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Urteil, Landgericht Frankfurt: Im Angesicht des Todis

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Von: Stefan Behr

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Fünf Haftstrafen und ein Freispruch im Prozess um Clan-Überfall auf Kiosk im Allerheiligenviertel.

Nach mehr als fünfmonatiger Hauptverhandlung wegen des Überfalls auf einen Kiosk anlässlich einer Clanfehde sind am Mittwoch fünf der sechs Angeklagten vom Landgericht zu Haftstrafen verurteilt worden.

Der 31 Jahre alte Ylli M. wurde wegen schweren Landfriedensbruchs und illegalen Waffenbesitzes zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt; der 24-jährige Ardisan S. freigesprochen. Nils Christian H., der vom Landgericht schon einmal wegen des Totschlags eines Cookies-Türstehers, der ihn abgewiesen hatte, zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, bekam diesmal wegen Landfriedensbruchs drei Jahre und neun Monate. Wegen desselben Delikts wurden auch Flaktrim H. (drei Jahre und sechs Monate), Viktor B. (drei Jahre und drei Monate) sowie Atahan Y. zu einem Jahr verurteilt, das er aber durch die U-Haft bereits mehr als abgesessen hat.

Die Tat in der Nacht auf den 29. Januar 2021 war spektakulär: Gegen 1 Uhr fahren acht Autos an dem Kiosk im Allerheiligenviertel vor, randvoll mit mindestens drei Dutzend schlecht gelaunter und gut bewaffneter Insassen. Einige haben Pistolen dabei, andere Baseballschläger, viele Totschläger, die sie selbst – auch vor Gericht – liebevoll „Todis“ nennen. Die Angreifer ballern etwas herum, treffen aber nur die Hausfassaden – bis auf einen Schützen, der sich vor Begeisterung wohl selbst in die Wade schießt. Die Angegriffenen verschanzen sich im Kiosk, ein Großaufgebot der Polizei befriedet das Areal und verhindert so Schlimmeres.

Das Scharmützel muss man wohl als Meeting der verfeindeten Großfamilien S. und N. betrachten. Beide arbeiten in einem Gewerbe, in dem man nicht viel von Videokonferenzen hält, sondern mehr auf den persönlichen Kontakt setzt.

S.-Familienmitglieder betreiben zudem den attackierten Kiosk. Casus belli war wahrscheinlich ein Besuch des S.-Clans bei Familie N., die dort eine gemütliche Pokerrunde sprengten und dem N.-Patriarchen wohl ein gutes Blatt versauten. Der jedenfalls sann auf Rache und rekrutierte zu diesem Behufe mehrere Mitstreiter aus dem Kollegen- und Bekanntenkreis. Erleichtert wurde die Suche durch die Tatsache, dass der Bruder des N.-Chefs Mitglied der Hells Angels ist, was auch die Tatbeteiligung von Nils Christian H. und die Anwesenheit etlicher amtlicher Rocker im ohnehin schon sehr bizarren Prozesspublikum erklärt.

Auch wenn Familie S. laut Vorsitzendem Richter „keinerlei Interesse an staatlicher Strafverfolgung“ hat, zeigt sie doch ein Faible für Revanche: Im März 2021 wird ein 38 Jahre alter Mann aus dem N.-Umfeld im Gallus von fünf Angreifern mit „Todis“ beinahe massakriert. Weitere spontane Meetings im Angesicht des Todis folgen, nicht nur in Frankfurt, sondern auch im Umland. Einige davon werden später an den Gerichten in Wiesbaden und Gießen verhandelt, wo es beim Schaulaufen von Vertretern der beiden Fehdeparteien zu unschönen Mikroaggressionen kommt – was auch die außergewöhnlich strengen Sicherheitsvorkehrungen beim jetzt beendeten Prozess in Frankfurt erklärt. Der aber bleibt bis zuletzt – unterstützt von beeindruckender Polizeipräsenz rund um das Gericht – friedlich.

Ursprünglich lautete die Anklage gegen die damals 22 bis 39 Jahre alten Männer auch auf versuchten Totschlag –, und zumindest im Falle Ylli M. hatte die Staatsanwaltschaft daran festgehalten und auf fünf Jahre und zehn Monate plädiert. Die Schwurgerichtskammer war sich letztlich aber nicht ganz sicher, ob M. beim Schießen den Tod von Menschen tatsächlich billigend in Kauf genommen habe. Der zumindest nutzte als Einziger sein Letztes Wort, um zu erklären, er habe „niemanden töten oder auch nur verletzen wollen“ – und dabei unglücklich agiert.

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