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Urteil im „Boystown“-Prozess

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Von: Stefan Behr

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Hohe Haftstrafen für Grpnder und Betreiber von kinderpornografischer Darknet-Plattform

Die Betreiber der kinderpornografischen Darknetplattform „Boystown“ sind am Dienstag vom Landgericht zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Am höchsten fielen die für die beiden Gründer aus: Ein 49-Jähriger aus Bayern wurde unter anderem wegen Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie und Vergewaltigung zu zwölf, ein 42-Jähriger aus Nordrhein-Westfalen zu zehneinhalb Jahren verurteilt. Für beide ordnete die Kammer eine anschließende Sicherungsverwahrung an. Ein 60 Jahre alter Angeklagter, der nach Paraguay ausgewandert und dort als „Boystown“-Administrator am PC sitzend festgenommen worden war, wurde zu acht, ein 66-jähriger Hamburger als besonders aktiver User zu sieben Jahren verurteilt.

Die beiden Gründer hatten „Boystown“ Ende 2020 im Darknet eingerichtet, nachdem ihre bis dahin bevorzugte Pädophilenplattform aufgeflogen und stillgelegt worden war. Mit durchschlagendem Erfolg: Mehr als 400 000 Mitglieder aus aller Welt waren auf „Boystown“ aktiv - zumindest gegen einige davon wird weiterhin ermittelt.

Die beiden Gründer brachten dabei auch eigene Filmaufnahmen ein. Einer von ihnen missbrauchte seinen zwölfjährigen Neffen und den 13 Jahre alten Sohn seiner Lebensgefährtin, der andere seinen achtjährigen Sohn und seinen fünfjährigen Stiefsohn. Beide filmten die Vergewaltigungen der Kinder mit dem Handy und teilten sie mit ihren Mitforisten. Der 49-Jährige steuerte zudem noch selbstverfasste Kurzgeschichten über sexuellen Kindesmissbrauch bei - unter dem irreführenden, aber rein sachlich nicht ganz falschen Titel „Geschichten eines Familienvaters“.

Dem 42-Jährigen hielt die Große Strafkammer nicht nur zugute, dass er, wie auch die anderen Angeklagten, ein umfassendes Geständnis abglegt hatte - was allerdings aufgrund der erdrückenden Beweislage eher Formsache war. Er hatte die Ermittlungen zudem aktiv unterstützt, indem er, als er selbst bereits aufgeflogen war, unter Polizeiaufsicht weiterhin Kontakt zu seinem Mitgründer hielt und die Ermittler auf dessen Spur führte. Zudem teilte er frühzeitig und ungefragt mit, dass er täglich ein Passwort eingeben müsse, weil sich der in Moldawien laufende Server sonst automatisch selbst verschlüsseln würde - was die Ermittlungen weitaus schwieriger gemacht hätte. Er war es auch, der unter seinem Decknamen „Phantom“ 2019 erstmals als häufiger Besucher und Forist kinderpornografischer Darknetseiten ins Visier des Bundeskriminalamtes geraten war. Auch seine Mitangeklagten hatten sich für ihre Darknetaktivitäten Aliasnamen wie „Fuzzy“ oder „Don Dildo“ zugelegt.

Es ging den Angeklagten bei ihren Taten nicht um Geld - zu verdienen gab es bei „Boystown“ nichts. Es ging ihnen aber auch nicht alleine um die Befriedigung des eigenen Triebes. Entgegen ihrer persönlichen Präferenzen legten die beiden Gründer etwa auch ein Unterforum für den Missbrauch junger Mädchen an. Wie die Kammer vermutet, ging es dabei wohl um ihr „Ansehen in der pädophilen Community“. Das einzige, was bei „Boystown“ nicht erlaubt war, war „Hurtcore“, laut Wikipedia „eine Art von extremer Pornografie, die Gewalt, Folter und Mord insbesondere an Kindern umfasst“.

Der Prozess war aus Rücksicht auf die Opfer, von denen einige, die nicht nur als Zeugen aussagten, sondern auch als Nebenkläger auftraten, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt worden. Zur Urteilsbegründung aber hatte sich die Kammer unter dem Vorsitz von Christian Annen dazu entschlossen, die Öffentlichkeit zuzulassen und in der Urteilsbegründung auf intime Details zu verzichten - die auch ohne diese erschreckend genug war. Die Kammer wollte so auch eine Botschaft an potenzielle Nachahmer schicken: „Das Darknet ist kein rechtsfreier Raum - und auch kein strafverfolgungesfreier.“

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