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Weil er als Rudolf so viel Haargel und Haarspray tragen muss, muss Timothé jetzt immer duschen, ehe er schlafen geht.

Frankfurt-Nordend

Der kleine Prinz

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Der neunjährige Timothé Lang aus dem Frankfurter Nordend gibt in der Alten Oper den Sohn von Sissi. Lampenfieber kennt der Grundschüler nicht.

„Mama, wo bist du“, fragt Prinz Rudolf sehnsüchtig. Doch seine Mutter, Kaiserin Elisabeth darf ihn nicht sehen. Und er sie nicht. „Mama, mein Zimmer ist nachts so finster. Jetzt bin ich wach und fürchte mich“, singt er. Während seine Mutter gegen das Protokoll am österreich-ungarischen Hof kämpft, geht ihr Sohn eine Freundschaft ein – mit dem Tod. Denn Alleinsein ist schlimmer als die Furcht vorm Tod.

„Einen schöneren Tod als Máte kann es gar nicht geben“, sagt Timothé Lang lachend über seinen Schauspielkollegen Máte Kamarás. So ganz hat der Neunjährige die Geschichte um die junge Kaiserin Sissi, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Tod, nicht verstanden. Aber er weiß, was das Drehbuch an Gefühlen erwartet. Die Produzenten haben es ihm gesagt, und er war auf der Bühne das verzweifelte, zarte, zerbrechliche Kind. Auf Youtube hatte sich Timothé andere Rudolfs angeschaut, „aber die sahen gar nicht traurig aus“, sagt er kritisch.

Acht Mal gab Timothé Lang bislang den kleinen Rudolf im Musical „Elisabeth“. Lampenfieber kennt der Grundschüler nicht. „Wenn ich auf die die Bühne gehe, halte ich die Hand von Alixa Kalasz, der Gouvernante. Es ist lustig, weil ihre Hände immer zittern.“ Und bei der Premiere? „Während der Aufführung stehen die Scheinwerfer so, dass man nur die ersten zwei Reihen sieht“, sagt er. Er sah nicht, dass Mama und Papa unten im Saal weinten.

Geburtstag mit Mozart

Das Talent, die Gelassenheit, seine Eltern wissen nicht, woher das kommt. Weder Mutter Sophie noch Vater Volker Lang sind musikalisch, die drei Söhne sind es allesamt. Dabei gibt es doch dieses Zeichen: „Ich bin am 27. Januar geboren – genau wie Mozart!“ Der Komponist avancierte schnell zum Vorbild des Jungen aus dem Nordend, „die Musik ist toll“, sagt Timothé und erzählt vom Leben des österreichischen Musikers. Seit er fünf ist, spielt Timothé Geige, inzwischen auch Klavier – „Mozart hat auch Klavier gespielt“. Nebst der Musikschule singt der Textorschüler im Schulchor und spielt im Schulorchester Geige. „Wenn die Geige verstimmt ist, ist das ein Stimmungskiller“, kommentiert Papa Volker. Inzwischen kann Timothé sie selbst stimmen, mit einer Tongenerator-App auf Papas iPhone.

Mit Gesang und Schauspiel hatte Timothé zuvor noch nicht viel zu tun und mit Musicals auch nicht. Sie sind eine Segler-Familie, Papa Volker hat ein Boot in Seligenstadt. Dann sah Volker Lang den Aufruf in der Zeitung und Timothé meldete sich zum Casting an. „Die Noten für „Mama, wo bist du?“ waren ein bisschen schwierig, aber ich habe mit meinem Bruder Leo geübt.“

„Das Besondere ist, dass Timothé nicht wirklich üben muss. Er hört ein Lied und setzt es um“, sagt Volker Lang. Beim Casting in der Alten Oper wurde nur Timothé ausgewählt, die anderen Kinder sangen bereits in Essen. „Ich hatte das Lied mit meinem Klavierlehrer geübt.“ Der nahm ihm eine Akustikversion auf Handy auf, sodass Timothé das Lied zu Hause dazu singen konnte. Bruder Leo gab Anweisungen.

Bei Proben in Köln lernte Timothé das Team kennen – und das Schauspiel. „Das war nicht so schwer“, sagt er. Ein Highlight ist die Zusammenarbeit mit dem Orchester. Timothé zieht einen gebastelten Dirigentenstab aus der Jackentasche: Er hat einen Kork auf einen Stock gespießt. „Es gibt eine schwierige Stelle, da muss ich zum Dirigenten gucken. Wenn der Tod mich runterlässt, ist laut den Noten keine Pause. Aber dort ist einfach eine riesige Pause.“

Auf der Premiere Mitte Dezember klappte alles auf Anhieb. Fast alles: Niemand hatte Timothé beigebracht, wie das mit dem Verbeugen funktioniert. „Thomas Hohler, der große Rudolf, hat mich mitgenommen.“ Und einmal hielt er die Arme zu weit auseinander, als ihm auf der Bühne die Jacke angezogen wurde. „Ich hatte mal ein Kleid falsch herum an, dann hing der Po vorne“, muntert ihn Bühnen-Mama Roberta Valentini lachend auf.

Gummibärchen vom Tod

Die Erwachsenen seien sehr nett zu ihm, sagt Timothé. Von Máte Kamarás, dem Tod, bekam er nach dem ersten Auftritt eine Gummibärchen-Pizza geschenkt. „Die habe ich in der Schule mit Freunden geteilt“, sagt Timothé. Er hat einen eigenen Betreuer, der Uno und Schiffe versenken mit ihm spielt, während aus den Lautsprechern die ersten Töne des Musicals kommen. Manchmal darf er den Profis auch zuschauen, nur bei seiner Lieblingsszene ist das schwierig: „Ich mag den Rhythmus von „Wir oder sie“, wenn die auf den Pferden reiten.“

Viel Rummel für ein Kind. Vor den Aufführungen macht Timothé Mittagschlaf – sein Einsatz ist immerhin erst gegen 21 Uhr. Und nach den Shows warten Fans. „Ich habe ein paar Autogrammkarten verteilt und die Leute wollten Selfies mit mir machen.“ Leara Tauber, die als Junge verkleidet zum Casting kam, hat sogar die Karten getauscht, um Timothé singen zu hören. „Ich kenne die schwierigen Stellen des Liedes. Er hat es wirklich gut gemacht“, sagt die Zehnjährige.

Inzwischen ist die gesamte Familie Lang Musical-Fan. Sogar die Oma aus Frankreich kam zu Besuch, um den Enkel auf der Bühne zu sehen. „Die CD läuft rauf und runter und jeden Tag haben wir einen anderen Ohrwurm“, sagt Vater Volker. Im Moment ist es „Der letzte Tanz“. Bis zum letzten Tanz kann es für Timothé noch eine Weile dauern: Er will Profimusiker werden.

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