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Und es hat „Fluff“ gemacht

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Von: Stefan Behr

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Bizarre Videos der Bombenbastlerkarriere von Marvin E. vor Frankfurter Oberlandesgericht

Chemie ist, wenn es knallt und stinkt. Die Justiz ist da deutlich geruchsneutraler, und das ist am Dienstagnachmittag ein Segen, an dem das Frankfurter Oberlandesgericht die alten Sprengvideos von Marvin E. anguckt. Denn sonst stänke es im Saal wohl teuflisch nach Schwefel. Der Nordhesse, dem die Anklage die versuchte Gründung der „Atomwaffen Division Hessen“ und die Vorbereitung eines Anschlags vorwirft, hat seine Karriere als Bombenbauer akribisch mit dem Handy festgehalten.

Die ersten Videos haben einen gewissen Charme und zeigen eigentlich immer dasselbe: Marvin E. zündet einen Knallkörper, rennt davon wie ein Wiesel und keckert wie ein Ziegenbock, wenn das Ding mit dezentem „Fluff“ in die Luft geht. „Da habe ich noch experimentiert“, entschuldigt E. das „Fluff“. Wo er denn diese Videos gemacht habe, will Richterin Bianca von Arnim wissen. „Entweder im Wald – oder auf dem Feld“, antwortet E. und benennt damit zugleich zwei Sehnsuchtsorte der Deutschen.

Das passt, denn neben der Freude am Knall war es auch immer ein Wunsch E.s, sein Vaterland eines Tages ein bisschen deutscher zu bomben. Daher erteilt er den ebenfalls auf seinem PC gefundenen IS-Bombenbastelvideos auch eine kritische Absage: „Bei denen hat mich das arabische Gebrabbel schon abgefuckt.“

Bei den nächsten Sprengvideos weicht das „Fluff“ einem kräftigen „Kawumm“. Das seien jetzt aber dickere Böller, meint von Arnim. Marvin E. lächelt und verneint: „Das ist nur der Hall. Das war oben auf dem Berg.“ Noch so ein deutscher Sehnsuchtsort. Der nächste gefilmte Böller detoniert dann aber mit dem Geräuschpegel einer Autobombe, und das deutlich sichtbar mitten im Wald. „Das war ein etwas größeres Modell, zwei Klopapierrollen mit BKS“, sagt E. nicht ohne Sprengmeisterstolz und macht klar, dass der Bombenbau für ihn auch irgendwie eine Coming-of-Age-Sache war: „Da fing ich langsam an, größer zu werden.“ Und ein bisschen Umweltbewusstsein zu entwickeln: „Bäume habe ich nie gesprengt!“

Was das In-die-Luft-jagen von Menschen angeht, ist er zumindest in der Theorie weit liberaler. Ihm sei schon klar gewesen, dass er die Bomben auch irgendwann mal zu anderen Zwecken nutzen wollte als bloß zur Silvesterbelustigung seiner Problemfamilie oder um vor Kumpels anzugeben – „für Anschläge beispielsweise oder bei Reibereien mit der Polizei“.

Das Sichten der Videos wirkt auf E. ganz offensichtlich wie ein Jungbrunnen, der bei einem 20-Jährigen allerdings nur ein bedingter Segen ist. „Das hat Spaß gemacht“, freut er sich lausbübisch und schwärmt von „den alten Zeiten“, den guten vor seiner Verhaftung. Und nebenbei beweist er seinen Richtern, dass die Welt oft viel einfacher ist, als diese sie sich vorstellen.

So will von Arnim etwa wissen, woher er denn die Zündschnüre für seine Bomben bekommen habe. Natürlich wie alle sonstigen Bestandteile „von Amazon“, sagt Marvin E. Was man denn als Suchanfrage eingeben müsse, um auf Amazon bei Zündschnüren fündig zu werden? „Na ja, ,Zündschnüre‘ halt“, antwortet E. achselzuckend. Bombenbau ist ja kein Hexenwerk.

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