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Vor dem Gebäude wird Protest gegen die Veranstaltung laut.

Andrea Römmele

„Unsere Gesellschaft verliert ihre Diskursfähigkeit“

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Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele über den Mangel an Meinungsaustausch, die Rolle sozialer Medien und die benötigten Vorbilder.

Frau Professor Römmele, die Versuche, den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs zu unterbinden, scheinen zuzunehmen. Ist das auch Ihre Beobachtung?
Das können wir tatsächlich vermehrt beobachten. Unsere Gesellschaft polarisiert sich nicht nur zunehmend, sondern verliert auch ihre Diskursfähigkeit. Die Bereitschaft, sich mit abweichenden Meinungen auseinanderzusetzen, sinkt.

Woher kommt das?
Statt den Meinungsaustausch zu suchen, zieht man sich in seine entsprechenden Echokammern zurück und bestätigt sich und Gleichgesinnten all das, was man ohnehin schon wusste. Verlässt man diesen geschützten Raum, streitet man nicht mehr mit der Waffe des Arguments, sondern versucht, den politischen Gegner zum Schweigen zu bringen. Man wirft dem Gegner vor, unmoralisch zu sein, bezichtigt ihn der Lüge oder findet einen anderen Grund, warum man sich mit ihm nicht auf einer inhaltlichen Basis streiten muss.

Andrea Römmele ist Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Hertie School of Governance in Berlin.

Ist das eher in rechten Gruppen zu beobachten oder linken?
Eine solche Diskursverweigerung ist nicht an bestimmte politische Vorstellungen geknüpft. Sobald sich in einer Strömung geschlossene Diskursräume bilden, in denen sich Meinungen widerspruchslos selbst bestätigen und auch radikalisieren können, beobachten wir, dass die Bereitschaft zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit politischen Gegnern sinkt. Das passiert derzeit vor allem im rechtspopulistischen und rechtsextremen Milieu, was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch in anderen Gruppen passieren kann.

Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien?
Die sozialen Medien sind sicherlich ein Verstärker dafür, wenn auch nicht die Ursache. Sie spielen bei zwei Dimensionen eine Rolle. Zum einen sind sie zunehmend Radikalisierungsräume, in denen sich Echokammern herausbilden, in denen keine Diskurse, sondern nur Selbstbestätigung stattfindet. Zum anderen verschärfen sie auch den Ton im Umgang mit dem politischen Gegner. Es fällt immer leichter, jemandem die politische Diskussionswürdigkeit abzusprechen, wenn man sich nicht persönlich gegenübersitzt.

Wer ist in der Pflicht, die Freiheit der Wissenschaft und des Austauschs auch sehr gegensätzlicher Meinungen zu verteidigen?
Die politischen Akteure müssen zeigen, dass man gemeinsam diskutieren kann, auch wenn sich die Meinungen unterscheiden. Gleiches gilt auch für die Wissenschaft. Gerade hier sollte man stets die Auseinandersetzung suchen, um auch von gegensätzlichen Ansichten zu profitieren. Schließlich stellen sie immer eine Perspektiverweiterung dar. Letztendlich liegt es aber an jedem Einzelnen selbst. Jeder Einzelne ist in der Pflicht, sich bewusst zu machen, dass der Streit nicht etwas Störendes ist, sondern auch wahnsinnig produktiv sein kann. Eines der gelungensten Beispiele dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist aber sicherlich das Format „Deutschland spricht“, bei dem bewusst Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zusammengebracht werden.

Interview: Peter Hanack

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