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Der Blick vom Dom auf die zerstörte Altstadt mit dem Römer (Mitte) und der Paulskirche (rechts).

Luftangriff im März

Unverschämtes Glück im Bombenhagel

Vor 75 Jahren begannen die Bombenangriffe auf Frankfurt, die weite Teile der Stadt zerstörten. Der Zeitzeuge Franz Neuland erinnert sich.

In der Nacht vom 18. März 1944 hatte ich Nachtdienst beim HJ-Schnellkommando im 9. Polizeirevier in der Unterlindau. Solche „Schnellkommandos“ waren Teil des „Erweiterten Selbstschutzes“, den man wegen der immer schwerer werdenden Angriffe eingerichtet hatte. Wir hatten im Bedarfsfall auch während eines Angriffs auszurücken. Schon kurz nach dem Alarm kam der Befehl: „Schnellkommando raus! Einsatz Heeresbauamt Guiollettstraße.“ Wir hatten dort im ersten Stock gerade einen Büroraum gelöscht, als der Ruf kam, dass noch ein weiterer Raum im zweiten Stock brenne. Auf dem Weg dorthin aber hatte uns das Feuer schon den Weg abgeschnitten, so dass wir uns selbst und das Gerät aus dem ersten Stock abseilen mussten.

Um den zentralen Zielpunkt, den Dom, hatte am 18. März die erste Beleuchtergruppe der „Tommys“ rote Leuchtbomben gesetzt, die zweite grüne Leuchtbomben, im Volksmund „Christbäume“ genannt, die auch die Innenstadt bis zum Anlagenring kennzeichneten – das Ziel, in welches die Bomber „abzuladen“ hatten. Die Altstadt wurde schwer getroffen, die Innenstadt bis zur Zeil an vielen Stellen ebenso.

Unsere Erkenntnis bei den bisherigen Angriffen war, dass Schnellkommandos für größere Brände nicht ausgerüstet waren, weshalb wir nach dem vergeblichen Einsatz beim Heeresbauamt scheinbar ziellos durch den Revierbezirk fuhren, um bei kleinen oder Entstehungsbränden eingreifen zu können. Wegen des zusammengebrochenen Flusswassernetzes, das die Hydranten speiste, konnte das allerdings nur noch mit den Handbeilen geschehen, denen brennende Türen und Fensterrahmen weichen mussten. Kleine brennende Möbelstücke wurden einfach zum Fenster hinausgeworfen.

Das östliche Eckhaus an Mozartplatz und Wallanlage hatte einen Volltreffer erhalten; die Trümmer brannten. Hier war nicht mehr zu helfen. Ein Hund hatte wohl noch etwas restlichen Sauerstoff, doch sein Gebell erstarb auch bald. In den uralten, riesigen Anlagenbäumen aus napoleonischer Zeit steckten einige Brandbomben, die aber bald erloschen, weil diese Bäume auch im März schon genügend Kraft hatten, um sich selbst zu wehren.

Die Angriffe vom 22. und 24. März 1944 waren lediglich der Schlussakt des Angriffs vom 18. März. Ich hatte am 22. März keinen Dienst, konnte also die beiden einzigen jüngeren Frauen unterstützen, die für eine aktive Verteidigung des Hauses Guiollettstraße 25 infrage kamen: meine Schwester und die Kinderfrau aus dem Parterre. Die älteren Leute schleppten uns das Wasser durch zwei Luken auf das Dach. Mäßig geschützt hinter je einem Schornstein, führten wir einen lange vergeblich scheinenden Kampf gegen den Funkenflug des lichterloh brennenden Hauses Nummer 27 auf der Westseite der Ulmenstraße. Zusammen mit unserem Hausarzt Dr. de Bary, einem schon über sechzigjährigen Mann, konnte ich gerade noch rechtzeitig ein altes Ehepaar retten, das sich im Erdgeschoss von Nummer 27 nicht getraut hatte, zwei Meter in den Vorgarten zu springen und sich lieber in einen vom Feuer verschonten Raum zurückzog, wo es nun aber vom Brand eingeschlossen war und betend seinen Verbrennungstod erwartete. Kaum hatten wir die beiden Alten gerettet, stürzte das Haus ein.

Der Angriff vom 22. März 1944 war der schwerste, den die Stadt seit dem 4. Oktober 1943 zu erleiden hatte. 1001 Bürger haben ihn nicht überlebt, darunter alle Bewohner des Hauses Guiollettstraße 29. Auch Haus Nr. 31 hatte einen Volltreffer erhalten, aber die Kellerdecke hatte sich als stabil erwiesen. Haus Nr. 25 war verschont geblieben, doch der Reihenwurf entlang der Westseite der Ulmenstraße, von der Rüsterstraße bis zur Bockenheimer Landstraße, hatte auch die auf der östlichen Straßenseite stehenden Häuser so schwer erschüttert, dass sie teilweise unbewohnbar geworden waren. Auf der Bockenheimer Landstraße lag der uns zugedachte „Wohnblockknacker“ zwischen den Straßenbahngleisen. Er hatte sein Leitwerk verloren, war von der Oberleitung abgefangen worden und aufgeschlagen, ohne zu explodieren.

Der Alarm vom 22. März war verspätet gekommen. Ein Scheinangriff auf Kassel hatte die Abwehr getäuscht, so dass die ersten Bomben schon fielen, als der Wecker der Luftwarnzentrale noch tickte, die über das Telefonnetz arbeitete, um die Bevölkerung vor oder auch während eines Angriffs zu informieren. Mit gedrosselten Motoren, im Sinkflug über den Taunus kommend, wie am 18. März, entluden die Bomber ihre Last. Einer der in dieser Nacht über der Stadt abgeschossenen Bomber war durch eines der brennenden Häuser der oberen Ulmenstraße gefallen und an der Mauer auf der Ostseite zerschellt. Die Besatzung war tot. Bei einem Besatzungsmitglied hatte sich der Fallschirm nicht geöffnet. Wir fanden den Mann später unweit des Flugzeugs. Tragflächen und Motoren der Maschine lagen von der Bockenheimer Landstraße bis zum IG Verwaltungsgebäude.

Die Versorgung mit Gas und Elektrizität war zusammengebrochen, auch die mit Wasser, denn die zentralen Zuleitungen aus Vogelsberg und Spessart waren gezielt bombardiert worden. Die Bahnhöfe waren so schwer getroffen, dass sie teilweise stillgelegt werden mussten. Der Südbahnhof musste einige Tage lang im Fernverkehr die Rolle des Hauptbahnhofs übernehmen, wo die Bomben zahlreiche Opfer gefordert hatten, weil viele Reisende es nicht bis in die Tiefbunker vor dem Bahnhofsgebäude geschafft hatten, sondern nur bis in die tiefliegenden Verbindungen zu den Nachbargleisen. 138 Industriewerke waren ganz oder teilweise zerstört, 1822 handwerkliche Betriebe ganz oder auf Zeit ausgefallen. Was rund um Römerberg und Domhügel am 18. März noch der Zerstörung entgangen war, sank nun ebenfalls in Schutt und Asche.

Schmuckstücke des alten Frankfurts – Roseneck, Fürsteneck, Haus Zur Goldenen Waage – gingen unwiderruflich dahin. Auch die Verluste an kulturellen und historischen Bauten hatten weiter zugenommen: Alle Theater waren niedergebrannt, Goethehaus, Goethemuseum, fast alle historisch wertvollen Kirchen, die ehemaligen Klöster ebenfalls und auch mehrere Krankenhäuser. In den alten Klöstern hatte man Ausgebombte untergebracht, sie wurden hier ein zweites Mal getroffen. Viele hatten es diesmal nicht überlebt. Der Angriff hatte die Stadt in ein riesiges Flammenmeer verwandelt, das von einem starken Westwind noch Nahrung erhielt. Wenn die Frankfurter aber meinten, sie hätten nun „alles hinter sich“, würden sie sich ab September 1944 und danach eines Schlimmeren belehren lassen müssen.

Das Oberkommando der Wehrmacht hatte die Verteidigung Frankfurts „um jeden Preis“ befohlen. Aber es gab außer jungen Rekruten und einigen kampfwütigen SS-Leuten nur noch Polizisten und den „Volkssturm“ – keine verteidigungsfähige Truppe also, weshalb der letzte Kampfkommandant – ein Major – nach einer persönlichen nächtlichen Erkundung seine Männer in die Kasernen an der Friedberger Warte führte, dort erst einmal verpflegen ließ und sich danach mit dem kläglichen Haufen in den Vogelsberg „absetzte“. Die Amerikaner hatten sich, vorsichtig vorfühlend, der Stadt bemächtigt, waren nur an der Gutleutkaserne auf geringen Widerstand gestoßen und hatten sich in den Wallanlagen beim Opernplatz ein nächtliches Biwak eingerichtet, als der erwähnte Major seine Erkundung vornahm und lieber auf das befohlene „Heldentum“ verzichtete. Eine weitere Zerstörung der Stadt hatte der kluge Offizier mit seiner Entscheidung vermieden. Von  Franz Neuland

Der letzte Mohikaner im hohen Norden

Franz Neuland wurde am 1. Februar 1927 in Frankfurt geboren und wuchs in der Guiollettstraße 25 auf. Als 17-Jähriger wurde er im Juni 1944 zum „erweiterten Selbstschutz“ bei der Hitlerjugend einberufen. Sein Elternhaus wurde nach den Bombenangriffen für unbewohnbar erklärt, seine Eltern und die Schwester zogen trotzdem wieder ein. „Wir hatten unverschämtes Glück“, sagt Neuland heute über die Zeit der Bombenangriffe.

In den letzten Wochen des Kriegs geriet er bei Bonn in Kriegsgefangenschaft, in der er gut ein Jahr in einem Lager bei Reims blieb. Nach seiner Rückkehr besuchte er die Abendschule, arbeitete in seinem erlernten Beruf als Feinmechaniker und begann mit dem Schreiben.

Neuland verfasste Ende der 60er Jahre auch Artikel für die Frankfurter Rundschau zur Arbeiterbewegung, war Redakteur bei der „Sozialistischen Volkszeitung“ und schrieb acht Bücher über Themen wie Frankfurt oder die Arbeiterbewegung. Zuletzt arbeitete er bis 1990 viele Jahre für die Union-Druckerei.

Von Frankfurt zog Neuland noch während seiner beruflichen Laufbahn zunächst nach Schlüchtern. Nach dem Tod seiner Frau folgte er seiner zweiten Frau nach Lüneburg und später nach Adendorf bei Hamburg. Heute lebt der 92-Jährige in Hamburg. „Ich bin der letzte Mohikaner meiner Familie“, sagt Neuland. ote

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