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Demonstration im vorigen Jahr: für die Grüne Lunge und gegen Luxuswohnungen.

Günthersburghöfe

„Wir brauchen einen neuen Ansatz“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig spricht im Interview über den Grünen-Streit über das Bauprojekt Günthersburghöfe im Frankfurter Nordend.

Frau Heilig, die grüne Basis will das Neubauquartier Günthersburghöfe nicht so haben wie der Parteivorstand, sie will Grünflächen schützen. Was folgt daraus?

Ich kann als Umweltdezernentin gar keinen anderen Standpunkt einnehmen, als zu sagen: Leute, wir brauchen in den Köpfen der Planer:innen und Architekt:innen einen Paradigmenwechsel.

Also die Wohnungen nicht wie vorgesehen bauen?

Das heißt nicht: Wir dürfen nicht mehr bauen. Ich sage: Nehmt den Klimawandel ernst! Wenn wir das tun, können wir nicht mehr so bauen wie in den vergangenen 60 Jahren. Wir können nicht sagen: Da ist eine freie Fläche und wir bauen da maximal Wohnungen. Sonst handeln wir nicht für die Menschen, die sich um ihr Grün sorgen. Das ist eine gesellschaftliche Stimmung, die müssen wir aufnehmen.

Geht es nur um Grüne Lunge und Günthersburghöfe oder auch um weitere Baugebiete?

Das betrifft auch den neuen Stadtteil an der A5 und auch das Gewerbegebiet in Nieder-Eschbach. Wir führen bei der Grünen Lunge eine Stellvertreterdebatte. Für mich bleibt die Frage: Wie gehen wir verantwortungsbewusst mit dem Klimawandel um – wo und wie wollen wir bauen? Was machen wir mit der Tatsache, dass unsere Wohnquartiere nachts nicht mehr abkühlen? Es geht doch um Lebensqualität.

Ist das nicht Konsens?

Ich merke, was für dicke Bretter ich oft mit dieser Haltung bei Architekt:innen und Planer:innen bohren muss. Wir müssen unsere Quartiere maximal durchgrünen. Deshalb haben wir das Programm „Frankfurt frischt auf“ aufgelegt. Und wenn wir neue Quartiere haben wollen, dann müssen wir vom Grün her planen. Was vorhanden ist, muss berücksichtigt werden. Gebäude, die wir in diese Quartiere bauen, müssen so ausgerichtet sein, dass der Wind durchziehen kann.

Das wäre bei den Günthersburghöfen nach Planungsstand nicht gegeben?

Die letzten Untersuchungen stammen von 2017 und früher. Es ist einfach gerade in den letzten drei Jahren viel passiert – der Klimawandel nimmt immer bedrohlichere Formen an. Mit dramatischen Folgen gerade für die Städte. Und für unseren Stadtwald.

Sie haben deshalb ein neues Gutachten gefordert.

Zur Person

Rosemarie Heilig (Grüne) ist seit 2012 die Frankfurter Umweltdezernentin. Sie tritt für den Grundsatz ein, Stadtentwicklung vom Grün her zu denken.

Wir sollten die Chance nutzen, aufgrund der heißen Jahre 2018, 2019 und 2020 eine neue Untersuchung zu machen und auch zunehmend die Nächte in den Blick zu nehmen: Wie gut wird der Stadtteil nachts durchlüftet? Darauf basierend muss es eine Simulation geben: Wie würde man die Gebäude dort aufstellen? Es wird zu Recht kritisiert, dass dort wieder eine Tiefgarage geplant ist. Ich sage gebetsmühlenartig: Wenn wir begrünte Plätze haben wollen, können wir keine Tiefgaragen mehr bauen. Das wäre Politik von gestern.

Die Bevölkerung vor Ort will gehört werden. Wie sehen Sie das?

Das wäre eine gute Lösung: die Bürger:innen intensiv beteiligen, die von den Günthersburghöfen betroffen sind, eine aktualisierte Untersuchung machen, maximale Durchgrünung gewährleisten. Dann hat man die Leute auch mitgenommen. Wir brauchen da wirklich einen neuen Ansatz.

Dann wäre auch die grüne Basis bereit, das mitzumachen?

Da bin ich zuversichtlich. Die Sorgen bei uns Grünen und in der Bevölkerung sind groß, weil der Klimawandel mit hoher Geschwindigkeit voranschreitet.

Was bedeutet die Entscheidung vom Samstag für die Koalition?

Planungsprozesse in dieser Dimension haben eine lange Laufzeit. Auch ohne die Entscheidung vom Wochenende wäre bei den Günthersburghöfen noch manches überarbeitet und neu diskutiert worden. Und es war kein Beschluss gegen den sozialen Wohnungsbau. Wir haben ja am Samstag auch den Beschluss gefasst, dass wir mehr geförderten Wohnraum, und zwar mit einer Förderquote von 60 Prozent, wollen – aber wir wollen ihn klimagerecht.

Rosemarie Heilig (Grüne) ist seit 2012 die Frankfurter Umweltdezernentin. Sie tritt für den Grundsatz ein, Stadtentwicklung vom Grün her zu denken.

Waren Sie sich mit Planungsdezernent Mike Josef von der SPD nicht darin einig, neue Baugebiete vom Grün her zu denken?

Im Grundsatz waren wir uns darüber einig. Aber wenn es dann ins Detail geht, muss man schon genauer hinschauen. Unsere Herausforderung bleibt: Wie organisieren wir unsere Stadt in Zeiten des Wachstums und des Klimawandels? Man kann nicht sagen, wir brauchen bezahlbaren Wohnraum – das sagen ja alle –, aber nicht vor meiner Haustür. So geht es nicht. Wir müssen bauen. Die Frage ist: wie?

Wie haben Sie denn selbst am Samstag über die Günthersburghöfe abgestimmt?

Ich habe mich für den Antrag entschieden, der eine neue Untersuchung und eine intensive Bürgerbeteiligung gefordert hat.

Interview: Thomas Stillbauer

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