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„Velo Frankfurt“ und „gesund leben“ locken in Eissporthalle

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Von: George Grodensky

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Auf der Außenbahn neben der Eissporthalle dürfen die Besucherinnen und Besucher Fahrräder ausprobieren.
Auf der Außenbahn neben der Eissporthalle dürfen die Besucherinnen und Besucher Fahrräder ausprobieren. © Oeser

Erstmals laufen am Wochenende beide Messen zusammen. Ein schlüssiges Konzept, findet nicht nur Frankfurts Gesundheits- und Verkehrsdezernent Majer (Grüne).

Es ist eine Premiere. Erstmals werden die Messen „Velo Frankfurt“ und „gesund leben“ gleichzeitig abgehalten. Auf einem Areal, der Frankfurter Eissporthalle und ihrem Außengelände. Anfang des Jahres seien die Möglichkeiten für Messen noch arg eingeschränkt gewesen, sagt Bianca Haag, die bei der Mediengruppe Frankfurt, zu der auch die Frankfurter Rundschau gehört, unter anderem die Abteilung Messen verantwortet. Darum musste die „gesund leben“ vom März in den Sommer ausweichen. Mit ihren Vorträgen, Ausstellerinnen und Ausstellern und dem großen Mitmachprogramm.

Wer nun aber am Wochenende übers Gelände geschlendert ist, hat eigentlich gar nicht gemerkt, dass es sich um zwei verschiedene Ereignisse handelt. Zu naheliegend ist eine Kombination der Themen Radfahren und Gesundheit. Von einem „schlüssigen Konzept“ spricht auch Stadtrat Stefan Majer (Grüne), das zudem wie maßgeschneidert für ihn sei. Immerhin verantwortet er derzeit beide städtische Dezernate: Gesundheit und Verkehr. Kleiner Nachteil: „Ich komme hier heute gar nicht mehr weg.“

Das Gefühl hat Majer allerdings nicht exklusiv. So viel gibt es zu entdecken. Da wären die „gesund-leben“-Vorträge. Erfreulich offen sind die gestaltet. In der großen und kleinen Eishalle sind einfach Logen abgetrennt, Besucherinnen und Besucher spazieren rein, lauschen ein bisschen und wenn ihnen der Vortrag gefällt, setzen sie sich hin. Oder spazieren wieder raus. So einfach sei das mit Tinnitus zum Beispiel nicht, referiert Michael Henning von Akustik Spezial. Wenn sich das nervige Ohrenpiepsen erst einmal eingenistet hat, ist guter Rat teuer.

Heute aber nicht, heute gibt es den Vortrag mit allen anderen zusammen, plus Gesundheitscheck, Sportprogramm, Fahrradberatung, Teststrecke und Show zum Eintrittspreis von nur zehn Euro. Das schont Geldbeutel und Nerven, weil man sich zig Besuche bei Fachhändler:innen und bei Ärzt:innen spart. Das ist dann auch gut gegen Tinnitus. Dabei versucht das Gehirn, eine Schädigung des Hörsystems im Hörzentrum auszugleichen. Relaxen, entspannen, zu sich kommen, das mag der Tinnitus gar nicht. Krach und Stress dagegen schon.

In der Messehalle ist es so laut nicht, der Boden dämpft den Schall, zum Glück haben die Veranstalter das sonst hier übliche Eis ersetzt. Auch die hohen Decken verhindern, dass sich Tohuwabohugefühl einstellt. Es ist ja auch keine Unmenge von Eishockeyfans da, die rhythmisch stampfen. Stattdessen federn die Menschen hier leichtfüßig, das fällt auf. Wahrscheinlich haben die sich alle schon auf der Mitmachfläche im Außenbereich ausgetobt. Zu der geht es einmal quer durch die Halle und dann die ganzen Treppen wieder hoch. Alleine das macht schon fit.

Draußen angekommen, fällt der Blick auf eine Gruppe Tänzerinnen und Tänzer, die erstaunlich synchron Tanz- und Laufbewegungen vollführen und dabei Schlagzeugstöcke schwingen. Damit sie sich nicht auf die Finger klopfen, sind die Trommelhölzer in Signalfarben gehalten. Beine hoch, Arme runter, Beine runter, Arme hoch, Stockeinsatz. Core-Drumming nennt sich das Workout. „Ein paar können es schon“, erklärt eine Teilnehmerin, warum das am frühen Morgen bereits so leichthändig klappt. „Probieren Sie es einfach aus, ist nicht so schwer.“ Aber: Qual der Wahl. Später folgen noch Bauch-Beine-Po, intensives Intervalltraining, Pilates, Hatha-Yoga.

Das Frankfurter Gesundheitsamt feiert ebenfalls eine Premiere. Es ist erstmals zu Gast auf der Messe, an Stand 46 zu finden, neben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Die Messe ist ein toller Dreh- und Angelpunkt rund ums gesündere Leben“, sagt Amtsleiter Peter Tinnemann. Was womöglich zum Entschluss beigetragen hat: Zur Fahrradmesse Velo kommen viele Familien.

So informiert die Stadt zum Thema Reisegesundheit, zu psychischer Gesundheit, zum bewussten Einsatz von Antibiotika und zu multiresistenten Erregern in Krankenhäusern. Und zum Zähneputzen. Immerhin unterhält das Amt eine ganze Abteilung, die Schulen und Kindertagesstätten besucht und bereits die Jüngsten mit der richtigen Zahnpflege vertraut macht. Warum? „Je früher man mit der Zahngesundheit anfängt, desto besser“, sagt Zahnärztin Sabine Hartmuth. Putzen sollen Kinder ab dem ersten Zahn. Die Milchzähne seien nicht einfach nur Platzhalter bis die richtigen kämen. Sie sind wichtige Kauwerkzeuge, wenn sie geschädigt sind, bekommen Kinder nicht nur Zahnschmerzen. Das kann auch auf den Magen schlagen, weil sie ihr Essen dann nicht mehr richtig kauen. Schlussendlich gilt es auch, Putzroutinen zu entwickeln.

Routiniert füllt derweil Stefan Lüdecke den Haftungsauschluss aus. Er wartet darauf, dass der offizielle Rundgang für Politik und Wirtschaftsförderung beginnt. Das Formular brauchen Besucherinnen und Besucher, wenn sie auf der Teststrecke etwas ausprobieren wollen. Ob er als Referent im Frankfurter Verkehrsdezernat nicht schon alles über jedes einzelne Verkehrsmittel wisse? Nein, sagt Lüdecke. Die Entwicklung von Neuheiten gehe bei Fahrrädern so schnell, er wolle sich auf jeden Fall bei der Velo umschauen. Und testen.

Sein Chef, Verkehrsdezernent Majer, hat sich just ein neues Rad zugelegt, für anspruchsvollere längere Fahrten, sagt er. Aber kein E-Bike. Da zögere er noch. Martin Menger von der Geschäftsführung der Varisano-Kliniken hat den Schritt dagegen gewagt. Eigentlich will er gerade den Krankenhausneubau Höchst vorstellen, ein besonders energiesparendes Gebäude, zertifiziert von Deutschen Passivhausinstitut. Aber wenn es ums Rad geht, diskutiert er ebenfalls gerne mit. Sein E-Bike sei beim Fahren ganz wunderbar. Aber die Mittelstange zu hoch, das bereite ihm beim Aufstieg Kopfzerbrechen. Seine Hüften würden auch nicht jünger, sagt der 63-Jährige. Worauf man alles achten muss!

Jens Deutschendorf (Grüne), Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen, ist mehr der Rennradtyp. Er sei sogar das 1.-Mai-Rennen mitgefahren, sagt er, am Feldberg habe er aber ein Panne gehabt, was ihn wertvolle Zeit gekostet habe. Referent Lüdecke war ebenfalls im Feld, hat aber wegen Krämpfen den Mammolshainer Stich ausgelassen. Der 1. Mai sei noch zu früh im Rennkalender, da sind sie sich einig. In den kalten und unfreundlichen Monaten davor zieht es einen nicht so zum Training hinaus.

Das Juniwetter zeigt sich dagegen den Messegästen freundlich zugewandt. Das überträgt sich auf die Stimmung in den Hallen und auf dem Außengelände. Stadtrat Majer wird angesprochen, ob er nicht für das Volksbegehren Verkehrswende unterschreiben wolle. Hat er wahrscheinlich schon. Einen Meter weiter verteilt Joachim Hochstein, Leiter des Frankfurter Radfahrbüros, die erste wirkliche Frankfurter Fahrradkarte. Im Maßstab 1:25 000 zeigt sie 1614 Kilometer Radnetz in Frankfurt und Umgebung. Und fast alle Straßennamen.

Das mutet manchem im digitalen Zeitalter allerdings anachronistisch an. Doch „so verlockend die digitalen Hilfen sind“, sagt Dezernent Majer, mit einer Faltkarte lasse sich besser ein Bild der Stadt machen. Eine Karte braucht nebenbei bemerkt auch keinen Akku, denkt sich der Reporter, der seit einer halben Stunde ohne Smartphone auskommen muss und langsam nervös wird deswegen.

Wer beim Radeln nervös wird, findet gute Tipps auf der Kartenrückseite. Streckenübersichten, wie lange man darauf unterwegs ist, allerdings für Normalradlerinnen und -radler, nicht für Rennradler, ulkt Hochstein in Richtung Staatssekretär. Der fragt nüchtern nach dem Zustand der Frankfurter Radwege.

Da sei man froh über die Beschlüsse aus dem Frankfurter Radentscheid. Die lieferten eine „starke politische Grundlage“ wie Hochstein sagt, das Radwegenetz zu verbessern. „Wir arbeiten ein enormes Programm ab“, sagt Majer, das gehe nicht ohne Eingriffe in den städtischen Raum. Und nicht ohne Geld, assistiert nun Deutschendorf. 2021 haben Bund und Land elf Millionen Euro Fördermittel für den Radverkehr Frankfurt gegeben.

Core-Drumming: Workout mit Stockeinsatz.
Core-Drumming: Workout mit Stockeinsatz. © Oeser

Inzwischen ist die Gruppe unterm Membrandach des Außengeländes angekommen. Die Teststrecke, den Rundkurs, hat man mit Hilfe von Streckenposten gefahrlos überwunden, jetzt staunen alle über das neu entwickelte Lastenrad von „Cluuv“ aus Wiesbaden. Susanne Eidmann, vormals Unternehmensberaterin, hat sich selbstständig gemacht. Sie hatte gerade ihr zweites Kind bekommen und sich gefragt, wie sie den Nachwuchs sicher und umweltschonend durch die Stadt bringen solle. Die Lösung ist ein großes Lastenrad mit E-Motor, sicheren Sitzen, einer Art Überrollbügel, Stauraum, stabilem Ständer, in Deutschland und Europa produziert.

Die Politik staunt aber nicht nur, sondern denkt weiter. „Wenn wir vom Ausbau der Infrastruktur für Fahrräder sprechen, müssen wir die Lastenräder mitdenken“, sagt Deutschendorf. Die herkömmlichen Abstellbügel reichten da nicht mehr, sagt auch Stadtrat Majer. In den Keller kann man ein schweres Lastenrad auch nicht einfach bringen und draußen lassen, ist bei den Investitionskosten nicht gerade eine Alternative. Der Einstiegspreis liegt bei Cluuv bei 7600 Euro, mit Sitzen und Verdeck bei 9400 Euro. Den einen oder andern Parkplatz oder Tiefgaragenplatz könnte man für Abstellboxen aufgeben, wünscht sich Eidmann darum.

Dann ist der Rundgang vorbei. „Frankfurt entwickelt sich zum Meeting Point für alle, die das Thema Fahrrad weiterdenken“, bilanziert Majer erfreut. Vom 13. bis zum 17. Juli steht das nächste große Event an, die Eurobike, die globale Leitmesse fürs Fahrradgeschäft. Ob da dann auch so viel vorbeirollt wie an der Teststrecke der Eissporthalle?

Eine Frau steuert ein E-Bike, das den Motor so dezent versteckt, es könnte auch ein konventionelles Rad sein. „Das andere hat mir aber besser gefallen“, sagt die Frau trotzdem. Sie hat sich die Messe extra eingetragen, um endgültig zur Entscheidung zu kommen, welches E-Bike sie sich kauft. Die ist gefallen.

Nicht zuschlagen wird dagegen Steffi Gleitsmann. Und das nicht, weil sie vom vielen Core-Drumming auf der „gesund leben“-Messe wunde Arme bekommen hat. Aber das Tandem, das sie mit ihrer Tochter testet, ist zu ungelenk für den normalen Straßenverkehr. Gleichwohl es ein großer Spaß sei, damit zu fahren. „Jeder sollte mal mit einem Tandem gefahren sein“, empfiehlt sie noch. Eine Möglichkeit, das umzusetzen bietet die Tandem-Messe aus „gesund leben“ und Velo Frankfurt. Womöglich sind die beiden im kommenden Jahr wieder zusammen. In die Karten schauen lassen will sich Bianca Haag von der Mediengruppe Frankfurt da noch nicht. Ihr Team wird das Wochenende erst einmal in Ruhe auswerten. Bloß keinen Tinnitus riskieren.

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