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Unvergessen

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Von: Stefan Behr

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Große Anteilnahme an der Beisetzung des Mordopfers: Eine ganze Stadt trauerte. dpa
Große Anteilnahme an der Beisetzung des Mordopfers: Eine ganze Stadt trauerte. dpa © dpa

Vor 20 Jahren ermordete Magnus Gäfgen den elfjährigen Jakob von Metzler

Man mag kaum glauben, dass es schon 20 Jahre her ist: Am 27. September 2002 ermordete der Jurastudent Magnus Gäfgen den elfjährigen Bankierssohn Jakob von Metzler. Dass der Fall im kollektiven Frankfurter Gedächtnis immer noch so präsent ist, hat viele Gründe. Einer davon ist, dass er nie wirklich zu einem Ende kam. Das liegt nicht zuletzt am Täter, der mit nie zu erlahmen scheinender Penetranz immer wieder aus der Versenkung auftaucht. Erst vor wenigen Tagen hatte das Landgericht Kassel kundgetan, dass es den bereits 2017 gestellten Antrag Gäfgens auf Aussetzung seiner lebenslangen Freiheitsstrafe schon im Mai 2019 abgelehnt habe und vor September 2025 keine Freilassung in Betracht komme. Und schon war Gäfgen wieder bundesweit präsent – auch wenn es diesmal ausnahmsweise nicht seine Schuld war.

Auch das Opfer ist unvergessen. Das Bild des Jakob von Metzler, das damals in allen Medien präsent war und ihn lausbübisch lächelnd zeigt, hat sich bei vielen eingebrannt. Wenn er denn tatsächlich ein Lausbub war, dann einer aus gutem Stall. Die Familie von Metzler managt seit Generationen eine prosperierende Privatbank und hat es dennoch geschafft, ihren guten Leumund zu bewahren. Jakobs Vater Friedrich von Metzler ist Ehrenbürger Frankfurts und hat im Gegensatz zu vielen seiner Mitehrenbürger auch etwas dafür getan. Die Metzlers sind bekannt als großzügige Mäzene von Kultur und Wissenschaft. Sie schaffen es irgendwie, selbst an der Spitze der lokalen Hautevolee nicht weiter aufzufallen. Sie sind Weltbürger und dabei Frankfurter mit jeder Faser. Es ist nicht zuletzt Jakobs Urahnin Emma Metzler und ihrer Intervention bei ihrem Freund Bismarck zu verdanken, dass weiland Preußen von seiner aberwitzigen Kontributionsforderung von mehr als 25 Millionen Gulden Abstand nahm. Kurz: Patrizier, wie man sie sich backen würde – wenn es nicht schon Bethmännchen gäbe. Und eine Familie, an deren Schicksal man Anteil nimmt.

Der Täter hat alles dafür getan, sich unvergesslich zu machen. Magnus Gäfgen mordete aus Habgier – neben Heimtücke und dem Verdecken einer anderen Straftat, nämlich der Entführung, ist das zumindest eines der Mordmerkmale, die das Landgericht in der Begründung seines Urteils zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe nennt. Gäfgen mordete aber nicht in existenzieller Not. Der aus dem Sachsenhäuser Kleinbürgermilieu stammende junge Mann hatte an der Uni Anschluss an eine Clique Kinder reicher Eltern gefunden, die sich durch Bonität definierte, den „Ibiza-Kreis“, wie das Landgericht ihn später nennen wird. Um mithalten und seiner kostspieligen Freundin imponieren zu können, hatte er sich grandios verschuldet. Im November 2001 war ihm die Kreditkarte gesperrt worden, er hatte seinen Bausparvertrag aufgelöst und den von seinem Vater für ihn angelegten Rentenfonds ausgegeben. Er war pleite – und verzweifelt. „Für ihn war undenkbar geworden, zu seinem früheren Leben zurückzukehren, das ihm mittlerweile nicht nur negativ, sondern ,schon fast verächtlich‘ vorkam; seine Herkunft empfand er ,materiell als Makel‘“, wird das Landgericht analysieren.

In seinem solventen Bekanntenkreis hatte Gäfgen die Bekanntschaft von Jakob von Metzlers älterer Schwester gemacht, er hatte beide auch schon einmal in seinem Auto chauffiert. Jakob schöpfte keinen Verdacht, als Gäfgen ihn nach Schulschluss mit seinem Auto an der Haltestelle erwartete, als er aus dem Bus stieg, und ihn unter dem Vorwand, seine Schwester habe ihre Jacke dort vergessen, in seine Wohnung lockte – und ihn dort ermordete. Noch am selben Tag versteckte der Täter die Leiche an einem Weiher im osthessischen Birstein. Dann forderte er von Jakobs Eltern in einem Erpresserschreiben eine Million Euro Lösegeld.

Gäfgen handelte nicht sehr professionell. Die Geldübergabe an der Straßenbahnhaltestelle Oberschweinstiege Stadtwald wurde observiert. Von da an hatte die Polizei ihn im Visier - in der Hoffnung, er würde sie zu Jakobs Versteck führen. Stattdessen beobachteten die Ermittler Gäfgen dabei, wie er einen neuen Mercedes kaufte und einen Urlaub für sich und seine Freundin buchte.

Aber den konnte er nicht antreten: Am 30. September 2002 wurde Gäfgen im Flughafenparkhaus überwältigt und festgenommen. Dieses Erlebnis verfolgte Gäfgen laut dessen eigenen Angaben noch auf der Anklagebank des Landgerichts: „Ich dachte, es ist ein Überfall“, wird Gäfgen dort klagen, er sei „aus dem Fahrzeug gerissen und auf den Boden geworfen“ und „bis auf die Unterwäsche“ entkleidet worden, auch seine mit Polizeigewalt vom Beifahrersitz gezerrte Freundin sei zutiefst verstört gewesen.

Aber das war nur die Ouvertüre zu einer Oper der Wehklage, die Gäfgen in diesem und späteren Prozessen aufführen sollte. Nach dem Urteil des Landgerichts Ende Juli 2003 legte Gäfgen Revision ein, die der Bundesgerichtshof im Mai 2004 verwarf. Seine Verfassungsbeschwerde war auch nicht erfolgreicher. Im Juni 2005 beschwerte sich Gäfgen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und verlangte eine Wiederaufnahme des Verfahrens, der Gerichtshof erteilte ihm im Juni 2008 eine Abfuhr.

Im Dezember 2005 verklagte Gäfgen das Land Hessen auf eine Entschädigung von mindestens 10 000 Euro und erkämpfte sich durch die Instanzen dafür Prozesskostenhilfe. Im August 2011 sprach das Landgericht Gäfgen 3000 Euro Entschädigung, aber kein Schmerzensgeld zu. Gäfgen beschwerte sich, das Oberlandesgericht schlug einen Vergleich vor - Hessen zahlt 2000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung -, Gäfgen stimmte zu, Hessen lehnte ab, und so weiter und so fort.

Prozessbeobachter waren fassungslos, wenn Gäfgen jammerte, er habe im Polizeipräsidium „Hilflosigkeit und Angstgefühle“ erdulden müssen. Oder wenn er Schmerzensgeld verlangte, weil bei seiner Vorführung am Tatort das scharfe Gras wegen zu leichten Schuhwerks seine Füße zerschnitten habe.

Und das war noch nicht alles. 2005 veröffentlichte Gäfgen im Eigenverlag das Buch „Allein mit Gott – Der Weg zurück“. 2006 gebot die Aufsichtsbehörde in Trier der Schnapsidee des Mörders Einhalt, eine „Gäfgen-Stiftung“ für die „Unterstützung von Kindern, die Opfer einer Straftat wurden“ zu gründen, da eine solche gegen „das Anstandsdenken aller gerecht denkenden Menschen“ und gegen die guten Sitten verstoße. Das trifft auch in weiten Teilen auf den gescheiterten Gründer selbst zu. Gäfgen hat sich mittlerweile einen neuen, leicht skandinavisch anmutenden Namen zugelegt. Ein Name ändert sich leicht, ein Mensch hingegen nur schwer.

Eine dritte Person macht diesen Fall noch immer aktuell: Wolfgang Daschner. Der damalige Frankfurter Vize-Polizeipräsident hatte - in der Hoffnung, den Jungen retten zu können - angeordnet, dem die Aussage verweigernden Gäfgen Folter anzudrohen. Ein Polizist baute daraufhin verbal eine Drohkulisse auf, die heute kaum noch zitierfähig ist. Es geht um die Hinzuziehung von Spezialisten für erzwungenen Analverkehr, es fallen das N-Wort und diverse sexualisierte Kraftausdrücke. Gäfgen redete und nannte den Ablageort der Leiche.

Für seine Folterandrohung, die Daschner mit der Leidenschaft eines Beamten auch noch protokolliert hatte, wurde der Ex-Vize im Dezember 2004 wegen Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat und Nötigung verwarnt und zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 120 Euro (10 800 Euro) auf Bewährung verurteilt. Hessens Innenminister Volker Bouffier machte Daschner, der nicht mehr nach Frankfurt zurückkehrte, zum Chef des Präsidiums für Technik, Logistik und Verwaltung der hessischen Polizei. Das eigentlich Erschreckende ist, dass Daschner niemals auch nur ansatzweise seine Vorgehensweise infrage stellte oder gar in Erwägung zog, dass bereits die Androhung von Folter einen Gesetzesverstoß darstellen könnte. Er habe mit Blick auf das Leben des Kindes das Richtige getan, sagte Daschner. Das mag sein. Dass er aber auch legal gehandelt habe, was er betont, ist schlicht falsch. Als sein damaliger Folter-androhungsknecht 2011 das Buch „Um Leben und Tod“ veröffentlichte, schrieb Daschner im Nachwort: „Am 20. Dezember 2004 starb Jakob von Metzler zum zweiten Mal – einen juristischen Tod – als die Frankfurter Justiz sein Recht auf Leben, Menschenwürde und Freiheit geringer wertete als das Wohlbefinden seines Entführers und Mörders.“ Es war Daschner, der den Mordfall zu einem Thema machte, das rauf und runter diskutiert wurde. Wie weit darf ein Polizist gehen, um ein Leben zu retten? Kann Folter legitim sein? Wie biegsam ist das Recht? Es war eine Diskussion, bei der viele selbst im Freundeskreis interessante Beobachtungen machen konnten. Die Diskussion ist eigentlich beendet, aber immer noch nicht vorbei.

Der Fall war außerdem Stoff für zwei Fernsehfilme - gegen die Ausstrahlung des einen wehrte sich Gäfgen ohne Erfolg vor dem Landgericht Koblenz. Er war Thema zahlloser TV-Dokumentationen und Podcasts. 2021 machte ihn der Justiz-Impressario Ferdinand von Schirach zum zweiteiligen TV-Event „Feinde“.

Wolfgang Daschner ist seit 2008 im Ruhestand. Magnus Gäfgen hat im Gefängnis sein erstes juristisches Staatsexamen abgelegt. Jakob von Metzler wäre heute 31 Jahre alt.

Gedenkstein für Jakob von Metzler an dessen ehemaliger Schule in Sachsenhausen. dpa
Gedenkstein für Jakob von Metzler an dessen ehemaliger Schule in Sachsenhausen. dpa © dpa
Das Grab Jakob von Metzlers auf dem Hauptfriedhof, aufgenommen im April 2007. Rolf Oeser
Das Grab Jakob von Metzlers auf dem Hauptfriedhof, aufgenommen im April 2007. Rolf Oeser © Rolf Oeser

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