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Katja Heubach, die neue Direktorin des Palmengartens, im Frankfurter Central Park mit Skyline im Hintergrund.

Palmengarten in Frankfurt

Neuer Wind im Palmengarten

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Die neue Direktorin Katja Heubach will den Palmengarten in Frankfurt behutsam verändern. Um über neue Angebote entscheiden zu können, soll eine Besuchererhebung gemacht werden.

Ein Paukenschlag – ja, Donnerhall gar begleitete Katja Heubach an ihren neuen Arbeitsplatz. Als sie der Öffentlichkeit im Juni als künftige Direktorin des Palmengartens präsentiert wurde, war der Blitz kurz zuvor krachend ins Dach des Palmenhauses gefahren. Wenn das ein Aufbegehren der Natur gewesen sein soll, hat die neue Chefin seither die Elemente recht gut besänftigen können. Etwas mehr als einen Monat ist sie nun im Amt. Man hat nichts von weiteren Unwetterkatastrophen im Frankfurter Westend gehört.

Wie ist das Leben als Direktorin? Eine andere Taktung habe es, sagt sie, langsamer als ihr bisheriges Leben, langsam in einem qualitativen Sinn. Die 36-jährige Biologin hat Projekte betreut, Institutionen beraten, war für die GIZ unterwegs, ist durch die Welt gereist – jetzt kümmert sie sich um etwas, das nicht weglaufen kann. 

Ein Rundgang, gern, sagt sie. (ein „Geh-Spräch“ wird sie das später nennen, was für ein schöner Einfall). Und wählt als erste Etappe den Steingarten zwischen Weiher und Villa Leonhardi. Hügelig, besiedelt von Gebirgsstauden, „ein Lieblingsort. Ein Ort zum Auftanken“. Ein Ort mit Pampasgras auch, sagt sie, was ganz gut passe. Voriges Jahr hat sie einen Charleston-Tanzkurs angefangen, weil sie diese Zeit mag: 20er Jahre. Baströcke aus Pampasgras. Charleston. 

Was soll geschehen im Palmengarten, was will die neue Vortänzerin ändern? Zunächst einmal: „Die Sanierungsprojekte laufen, da habe ich ein Auge drauf.“ Die Heizung im Tropicarium, die aufhören muss, Energie zu verpulvern; die Dauerbaustelle Blüten- und Schmetterlingshaus, die nach langen Verzögerungen endlich mit den Flügeln schlagen soll: alles im Plan jetzt. Auch die neue vereinigte Kultur- und Presseabteilung des Palmengartens unter Leitung von Patricia Germandi, ein Projekt, das noch der Vorgängerdirektor Matthias Jenny angestoßen hat, findet sich gerade zusammen und schmiedet Pläne. „Es ist schön zu wissen: Der Organismus läuft ohne mich – ich muss nicht ständig hier sein und aufpassen.“ 

Die Basis steht also. Was wächst darauf? „Noch in diesem Jahr wollen wir mit einer Besuchererhebung beginnen“, kündigt Katja Heubach an: „Wer kommt eigentlich? Für wen stellt der Palmengarten was dar? Das ist entscheidend für das Angebot, das wir machen werden.“ Die Bürgerschaft im Westend sei extrem wichtig für den Palmengarten. „Mein Besucherbegriff geht aber weit darüber hinaus.“ Wer das genau ist, wie alt, wie gebildet, wie naturinteressiert, wie arm oder reich, das wird die Befragung ergeben. Aber Ideen gibt es schon. „Ich denke etwa an eine veränderte Taktung der Ausstellungen.“ Kamelien oder Azaleen müssten nicht unbedingt jedes Jahr im Palmengarten gefeiert werden – da könnte ein Wechsel im Zweijahresrhythmus helfen und der jeweiligen Pflanze mehr Zeit geben. Stichwort: Langsamkeit. Aber auch: Bedeutsamkeit.

Der FR-Fotograf wünscht einen weiteren Bildhintergrund. Die Wahl fällt auf den Central Park – nein, nicht jenen in New York, sondern den in der Nachbarschaft des Bambusgartens, dort, wo ein wenig Frankfurter Skyline in den Garten lugt. Auch dieser Ort, wie so viele andere, erinnert die Direktorin an Filme, zum Beispiel „House Of Flying Daggers“, ein bildgewaltiges asiatisches Drama von 2004. „Hier könnten sich auch die Samurai schwingen.“ Aus dem Bambushain. Aber es kommen fröhliche Gärtnerinnen, grüßend. 

„Es gibt bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Wunsch nach sinnvoller Reduktion“, hat Katja Heubach herausgefunden. „Sie fragen: Wozu machen wir, was wir tun? Wo können wir vielleicht weniger machen, um es besser zu machen?“ Die Leute, die hier arbeiten, identifizierten sich enorm mit dem Garten, sagt sie, und sie seien sehr direkt. „Wir wollen die Energie, die hier drinsteckt, nutzen, um gemeinsam ein Szenario für die Zukunft zu entwerfen.“

Als Studentin oft im Garten

Dass sie es sein würde, die einmal die Geschicke dieses bald 150 Jahre alten Prunkstücks der Gartenbaukunst lenken soll – darauf wäre die aus Thüringen stammende Biologin von alleine gar nicht gekommen. Ein Anruf des Senckenberg-Generaldirektors Volker Mosbrugger war es, der ihr erst bewusst machte, dass die Stelle vakant war. Und im ersten Moment glaubte sie, er wolle mit ihr über mögliche Kandidatinnen und Kandidaten sprechen. Als sie begriff, dass sie selbst die Kandidatin war: So müssen sich diese Augenblicke anfühlen, die das Leben verändern, die Selbstwahrnehmung und das, was hinterm Horizont sichtbar ist. 

Ein Umstand, der sie besonders bewegte: Mosbrugger sagte, in der Frankfurter Forscher- und Naturbewahrer-Szene sei Heubachs Name auffallend häufig gefallen, als es um die Palmengartenstelle ging. Da ist sie vernetzt als Goethe-Uni-Absolventin und Gefährtin bei Umwelt- und Sozialprojekten, sei es von Senckenberg, Bik-F, BUND, ISOE. „Das war alles mein Herzblut“, sagt sie. „Deshalb hat es mich so berührt, dass dieses Engagement wahrgenommen wird und jetzt in etwas so Besonderes mündet.“

Die Bewerbung war ein Volltreffer. Die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig musste sich stark bremsen, um Katja Heubach im Juni nicht als „eierlegende Wollmilchsau“ der Presse vorzustellen, sprich, als die Person, die alles in sich vereinigt, was eine Palmengartendirektorin braucht: Kompetenz, Erfahrung, Begeisterungsfähigkeit, Stallgeruch. Und jung ist sie auch noch. 
Als Studentin kam sie Anfang der nuller Jahre oft herein in den Garten, der ihr zum „zweiten Hörsaal“ wurde, um zu lernen, Wasserflöhe zu erforschen, aber auch, um die Ruhe zu genießen. „Der Zaun, der den Palmengarten umgibt, verschafft den Besuchern auch eine gewisse Abgrenzung von der Welt“, sagt sie. „Gerade für Familien ist das ein Gefühl von Geborgenheit.“ Die Geborgenheit soll erhalten bleiben, aber neue Reize müssen hinzukommen. Erweiterte Öffnungszeiten für Berufstätige und Modernes, etwa eine Smartphone-App, hat Heubach schon ins öffentliche Gespräch gebracht. Beim „Geh-Spräch“ fallen ihr auch ganz konkrete, anschauliche Dinge ein: Felsspaltengesellschaften etwa. „Felsspaltengesellschaften sind faszinierend. Sie haben eine ganz besondere Ästhetik.“ 

Es handelt sich um Moose, Farne – Pflanzen eben, die in Felsspalten wachsen. Nicht jeder hat sie im Palmengarten schon wahrgenommen. Aber es lohnt sich. Und es beruhigt. „Wie kann ich Zugänge schaffen? Wie bringt man Menschen an Felsspaltengesellschaften heran?“, fragt die Direktorin. Und löst auf: „zum Beispiel durch Kunst.“ Klangkunst etwa, „Soundscapes“. Geräusche dekonstruieren und wieder zusammensetzen – zu Bildern. „Man kann auch Vegetation hörbar machen. Ich höre, was ich sonst nur rieche oder sehe.“ 

Sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, Katja Heubach könnte die eine oder andere ungewöhnliche Idee in den Palmengarten bringen... Ja, da ist was dran. Schon darüber nachzudenken, belebt die Synapsen. Was da gerade läuft, ist ein „großer Strategiefindungsprozess“, und die Neue wäre keine Wissenschaftlerin, hätte sie nicht auch solche Sätze im Repertoire: „Ich bin in der Phase, in der es in die Latenz geht, bevor wir die Priorisierung und Terminierung vornehmen.“ Ansonsten ist sie aber ganz umgänglich. 
Noch keine Details

Die Gartenrunde nähert sich dem Ende. Gerade hat Katja Heubach die „irre Strukturvielfalt“ des Palmengartens besungen, da sieht sie auf der Rückseite des Steingartens: Bodendecker, Polsterpflanzen, Steinbrechgewächse. „Das sieht alles so toll aus.“ Und das sei doch schließlich Natur, auch wenn dem Palmengarten immer wieder vorgehalten wird, er zeige nur gestaltete Wirklichkeit. „Natürlich ist hier viel gestaltet. Aber wir arbeiten mit natürlicher Vergesellschaftung, und wir können die Natur nachahmen, und dadurch haben wir sie ja dann auch da. Insofern gibt es schon sehr viel Natur hier.“ 

Vielleicht bald noch Natur auf andere Art, in anderer Form wahrnehmbar, um zu zeigen, wie vielfältig und schützenswert sie ist. Aber so ganz ins Detail gehen will die Direktorin nicht. Noch geheim.

Und die „blaue Oase“, die sie daheim mit ihrer Hausgemeinschaft im Ostend anlegen wollte? Davon erzählte sie im Sommer, kurz nachdem der Blitzschlag sie im Palmengarten begrüßt hatte. Rittersporn sollte es sein, Lavendel und mehr – was kam, war der Jahrhundertsommer. „Die blaue Oase hat sich schön angelassen, aber der Sommer war einfach zu heiß“, sagt Katja Heubach mit einem Lächeln, das sagt: Macht nichts, weitere Sommer werden kommen. 
Sie hat Samen für ein künftiges Blau aufbewahrt. 

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