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Vieles, was im Netz kursiert, ist unappetitlich. Manches ist sogar strafbar. Wer Nacktbilder oder Kinderpornos erhält, sollte sich an die Polizei wenden.

Kinderpornografie

„Unrechtsbewusstsein fehlt“

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Jugendliche und selbst Kinder verbreiten Kinderpornografie häufig aus Geltungsbedürfnis oder aus Dummheit. Die Folgen können verheerend sein.

Sie kursieren zigtausendfach im Internet: Fotos und Videos nackter, sexuell missbrauchter Kinder. Doch längst nicht immer sind es Pädophile, die die Bilder besitzen und sie anderen weiterleiten. Wie der jüngste Ermittlungserfolg von Staatsanwaltschaft und Polizeibehörden zeigt, sind es häufig Minderjährige und junge Erwachsene, die Kinderpornografie verbreiten – sei es aus Leichtsinn, Geltungsbedürfnis oder Dummheit.

In der vergangenen Woche haben die Ermittler bei einer Razzia in elf Bundesländern 21 Verdächtige ausfindig gemacht, vier davon in Hessen. Sie sind zwischen 14 und 26 Jahre alt und sollen Videos mit kinderpornografischem Inhalt verschickt haben. Auf einem sind sexuelle Handlungen zweier amerikanischer Kinder zu sehen, ein anderes zeigt die Vergewaltigung eines etwa zehn Jahre alten Jungen durch zwei Jugendliche. Die Aufnahme entstand wahrscheinlich in Afghanistan.

Der Fahndungserfolg ist kaum mehr als die Spitze des Eisbergs. „Im vergangenen Jahr erhielten wir rund 70 000 Hinweise auf Kinderpornografie in sozialen Medien und Messengerdiensten“, erläuterte Staatsanwältin Andrea Güde am Montag in Wiesbaden. Bundeskriminalamt (BKA) und Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hatten dorthin zu einer Pressekonferenz eingeladen, um über die Erkenntnisse und Folgerungen aus dem aktuellen Ermittlungserfolg zu berichten.

PRÄVENTION

Wer Nacktbilderoder kinderpornographische Aufnahmen erhält, sollte diese keinesfalls weiter verbreiten. Gut sei es, dem Absender zu signalisieren, dass man dies nicht wolle. Statt dessen solle man die Polizei informieren und das Material in Absprache mit dieser löschen.

Hilfe und Informationen gibt es unter anderem beim Verein Dunkelziffer unter dunkelziffer.de, beim hilfeportal-missbrauch.de, juuuport.de sowie unter save-me-online.de. Lehrkräfte können sich bei schule-gegen-sexuelle- gewalt.de informieren. pgh

Von den 70 000 angezeigten Fällen seien nach deutschem Recht rund 20 000 strafbar. Ein Drittel sei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuzuordnen, die nicht aus pädophilen Motiven heraus handelten. „Es geht um ein Phänomen, das massenhaft verbreitet ist“, erläuterte Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung für schwere und organisierte Kriminalität beim BKA.

Oft hätten die jungen Täter und Täterinnen keinerlei Unrechtsbewusstsein. „Offenbar wurden der Besitz und das Weiterverbreiten als Bagatelle angesehen“, sagte Christian Hartwig, stellvertretender Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. Die Filme seien häufig mit Emojis und „offenbar als lustig empfundenen“ Kommentaren versehen worden.

Bei den Hausdurchsuchungen am Mittwoch voriger Woche seien die Beschuldigten aus allen Wolken gefallen. Sie seien teils völlig überrascht davon gewesen, dass ihr Handeln Konsequenzen nach sich ziehen könnte, sagte Vogt. Auch die Eltern seien völlig überrascht und bestürzt gewesen. „Die wussten gar nicht, was ihre Kinder treiben und standen dem ratlos gegenüber.“

„Oft wird das Verbreiten solcher Inhalte unter den Jugendlichen nicht als kriminell betrachtet, sondern gilt als etwas ganz Tolles“, erklärte Heidemarie Jung vom Verein Dunkelziffer, der sexuell missbrauchten Kindern hilft. Wer das tue, gelte als mutig und erfahren. Nicht selten ließen Jugendliche sich auch filmen, weil ihnen das schmeichele. Die Folgen könnten verheerend sein. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin berichtete von einem Fall aus ihrer Praxis. Ein Mädchen habe seinen Freund oral befriedigt, der habe das aufgenommen. „Das Mädchen fand das erst gut, doch dann hat der Junge das Video an andere verschickt.“ Das Mädchen schäme sich furchtbar vor Freunden und Familie, wolle nicht mehr in die Schule gehen und nicht mehr leben, sagte Jung.

„Das Verbreiten von Kinderpornografie ist kein Kavaliersdelikt“, mahnte Staatsanwältin Güde. Die 21 Verdächtigen müssten mit Freiheitsstrafen von drei Monaten bis zu fünf Jahren rechnen. Bei den Minderjährigen könnten die Verfahren gegen Auflagen wie gemeinnützige Arbeit eingestellt werden. „Es geht darum, ein Signal zu setzen, dass jemand etwas falsch gemacht hat“, so Vogt. „Wir müssen der Bagatellisierung entgegenwirken.“

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