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Unsichere Zukunft für kleine Metzgereien

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Von: George Grodensky

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Nicole und Stefan Schmidt von der Metzgerei Schmidt in Harheim.
Nicole und Stefan Schmidt von der Metzgerei Schmidt in Harheim. © Sven-Sebastian Sajak

In Harheim und Heddernheim schließen Betriebe zum Jahresende. Steigende Nebenkosten und Personalknappheit machen dem Handwerk generell zu schaffen.

Stefan Schmidt gibt auf. Zum Jahresende schließt er seine Schlachterei in Harheim, einem Stadtteil im Frankfurter Norden. Ob er die dazugehörenden Geschäftsräume in eine Wohnung umwandelt oder als Metzgerladen weiterverpachtet, das hat er noch nicht entschieden.

„Um noch selber produzieren zu dürfen, müssten wir nach EU-Richtlinien den Laden umbauen. Das würde mich Tausende kosten“, sagt Schmidt. Anderswo schlachten zu lassen, komme für ihn nicht infrage. Wegen der Transportwege und der Frische. Zumal damit sein Alleinstellungsmerkmal wegfällt. Bislang hat er Schweine aus Harheim in Harheim verarbeitet und verkauft. 95 Prozent der Waren im Laden kämen aus eigener Herstellung.

Dabei könnte er die nötigen Investitionskosten vielleicht sogar stemmen, überlegt er laut. Das Geschäft laufe gut, die Stammkundschaft komme aus ganz Frankfurt nach Harheim, „die Mettbrötchen sind legendär“. Nur fehlt ihm schlussendlich die Überzeugung. Seit Jahren finde er kein Personal mehr. Dazu kämen die Zweifel an der Energiesicherheit und die stetig steigenden Rohstoffpreise.

In den vergangenen Jahren haben die Schmidts am Anschlag geschafft und doch stetig ihre Öffnungszeiten reduziert. Er schlachtet, seine Frau steht im Laden. „Aber die Aussichten werden nicht besser“, sagt Stefan Schmidt. Die EU-Auflagen hätten das Fass zum Überlaufen gebracht.

Der Metzgerei Hesselbach in Heddernheim geht es ähnlich. Früher boten vier Betriebe im Stadtteil ihre Fleisch- und Wurstwaren an. Hesselbachs blieben als Einzige übrig. Lange hielten sie ihr Angebot aufrecht, selbst wenn sich das Essverhalten in der Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten stetig verändert habe. Jetzt schließen sie ebenfalls. Ende des Jahres ist Schluss. „Wir sind alle über 60 Jahre alt und finden keinen Nachfolger“, erklärt die Familie. Wer will schon das von Stefan Schmidt beschriebene Risiko eingehen?

„Letztlich ist es eine unternehmerische Entscheidung“, sagt Thomas Reichert, seit 20 Jahren Obermeister der Fleischerinnung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach. In der Zeit habe sich die Zahl der Betriebe etwa halbiert, sagt er. „Das ist ein Trend, mit dem wir leben müssen.“

Fleischereien werden weniger. „Es ist ein energieintensives Geschäft“, begründet Reichert. Selbst wenn der Bund eine Energiepreisbremse umsetzen werde, blieben die Kosten hoch. Gleiches gelte für den Strom. „Die Nebenkosten sind zu einer zweiten Ladenmiete geworden“, sagt Reichert. Wo sollte der Betrieb sparen können? Er benötige Beleuchtung, Kühlung, eine Küche, eine warme Theke. Ein geheiztes Ladengeschäft für die Kundschaft. Steigende Nebenkosten werden zu greifbaren Verlusten. Das, verbunden mit der Unsicherheit, wie sich die Preise denn entwickeln werden, senke die Bereitschaft zu investieren. Selbst in erneuerbare Energien.

Beim Personal sieht Reichert die Branche allerdings ganz gut aufgestellt. „Die Ausbildungsquote ist viel besser als der Durchschnitt in der Handwerkskammer“, weiß er. Auch besser als der Schnitt in der Industrie- und Handelskammer. Rund 60 Betriebe beschäftigten immerhin 30 Auszubildende. „Das ist eine Quote von 50 Prozent.“

Ob sich das Gewerbe in Zukunft halten wird? Reichert weiß es nicht. „Manches verschwindet“, sagt er nur. Schuhmacher etwa oder Möbelwerkstätten. „Die Welt verändert sich.“ Was es den kleinen Fleischereien schwermache, sei der Verlust der Regionalität. „Es gibt hier keinen einzigen Schlachthof mehr.“ Dafür sei immer mehr die Haltungsform entscheidendes Merkmal für Qualität. „Die kann aber auch in Schleswig-Holstein gut sein.“ Wenn die Bezugsquellen aber die gleichen seien, mache es kaum einen Unterschied, ob man nun beim Metzger kaufe oder im Supermarkt.

Das macht sich schon bemerkbar. 57 Betriebe sind in der Handwerksrolle bei der Kammer Frankfurt-Rhein-Main (HWK) Ende November 2022 eingetragen. Bei zwei Geschäftsaufgaben und neun Neuanmeldungen. Etwa zwei Drittel sind klassische Metzgereien, die anderen sind Lebensmittelmärkte mit Frischfleischtheken. Die würden mehr, sagt HWK-Hauptgeschäftsführer Christof Riess. Er sieht die Azubiquote nicht ganz so positiv wie Reichert. Die Zahl nähme ab, seit vielen Jahren schon, stellt er fest. Dafür stiegen die Energiekosten und die Materialkosten, was wiederum die Preise steigen lasse. Das müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher tragen. „Daher wird perspektivisch die Zahl der kleinen Betriebe eher abnehmen, während die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner noch stärker durch Handelsketten erfolgt.“

Das kennt man aus dem Bäckereihandwerk. Da gibt es nur noch wenige klassische Backstuben, dafür viele Ketten, die Aufbackware in ihre Läden liefern. Und auch die haben mit den Preisen zu kämpfen. Der Weizen ist wegen des Krieges knapp und teuer, der Backofen heizt auch nicht von alleine. Da kommen die Gesetzesentwürfe zur Gas- und Strompreisbremse gerade recht, die der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks entsprechend würdigt. Dennoch fehle es den Betrieben an Planungssicherheit, sagt Daniel Schneider vom Verband. Die Härtefallregelung sei nicht ausreichend.

Und das schiebt wieder das Nachwuchsproblem in den Vordergrund. Da kann Kreishandwerksmeister Martin Gutmann (Hanau) noch so sehr die Elternhäuser rügen, in denen jungen Menschen bereits früh eingepflanzt werde, dass der berufliche Weg ausschließlich über die Universitäten führen solle. Wie er jüngst beim Gold- und Silberball im Congress-Park Hanau verlauten ließ. Warum aber sollte die Jugend eine Ausbildung im Handwerk anstreben, wenn dort die Zukunft so unsicher wirkt?

Womöglich kann der Masterplan Handwerk da etwas bewirken. Den soll nach Wunsch der Römer-Koalition in Frankfurt die Stadtverordnetenversammlung beschließen. Nach Vorbild der Masterpläne für die Kreativwirtschaft und die Industrie sollen dabei langfristig die Rahmenbedingungen für das Handwerk in Frankfurt optimiert werden. Dafür soll unter anderem ein Beirat gegründet werden, in dem die Kammern, die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände zusammenwirken. Außerdem sollen Handwerker-Gewerbehöfe entstehen.

Zukunftsmusik. Der Ortsbeirat 14, für Harheim zuständig, wünscht sich derweil, dass die Stadt in Harheim mehr Gewerbefläche schafft: für einen Supermarkt mit regionalen Akzenten mit einer Verkaufsfläche von etwa 1400 Quadratmetern. Die Einkaufsmöglichkeiten für Dinge des täglichen Bedarfs seien auf einen kleinen Discountmarkt, eine Bäckerei und zwei Metzgereien mit eingeschränkten Öffnungszeiten beschränkt, klagt das Gremium.

Der Antrag ist noch ganz frisch und doch bereits überholt: Denn ab kommendem Jahr gibt es in Harheim ja nur noch einen Metzger.

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