Vorortlinien, Autostraßen. Eine besondere städtische Stelle sollte sich um die Ansiedlung von Industrie kümmern.

Als das Kaiserreich zusammenbrach und revolutionäre Arbeiter und Soldaten aufbegehrten, hielt sich Landmann abseits. Er war kein Freund des Umsturzes. Im Gegenteil: Er dankte später der SPD, dass sie eine „proletarische Diktatur“ verhindert habe.

Landmann wurde 1918 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), aber auch die Sozialdemokraten unterstützten ihn. Die DDP rief zur Kundgebung, als der jüdische Außenminister Walther Rathenau in Berlin durch ein Kommando der rechtsradikalen Organisation Consul ermordet worden war. Mehr als 50 000 Menschen kamen damals auf den Opernplatz.

Am 2. Oktober 1924 wählten SPD und DDP Landmann zum Frankfurter Oberbürgermeister. Diese politische Achse hielt bis 1929. Eine der großen Aufgaben, die der neue OB sofort anging, war die Ankurbelung des Wohnungsbaus. Er beauftragte Stadtbaurat Ernst May mit dem Programm Neues Frankfurt – von 1925 an entstanden insgesamt 12 000 Wohnungen in den Siedlungen, die es heute noch gibt: Römerstadt, Bornheimer Hang, Westhausen, Heimatsiedlung, Hellerhofsiedlung.

Konsequent baute Landmann die Infrastruktur der Stadt aus. 1924 begannen regelmäßige Flüge vom Flughafen Rebstock aus. Das Waldstadion wurde neu errichtet und war 1925 Schauplatz der ersten Arbeiterolympiade. Die Großmarkthalle entstand von 1928 an. Durch die Eingemeindung von Höchst, Teilen des Landkreises Höchst und von Fechenheim wuchs Frankfurt um 80 000 Einwohner und überschritt die Grenze von 500 000 Menschen. In der liberalen Atmosphäre der Landmann-Jahre arbeiteten die Soziologen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in Frankfurt. All das war vorbei, als 1933 die Nazis die Macht übernahmen.

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