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Ein Kruzifix kann man nicht einfach wegwerfen.

Unterliederbach

Sakraler Kunst ein neues Zuhause geben

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Gesegnete Gegenstände aus zweiter Hand finden beim Markt der Gemeinde St. Johannes Apostel einen neuen Besitzer.

Ein Klassiker wartet vor der katholischen Kirche in Unterliederbach: An der Außenwand von St. Johannes Apostel lehnt Leonardo Da Vincis Abendmahl neben einer geknüpften Ikonendarstellung der Muttergottes mit Jesuskind. Die Adaption des weltberühmten Gemäldes weist den Weg ins Pfarrhaus, wo die Gemeinde gebrauchte Werke sakraler Volkskunst anbietet.

„Viele Menschen brauchen ihre Gegenstände nicht mehr, sind aber zu gläubig, um sie wegzuwerfen“, erklärt Bernhard Mühlberger von der Pfarrgemeinde, der die Weitervermittlung der Werke aus privatem Gebrauch gegen eine Spende seit Jahren betreut. So weiht ein Holzkreuz mit der Aufschrift „Der Herr segne unser Heim“ möglicherweise bald ein neues Haus.

Die Auswahl ist vielfältig: Madonnendarstellungen aus Holz, Messing, Stoff oder Glas reihen sich an Bilder vom letzten Abendmahl oder Kopien von Dürers „Betende Hände“. Kruzifixe jeder Größe und Materialität haben ihren eigenen Tisch.

Die Gegenstände erzählten oft persönliche Geschichten, sagt Gemeindemitglied Helen Krenzer. Und auch mit Interessenten ergebe sich schnell das private Gespräch: So habe Krenzer etwa eine Frau beraten, die einen Rosenkranz als Geschenk für eine junge Person suchte.

Kette aus weißen Zuchtperlen

Zwischen den meist hölzernen Rosenkränzen hebt sich eine Kette aus weißen Zuchtperlen ab. Doch eine Spendenhöhe für die so unterschiedlichen Stücke gebe es nicht, betont Bernhard Mühlberger. „Wir fragen, was sie den Interessenten wert sind. Damit tun sich viele schwer.“

Angenommen würde jeder Betrag, es gehe nicht um die Einnahmen, die für Gemeindeprojekte gedacht seien. „Sinn ist es, dass die Gegenstände wieder ihrem ursprünglichen Zweck gemäß benutzt werden – an einem neuen Ort.“

Die Organisatoren erinnern sich an eine Frau mit beschränkten finanziellen Mitteln, die sehnsüchtig um eine Marienstatue aus dem französischen Wallfahrtsort Lourdes gelaufen sei. Sie hätten der Dame die Statue gegen eine geringfügige Spende abgegeben und wussten, „sie ist wieder in guten Händen.“

Zwischen den Tischen schlendert auch Ehry Wollstadt umher. Mitnehmen möchte die 83-Jährige dieses Mal aber nichts mehr; seit Jahren holt sie Volkskunst vom Markt. Nun übergibt sie den Organisatoren ein Liederbuch von 1935 aus Familienbesitz.

So manches Stück werde wiederholt auf dem Markt angeboten, sagt Mühlberger. „Etwa, wenn eine verstorbene Person hier einen Gegenstand erworben hatte und die Hinterbliebenen ihn wieder abgeben.“ Weggeworfen würden die beim Markt übrig geblieben Kunstwerke aber in keinem Fall – sie warten darauf, in einem der kommenden Jahre einen Abnehmer zu finden.

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