Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Sozialwissenschaftler Nikolaus Meyer. Foto: Privat
+
Der Sozialwissenschaftler Nikolaus Meyer.

Obdachlosigkeit

Um Obdachlosen zu helfen, braucht es radikal neue Ansätze

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
    schließen

Nikolaus Meyer lehrt Soziale Arbeit in Fulda und forscht zu Obdachlosigkeit. Im Interview sagt er: Um den Betroffenen zu helfen, braucht es radikal neue Ansätze wie das Konzept „Housing First“.

Herr Meyer, Sie forschen seit Jahren zu Wohnungslosigkeit. Im Moment ist es sehr kalt, die Stadt Frankfurt betont, ausreichend Hilfe zu leisten. Stimmt das?

Das Hilfesystem kann gut gewappnet sein, im Moment haben wir aber eine besondere Situation durch Corona. Manche Einrichtungen sind geschlossen, manche müssen ihre Angebote reduzieren. Und jetzt kommt noch die extreme Kälte dazu, das ist insgesamt eine komplizierte Lage.

Frankfurt ist stolz auf sein recht dichtes Netz an Hilfsangeboten. Reicht es noch aus?

Das kann man allein deshalb nicht sagen, weil weiterhin niemand genau weiß, wie viele wohnungslose Menschen in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet leben. Es ist sicher so, dass die Hilfsangebote in Frankfurt vorhanden und fachlich gut sind. Ob sie ausreichen, kann man angesichts der unbekannten Zahl von Betroffenen nicht genau sagen.

Bei der aktuellen Kältewelle wird vor allem auf Menschen geschaut, die als Obdachlose buchstäblich auf der Straße leben. Die Stadt Frankfurt sagt, diese seien oft misstrauisch oder psychisch krank und schwer zu erreichen. Muss man mehr über neue Hilfsangebote nachdenken?

Ja, Sie sagen es. Die Stadt Frankfurt hat sicher Recht damit, dass viele Menschen in der Obdachlosigkeit von den Hilfsangeboten schlecht erreicht werden. Die Frage ist, ob das daran liegt, dass die Angebote nicht genau zu den Problemlagen passen. Schon vor der Kältewelle sind in Deutschland in diesem Winter 17 obdachlose Menschen erfroren, das sollte uns als Gesellschaft zu denken geben. Und dabei gibt es ja Konzepte wie „Housing First“, mit denen man ganz anders helfen könnte.

Was bedeutet „Housing First“, und wie funktioniert das?

Derzeit gibt es in Deutschland eine Art Stufenmodell. Als obdachloser Mensch landet man zunächst in einer niedrigschwelligen Einrichtung und muss sich dann bis zu einer eigenen Wohnung emporarbeiten. Das Spannende am „Housing First“-Ansatz ist, dass er das System radikal umdreht und sagt: Es gibt ein grundlegendes Recht auf Wohnen, und das wird dadurch verwirklicht, dass mit wohnungslosen Menschen sofort ein regulärer Mietvertrag abgeschlossen wird. Eigentlich soll dabei kein Träger als Vermieter fungieren, sondern normale Vermieter:innen und normale Wohnungsbaugesellschaften. Parallel werden die neuen Mieter:innen intensiv durch Sozialarbeit begleitet, weil obdachlose Menschen oft lange auf der Straße waren, verschiedene Krankheiten haben und psychisch belastet sind. Der Vorteil an dem Konzept ist, dass man die Spirale „Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung“ durchbricht, indem man zuerst für eine Wohnung sorgt.

Was für Erfahrungen gibt es denn bisher mit diesem revolutionären Ansatz?

Zur Person

Nikolaus Meyer (38) ist Professor für Profession und Professionalisierung Sozialer Arbeit am Fachbereich Sozialwesen an der Hochschule Fulda. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Wohnungslosenhilfe.

Das Konzept kommt aus den USA, aus New York, dort hat es eine Erfolgsquote von fast 90 Prozent. Es gab auch Versuche in Dublin, in Brüssel, auch in Portugal, die fast genauso erfolgreich gelaufen sind. Nur in Deutschland etabliert sich dieser Ansatz bisher noch nicht so. Woran das genau liegt, ist mir nicht klar, aber es gibt bereits erste Projekte im Saarland, in Rheinland-Pfalz und in Berlin.

Die Idee klingt ganz einfach, aber die Umsetzung ist sicher nicht unkompliziert. Könnte „Housing First“ auch in Frankfurt funktionieren?

Ja, klar, warum denn nicht? Man müsste es nur angehen. Es müsste Träger geben, die das ausprobieren. Offen ist natürlich, wie viele Vermieter:innen bereit wären, an obdachlose Menschen zu vermieten. Wobei man sagen muss: Zunächst würde die Miete ja durch den Staat übernommen, es gäbe also eine relative Sicherheit. Es ist einfach etwas, was wir als Gesellschaft wollen müssen: Wir müssen wollen, dass es ein Recht auf Wohnen für alle Menschen gibt.

Was könnte die Frankfurter Stadtpolitik beitragen?

Es bräuchte den Mut zu sagen, dass man neue Wege ausprobiert. Es kann ja auch sein, dass man am Ende feststellt, dass es aus bestimmten Gründen nicht funktioniert. Wir wissen es in Frankfurt einfach noch gar nicht, und solange niemand mutig vorangeht, werden wir es nie erfahren.

Die Zahl der Zwangsräumungen in Frankfurt ist rückläufig, auch wegen der städtischen „Hilfen zur Wohnungssicherung“. Wie wichtig ist es, Wohnungslosigkeit präventiv zu verhindern?

Man muss das Problem sicherlich auch so angehen. Ich glaube, keine Strategie, auch „Housing First“ nicht, kann das Problem alleine lösen. Die Gründe für Wohnungslosigkeit sind so vielfältig wie wir Menschen. Also ist auch die Prävention ein ganz zentraler Punkt, damit Menschen gar nicht erst auf der Straße landen.

Über Obdachlosigkeit wird oft nur im Winter gesprochen. Braucht es auch eine andere gesellschaftliche Wahrnehmung des Problems der Wohnungs- und Obdachlosigkeit?

Unbedingt. Im Sommer dominiert teils noch eine romantische Vorstellung von Vagabunden. Aus den Studien von Andreas Zick wissen wir aber auch, dass wohnungslose und obdachlose Menschen eine Hassfigur darstellen. Insofern haben Sie völlig recht: Es braucht in jedem Fall eine breitere gesellschaftliche Diskussion darüber, ob wir wollen, dass Menschen in die Wohnungslosigkeit und dann die Obdachlosigkeit rutschen. Gerade in einer Stadt mit steigenden Mieten braucht es diese Debatte, denn das Problem kommt immer stärker in der Mitte der Gesellschaft an. Von Wohnungsverlust sind ja nicht mehr nur Randgruppen betroffen, sondern Menschen wie du und ich.

Interview: Hanning Voigts

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare