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Ach ja, ums Lesen ging’s ja auch noch … das hätte man vor lauter Gucken fast vergessen. Foto 

Cosplay

Buchmesse: Ulysses-Salat mit Cos-Dressing

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Alles so schön bunt hier: Einige Buchmessenbesucher wollen nur lesen, andere nur spielen. Cosplayer haben die Macht über die Buchmessenbesuchertage ergriffen.

Mit der Buchmesse an Besuchertagen verhält es sich wie mit James Joyces „Ulysses“. Der Zugang fällt sehr schwer. Und wenn man endlich drin ist, will es auch nicht so recht weitergehen. Und früher oder später stellt man sich die Frage, warum man überhaupt hier ist. Weil nämlich die Experten gesagt haben, das sei die Show, da müsse man mal gewesen sein, weil sie auch schon mal da waren. Natürlich an Fachpublikumstagen, an denen gut Reinkommen und Dasein ist, aber davon haben die Experten natürlich nichts gesagt, weil Fachwissen.

Außerdem haben die Experten gesagt, dass innendrin jede Menge interessanter Charaktere zu finden seien – und Donnerwetter, das stimmt. Jedenfalls, seit die Cosplayer die Macht über die Buchmessenbesuchertage ergriffen haben. Cosplayer sind Menschen, die sich wie Manga-Figuren kleiden (Personen aus Videospielen und TV-Serien tun es zur Not auch). Manga sind Comics mit japanischem Illustrationshintergrund. Man liest sie von hinten nach vorne und von rechts nach links, wird darum irgendwann verrückt und verwandelt sich in eine Comic-Figur. Das hat mitunter unerfreuliche Nebenwirkungen wie K-Pop, ist ansonsten aber harmlos, sogar hübsch anzuschauen und unterhaltsam.

So manches Kostüm ist echt der Hammer: hier die Figur Harley Quinn aus den DC-Comics. Foto

So kann man etwa die Wartezeit in der Einlassschlange damit verkürzen, Personen aus dem Manga-Universum zu identifizieren. Vor einem etwa steht Naruto, der Ninja-Krieger mit dem Katzenschnurrbart. Hinter einem knipst König Joffrey Baratheon, Erster seines Namens bei „Game of Thrones“, ein Selfie mit gemeinem Volk. Die Pokémon-Bösewichte von Team Rocket haben es seltsamerweise bereits hinter die Sicherheitskontrolle geschafft. Team-Rocket-Mitglieder sind auf der Buchmesse aber auch gar nicht so falsch. In der Fernsehserie durften sie vor jedem Auftritt ein Gedicht aufsagen: „Wir wollen über die Erde regieren / Und unseren eigenen Staat kreieren / Liebe und Wahrheit verurteilen wir / Mehr und mehr Macht, das wollen wir / Team Rocket, so schnell wie das Licht / Gebt lieber auf und bekämpft uns nicht.“ Gut, das ist nicht Rilke, aber es reimt sich, und was sich reimt, ist gut, sagt der Pumuckl. Der Pumuckl gehört nicht zu den Cosplay-Influencern, aber einige Besucher kommen optisch ganz dicht ran.

Ganz hinten in Halle 3.0 sorgt ein offensichtlicher Jungstutenabschied wilder Einhorn-Damen für Stau und stockenden Publikumsverkehr. Während die Menschenmenge immer dichter wird, fällt das Auge des hilflosen Besuchers auf ein Plakat am Stand eines japanischen Verlags, der Kindern mit Hilfe von Hundehäufchen (japanisch: unko, englisch: poop) die Schönheit der Mathematik (poop-maths) näherbringen will. Und wohl auch die der Religion, denn auf dem Plakat steht die Betbeschreibung eines „Unko-Prayers“: Zweimal in die Hände klatschen, Oberkörper leicht nach vorn beugen, einen Wunsch wünschen und laut und vernehmlich „Unko“ sagen. Funktioniert weder auf Englisch noch auf Japanisch, aber auf Deutsch ganz leidlich. Zumindest die direkten Nachbarn gehen ein wenig auf Distanz.

Auf dem Messefreigelände erinnert sich ein Cosplay-Veteran und „Lawsman“ an die gute alte Zeit. „Lawsman“ ist ein Cosplay-Verein, der sich für kranke und benachteiligte Kinder einsetzt und kostümiert. Vor vielen, vielen Jahren, erinnert der Veteran sich, da seien die Cosplayer noch ein Haufen wilder Außenseiter gewesen, die sich in einem Hinterkabuff des „Naruto“ herausgebenden Verlags zusammengerottet hätten. „Damals hatten wir Cosplayer noch freien Eintritt.“ Die Zeiten sind jedenfalls vorbei. Heute bietet der Verein auf der Messe Cosplay-Erste-Hilfe an: „Hautkleber, Sicherheitsnadeln, Haarspray“.

Und die Cosplayer rotten sich heutzutage in Halle 4.0 zusammen. Hier gibt es alles, was der Cosplayer begehrt. Zum Beispiel Nähmaschinen. „Wie von Zauberhand – schon ist kein Riss mehr im Gewand“, dichtet der Hersteller. Auch nicht Rilke. Aber reimt sich. Aus den Lautsprechern erklingt Weltmusik aus Japan, Korea, Super-Mario-Land und Donkey-Kong-Country. Direkt vor einem im Stau steht Thanos. Er sieht unglücklich aus. Thanos ist der neue Dickbösewicht aus dem Marvel-Universum. Im vorletzten „Avengers“-Film hat er die Hälfte des Lebens im Universum mit einem Fingerschnipsen abgeschafft. Lange wurde über Thanos’ Motivation gerätselt. Sie könnte aber aus einem Buchmessenpublikumstagesbesuch resultieren. Thanos – Genie oder Arschloch? Die uralte Übermenschheitsfrage beantwortet man an am Abend eines solchen Tages womöglich anders als am Morgen.

Eines muss man den Cosplayern lassen: Sie verleihen der Buchmesse Farbe. Nur schade, dass sich ihre Idole ausschließlich aus dem Comic-Universum und nicht dem der Hochliteratur rekrutieren. Zu gerne würde man etwa Professor Moriarty dabei helfen, einen Weg zu finden, um die Messe mit einer Tageskarte betreten, verlassen und abermals betreten zu können. Und die Hochliteratur hat ja auch ihre Vorteile. „Ulysses“-Kenner etwa wissen: Wenn man die Lust verliert an Krieg oder Messe, kann man jederzeit abbrechen und zurück zu Weib und Sohn und Thron segeln. Man ahnt zwar, dass das nicht so einfach werden könnte, wie man sich das vorstellt. Doch die Sorge ist unbegründet: Raus geht es bei der Buchmesse ganz schnell. Aber schließlich ist ja auch Norwegen Gastland und nicht England.

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