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Uwe Becker hat in Bezug auf Israel enge Verbindungen zu Land und Leuten aufgebaut.
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Uwe Becker hat in Bezug auf Israel enge Verbindungen zu Land und Leuten aufgebaut.

PORTRÄT DER WOCHE

Uwe Becker: Zwischen Enttäuschung und Kampfeslust

  • Georg Leppert
    VonGeorg Leppert
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Als Bürgermeister und Kämmerer muss Uwe Becker in Frankfurt mit seiner Abwahl rechnen. Als Antisemitismusbeauftragter ist er gefragter denn je.

Wer sich in diesen Tagen mit Uwe Becker unterhält, erlebt zwei Seiten des 51-Jährigen. Zum einen ist er enorm kämpferisch. Zum anderen ist er … nein, nicht resigniert, aber schon enttäuscht, verletzt und frustriert.

Beginnen wir mit der kämpferischen Seite, denn sie ist gerade gefragter denn je. Seit zwei Jahren ist Uwe Becker Antisemitismusbeauftragter der hessischen Landesregierung, und in dieser Funktion legt er sich in dieser Zeit, in der israelische Städte Tag für Tag unter Raketenbeschuss der Terrororganisation Hamas stehen, auch mal mit der Prominenz an.

Als Außenminister Heiko Maas (SPD) auf Twitter „beide Seiten“ aufforderte, „diese wirklich explosive Lage zu entschärfen“, sprach Becker von einem „völlig inakzeptablen Kommentar“ und schrieb zurück: „Vielleicht können die israelischen Familien im Süden des Landes gerade nichts zur ,Deeskalation‘ beitragen, weil sie mit ihren traumatisierten Kindern in Schutzräumen um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten.“ Und auch über Eintracht-Spieler Amin Younes äußerte sich Becker. Younes hatte das Foto eines Palästinensers mit Fahne in der Jerusalemer Altstadt vor heranrückenden israelischen Soldaten veröffentlicht und dazu geschrieben: „Möge Allah mit Dir sein!“. Becker nannte solche Veröffentlichungen ebenfalls „inakzeptabel“ und forderte die Vereinsführung der Eintracht auf, das Gespräch mit dem Spieler zu suchen. Das geschah dann auch.

Uwe Becker ist kein Jude. Das muss der Frankfurter CDU-Politiker häufiger klarstellen, seit er als Reaktion auf antisemitische Angriffe im Sommer 2014 einen Tag lang Kippa trug. Manche sprachen danach hinter vorgehaltener Hand von Populismus, doch das stört Becker nicht. Er hielt es für das richtige Zeichen. Becker selbst ist katholisch und „damit sehr zufrieden“, wie er seinerzeit sagte. Das ist etwas untertrieben. Wer mit Becker schon mal an den heiligen Stätten in Jerusalem war, wer seine Facebook- und Twitter-Nachrichten zu Ostern und Weihnachten liest, wer sich die Bilder anschaut von seinem Treffen mit dem Papst, der ahnt, dass ihm sein Glaube sehr viel bedeutet.

Dass Jüdinnen und Juden ohne Angst leben sollen, in Frankfurt wie in Tel Aviv, und gerade Deutsche in der Pflicht stehen, dieses Leben zu ermöglichen, das war Becker aber stets klar. 2004 besuchte er auf einer Delegationsreise erstmals Frankfurts Partnerstadt Tel Aviv. „Ich verliebte mich sofort in das Land und die Leute“, sagt er. In den vergangenen 17 Jahren fuhr er immer wieder hin, er knüpfte Kontakte, auch zum israelischen Militär. Die Fotos von ihm neben hochrangigen Uniformträgern brachten ihm auch Kritik ein. Er betrachte den Nahostkonflikt zu einseitig, hieß es. Doch Becker wehrte sich. Israel werde bedroht von der Hamas, stellt er regelmäßig klar. Und die kümmere sich kein bisschen um die zweifelsohne bestehenden Sorgen der Palästinenserinnen und Palästinenser, sondern nutze die Bevölkerung nur aus.

Eines kann man Uwe Becker jedenfalls nicht vorwerfen: mangelndes Engagement. Wie er auch im Stadtparlament gegen Antisemitismus und Rassismus kämpft, wie er die AfD bloßstellt, wie er auch zur Verwunderung von Parteifreundinnen und -freunden offen sagt, die Bebauung des Frankfurter Börneplatzes sei ein Fehler gewesen, das beeindruckt auch Menschen, die weit weg von der CDU stehen. Ohnehin gehört er als CDA-Mitglied eher dem „linken“ Flügel der Union an. Bei der Wahl des Bundesvorsitzenden hat er für Armin Laschet gestimmt. Und den früheren Chef des Verfassungsschutzes und CDU-Direktkandidaten in Thüringen, Hans-Georg Maaßen, nennt er einen „Narzissten“.

Themenwechsel. Nun lernen wir die andere Seite von Uwe Becker kennen. Im zwei Sitzungen, eine im Juni, die andere einen guten Monat später, wird ihn die künftige Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt abwählen. Danach ist er nicht mehr Bürgermeister, nicht mehr Kämmerer, nicht mehr Kirchendezernent. 30 Jahre war Becker im Römer vertreten. Als politischer Beobachter für den Ortsbeirat in seiner Heimat Nieder-Eschbach, als CDU-Stadtverordneter, als Fraktionschef und Geschäftsführer, als Sozial- und Sportdezernent und seit 2007, pünktlich zu Beginn der Finanzkrise, eben als Kämmerer. In zwei Monaten wird damit Schluss sein.

Abwahl

Hauptamtliche Dezernenten werden in zwei Sitzungen abgewählt, zwischen denen mindestens vier Wochen liegen müssen. So sieht es die Hessische Gemeindeordnung vor.

Im Frankfurter Stadtparlament soll es deshalb am 9. Juni eine Sondersitzung geben. Einziger Tagesordnungspunkt ist die (erste) Abwahl der CDU-Stadträte Daniela Birkenfeld (Soziales), Markus Frank (Ordnung, Wirtschaft, Sport), Jan Schneider (Bauen) und Uwe Becker (Kämmerer).

In der Sitzung am 15. Juli sollen sie ein zweites Mal abgewählt werden. Anschließend werden neue Stadträte ins Amt gewählt. geo

Becker macht keinen Hehl daraus, dass er gerne geblieben wäre. Es wäre auch albern, wenn der Christdemokrat, dem seit fast zehn Jahren nachgesagt wird, er wolle Oberbürgermeister werden, nun einfach lächelnd eine Phrase wie „Das ist Demokratie“ zum Besten geben würde. Bemerkenswert aber ist, dass er offen über seine Wut auf die Grünen spricht. Von denen fühlt er sich verraten und verkauft.

Alle bei der CDU waren davon ausgegangen, dass die Grünen als Wahlsieger eine Koalition mit den Christdemokraten anstreben würden. Schließlich arbeitete man seit 15 Jahren erfolgreich zusammen, wie beide Seiten immer wieder betonten. Doch es kam anders.

Die CDU fühlte sich regelrecht „vor die Tür gesetzt“, wie Becker sagt. Zumal hochrangige Grüne zumindest in den öffentlichen Mitgliederversammlungen den Eindruck vermittelten, als habe ein Bündnis mit der CDU – etwa in einer Jamaikakoalition – nie ernsthaft zur Debatte gestanden. Bei den Grünen sprach auch kaum jemand davon, dass die Neuorientierung für den einstigen Koalitionspartner bitter sein müsse, von Dank war sehr wenig zu spüren.

Becker hat das registriert, es ärgert ihn. So sehr, dass er sagt: Sollte die CDU die nächste Wahl gewinnen, „werden die Grünen nicht unser erster Ansprechpartner für eine Koalition sein“. Mag sein, dass dieser Satz der Emotion geschuldet ist, zumal die CDU vermutlich auch in fünf Jahren nicht so fürchterlich viele potenzielle Koalitionspartner haben wird. Zumindest aber „haben die Grünen verbrannte Erde hinterlassen“, so Becker.

Zynisch könnte man sagen: Becker hätte wissen müssen, dass ihn die Grünen einmal sehr enttäuschen würden. Schließlich war die Partei der Grund, dass er als Jugendlicher in die Junge Union eintrat. Sein Vater, von Beruf Fabrikarbeiter, stand den Sozialdemokraten nahe. Doch als sich die SPD in den 80er Jahren zu den Grünen hin orientierte, konnte Uwe Becker mit dieser Entwicklung gar nichts anfangen und orientierte sich politisch zu den Konservativen.

Nun fürchtet der CDU-Politiker für Frankfurt einen Linksruck, der gerade in der Finanzpolitik spürbar sein werde. Dabei wird doch immerhin die FDP in der Regierung sitzen und nicht die Linke. Ein klassisches Linksbündnis wäre auch möglich gewesen und wurde von vielen Grünen durchaus bevorzugt. Becker lächelt gequält. „Schlimmer geht es immer“, sagt er.

Auch diese Form von bissiger Ironie zeichnet ihn aus. Anders als viele glauben, ist der gelernte Bankkaufmann Becker, der vor seinem Wechsel in die Politik als Personalreferent bei der Frankfurter Sparkasse arbeitete, kein „trockenes Brötchen“. Diese Zuschreibung habe ihn immer gestört, sagt er: „Ich kann gut mit Kritik umgehen, aber das stimmt einfach nicht.“

Antisemitismusbeauftragter wird Becker bleiben. Gleichzeitig bastelt er aber an seiner beruflichen Zukunft außerhalb des Römer. Spruchreif ist noch nichts. Nur eines ist Becker klar. Den Sitzungen, in denen er abgewählt wird, wird er beiwohnen. Von der ersten bis zur letzten Minute. „Ich bin bis zum Tag der Abwahl um Mitternacht gewählt“, sagt er: „Und so lange werde ich der Stadt dienen.“

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