US-Wahl

„Da stehen uns alle Haare zu Berge“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

In der US-Community in Frankfurt am Main herrscht nach der Wahl Enttäuschung. Kritik wird an der Arbeit der Demoskopen geäußert.

Für die 15 000 Menschen mit US-Staatsbürgerschaft in Frankfurt und der Rhein-Main-Region ist es eine kurze Nacht gewesen. „Zwei bis drei Stunden“ hat Pfarrer Jeffrey Myers geschlafen und auch Barbara Chap, die Vorsitzende der „Democrats abroad“ in Hessen, kaum mehr. Vor dem Fernsehgerät und im Internet haben die US-Bürgerinnen und -Bürger wie auch die Deutschen mit großer Überraschung verfolgt, wie knapp der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl gerät. Und wie eng die Resultate auch der Wahlen zum Senat und zum Repräsentantenhaus ausfallen.

Für Eric Menges, den Geschäftsführer der Frankfurt-Rhein-Main GmbH, die Stadt und Region international vermarktet, zeigt das vorläufige Ergebnis der Wahlen das zweite Versagen der Demoskopen, die schon den Ausgang der US-Wahl 2016 falsch prognostiziert hatten. „In vielen Fällen herrscht ein grobes Unverständnis der Verhältnisse und der Mentalität in den USA“, urteilt der Manager. Marc C. Hilgard, der Präsident des American German Business Clubs in Frankfurt, sieht das ganz ähnlich. „Wir haben von Deutschland aus immer die Ostküste der USA im Blick und die Westküste, aber nicht das ganze Land dazwischen“, erklärt er. Auch jetzt sei der Blick von Deutschland auf die USA wie schon 2016 „von einem gewissen Wunschdenken“ geprägt worden.

Manager wie Menges oder Hilgard können sich dieses Wunschdenken nicht leisten. Bei ihnen geht es um knallharte wirtschaftliche Interessen. Seit 200 Jahren ist Frankfurt das ökonomische Zentrum für die US-Wirtschaft in Deutschland. Bereits 1829 wurde in der Stadt das erste US-Generalkonsulat eröffnet, mehr als 1000 US-Firmen sind in Frankfurt und der Region repräsentiert. Für Hilgard ist es wichtig, dass diese ökonomische Bedeutung erhalten bleibt, gleich, welcher Kandidat die Präsidentschaftswahl gewinnt.

Internetrekord

Das riesige Interesse an der Präsidentschaftswahl hat dazu beigetragen, dass der Frankfurter Internetknoten DE-Cix am Dienstagabend so stark ausgelastet war wie noch nie in seiner Geschichte. Kurz vor 20 Uhr soll eine „Schallmauer“ durchbrochen worden sein: Erstmals gab es einen Datendurchsatz von zehn Terabit pro Sekunde. Das entspreche der Übertragung von mehr als 2,2 Millionen Videos in HD-Qualität gleichzeitig, hieß es.

Auswirkungen der US-Wahlen seien weltweit zu spüren gewesen, heißt es. Auch die DE-Cix-Standorte in New York, Madrid, Marseille, Istanbul und Dubai hätten Spitzenwerte beim Datendurchsatz registriert. Allgemein ist der Datenverkehr allerdings in der Krise extrem angestiegen. Die heutigen Werte im Frankfurter Internetknoten liegen 40 Prozent über denen des Vorjahres. Das habe mit Homeoffice, aber auch der Nutzung von Filmen und Spielen über das Internet zu tun. cm

Der Präsident des American German Business Clubs spart dennoch nicht mit klaren Worten zum Verhalten des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. „Dass man sich lange vor dem Ende der Auszählung aller Stimmen zum Sieger der Wahl erklärt, da stehen uns alle Haare zu Berge“, urteilt er. Und fügt hinzu: „Die Wiege der Demokratie leistet sich zur Zeit einige unmögliche Dinge.“

Für die Mitglieder der Demokratischen Partei in Frankfurt und Hessen, die 1300 „Democrats abroad“, beginnt vielleicht eine zweite bange Nacht. „Wir sind ein bisschen enttäuscht“, gesteht die Vorsitzende Barbara Trap. „Dass es so knapp ist“, hätten die Demokraten nicht erwartet. Und natürlich alarmiert sie die Forderung von Präsident Trump, die Auszählung der Stimmen zu stoppen. „Wenn Trump durch Betrug gewinnt, wäre das schlimm.“ Bei den Demokraten herrscht auch die Angst vor Auseinandersetzungen in der Heimat: „Viele der Anhänger Trumps sind gewaltbereit“, sagt Chap, die seit 27 Jahren in Deutschland lebt und aus Orlando in Florida nach Frankfurt kam. Die Rechtsanwälte der Demokraten seien aber auch auf eine juristische Auseinandersetzung bis zum Obersten Gerichtshof vorbereitet.

Eric Menges, der Geschäftsführer der Frankfurt-Rhein-Main GmbH, rät den Deutschen zu mehr Gelassenheit. Ganz wichtig sei: „Wir haben das Wahlergebnis zu akzeptieren, ganz gleich, wie es ausgeht.“ Aber wie kann die zutiefst gespaltene US-Gesellschaft wieder zusammenwachsen? Reavis Hilz-Ward lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland und arbeitet als Coach. Die Amerikanerin setzt auf „viele kleine Bewegungen der Zivilgesellschaft“, die in den USA bereits existierten und die zur Versöhnung beitragen könnten.

Die frühere Managerin einer großen Geschäftsbank hat in der Wahlnacht „sehr auf einen blauen Tsunami gehofft“, auf einen großen Sieg der Demokraten also. Natürlich ist sie enttäuscht. Aber sie wünscht sich sehr, dass die US-Gesellschaft die Kraft zur Erneuerung besitzt. Erste Anzeichen gebe es. Bereits 2019 hätten sich 500 Vertreter beider großer Parteien getroffen und nach Wegen der Verständigung gesucht. Nach den Gesprächen „gab es die große gegenseitige Verteufelung nicht mehr“. Aber erst einmal beginnt eine zweite spannende Nacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare