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Ukrainische Zwillingsbrüder in Frankfurt: „Es fühlt sich wie Zuhause an“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Zwei Brüder aus Kiew schafften es bis nach Frankfurt. Mittlerweile fühlen sich die beiden und ihre Mutter angekommen in der Mainmetropole.

Frankfurt – Die Zwillingsbrüder Andrii und Dmytro Turchyn konnten mit ihrer Mutter aus ihrer Heimatstadt Kiew fliehen. Aber nur weil, sie gerade noch 17 waren. Jetzt sind sie 18 und sind in ihrem Leben in Frankfurt angekommen. Es ist einfach ein tolles Gefühl, in deiner eigenen Wohnung aufzuwachen“, sagt Andrii Turchyn und strahlt.

In Deutschland, seiner neuen Heimat, nennen ihn alle nur Andi. Sein Zwillingsbruder Dmytro, dessen Spitzname Dima ist, betont: „Es fühlt sich wie zu Hause an, und es ist friedlich hier.“ Er öffnet die Dachluke und schaut aufs Feld. Seit Juli leben die ukrainischen Zwillinge mit ihrer Mutter in einer Wohnung in Kalbach, einem ländlichen Stadtteil von Frankfurt. „It’s like a Dorf“, sagt Andi und lacht.

Aus Kiew nach Frankfurt: Mit dem Deutsch läuft es schon gut bei den Brüdern

Er kann schon gut Deutsch, mischt es aber zwischendrin mit englischen Worten. Die Brüder mögen es hier. Seit März sind sie in Frankfurt, ihr Land konnten sie nur verlassen, weil sie damals noch 17 Jahre alt waren. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits Ende Februar angeordnet, dass alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren nicht mehr ausreisen dürfen, sondern bleiben müssen, um ihr Land zu verteidigen. Im Juni sind Andi und Dima 18 geworden.

Die Zwillingsbrüder wirken, als seien sie angekommen. Sie sind deutlich fröhlicher und gelöster als beim ersten Interview im April, als ihre Eindrücke vom Krieg und der Flucht aus ihrer Heimatstadt Kiew noch frisch waren. Sie wussten auch noch nicht, wie ihr Leben in Frankfurt weitergehen würde. „Eine Menge unserer Anfangsprobleme wie Sozialhilfe zu beantragen und eine Wohnung zu finden, sind mittlerweile gelöst“, sagt Andi.

Wohnung in Frankfurt: Die Brüder dürfen zunächst zwei Jahre bleiben

Anfangs hatte eine Gastfamilie am Riedberg die Familie in ihrem Zuhause aufgenommen, zwischendrin lebte sie kurz bei einer Familie in Sachsenhausen. Andi trägt an diesem Sommertag ein weißes T-Shirt, Adiletten, kurze Hose, sein Bruder ein schwarzes Shirt auf dem „Los Flamingos“ steht, alles Kleiderspenden.

Die beiden sitzen an einem mit Trockenblumen dekorierten weißen Tisch im Wohnzimmer, das nachts der Mutter als Schlafzimmer dient. Die Jungs haben jeweils ein eigenes Zimmer. Die Möbel sind teilweise von der Vormieterin, teilweise von der Vermieterin. Für zunächst zwei Jahre dürfen sie hier leben. „Der Kühlschrank war kaputt, die Vermieterin hat ihn extra für uns repariert“, sagt Dima, der fröhlich durch das neue Zuhause führt.

Frankfurt: schwierige Wohnungssuche für die ukrainischen Brüder

Eine Wohnung in Frankfurt zu finden, sei schwierig gewesen: „Als wir uns Wohnungen ansahen, fragten die Vermieter nach unserer Kreditwürdigkeit“, erzählt Andi. Dann aber hatten sie viel Glück und fanden über einen Freund die Wohnung in Kalbach. Die Vermieterin sei ihnen mit der Miete, die das Sozialamt zahlt, entgegengekommen.

„Sie wollte uns helfen, weil wir aus der Ukraine fliehen mussten“, sagt Dima und betont: „Diese Stereotypen, die wir über Deutsche kannten, also dass sie emotional eher kalt sind und nur an die Arbeit denken, haben sich überhaupt nicht bestätigt. Im Gegenteil: Die Menschen, die wir kennengelernt haben, sind alle sehr herzlich.“ Sein Zwillingsbruder ergänzt: „Unsere erste Gastfamilie, für die wir ja anfangs Fremde waren, hat uns einfach so in ihrem Haus wohnen lassen, uns ihren Hausschlüssel in die Hand gedrückt. Unser zweiter Gastvater hat uns die Tür geöffnet und uns mit Kaffeebechern in der Hand empfangen. Das war fast schon too nett.“

Zwillinge in Frankfurt: In Kiew hatten sie bereits studiert

In Kiew waren die Zwillinge bereits Studenten, im Gegensatz zu ihrer Mutter sprechen sie Englisch. Andi hat bereits einen Platz in einem Deutschkurs bekommen, fünfmal die Woche pendelt er dafür von Kalbach zur TU Darmstadt. „In dieser Woche habe ich gerade meine A2-Prüfung geschrieben, erzählt er. Sein Bruder und ihre Mutter Nadia Turchyna (56) bringen sich derweil Deutsch mit Hilfe von Youtube bei. Erst im November beginnt ihr Integrationskurs.

Wie haben sie eigentlich ihren 18. Geburtstag gefeiert? „Unsere Riedberger Gastfamilie hat extra eine Überraschungsparty für uns organisiert. Da kamen auch Freunde, die wie wir aus der Ukraine geflohen sind“, sagt Dima. Ihre Sachsenhäuser Gastfamilie habe sie zu einem tollen Italiener zum Pastaessen eingeladen. „Das war supernice“, sagt Andi.

Studenten aus Kiew: In Frankfurt wollen die beiden ein IT-Studium beginnen

Sein Bruder und er wollen gerne in Zukunft IT in Deutschland studieren. „Denn den Job kann man von überall in der Welt aus machen“, sagt Dima. Momentan hat nur Andi einen Laptop, den er sich mit Jobs in Kiew finanziert hatte. Dima hofft, bald jobben zu können, um sich einen eigenen Rechner zu kaufen. Beide wirken erwachsener, verantwortungsbewusster als normale 18-Jährige.

Und was machen sie sonst so? Gehen sie in Clubs feiern? „Ich bin eher der Zuhausetyp und begleite meine Mutter oft bei Einkäufen“, sagt Dima. „Er ist Mum’s Boy“, sagt Andi und lacht. Er selbst ist öfter unterwegs. „Aus dem Deutschkurs habe ich schon viele Freunde, mit ihnen war ich schon auf Barbecue-Partys, ansonsten spiele ich auch im Verein Volleyball und Tischtennis.“

Die Zwillingsbrüder Andrii (r.) und Dmytro Turchyn sind im Juni 18 geworden.
Die Zwillingsbrüder Andrii (r.) und Dmytro Turchyn sind im Juni 18 geworden. © Rolf Oeser

Brüderaus der Ukraine in Frankfurt: Momentan sind die beiden noch Single

Haben sie eigentlich schon Freundinnen? „Wer braucht schon Freundinnen?“, sagt Dima, und beide lachen. Momentan seien sie erst mal damit beschäftigt, Deutsch zu lernen. Freundinnen zu finden habe noch etwas Zeit. Und wie sehr denken sie noch an ihr Leben in der Ukraine, das sie aufgeben mussten? Andi sagt: „Ich mag es hier, aber klar vermisse ich auch noch die Ukraine und unsere Wohnung im Plattenbauhochhaus.“

Mit ihrem Vater, der weiterhin in Kiew lebt, telefonierten sie regelmäßig. Die Eltern sind geschieden. Natürlich verfolgten sie die Nachrichten über den Krieg. Aber, wie Andi betont: „Mit Limit.“ Sein Bruder sagt: „Sonst wird das emotional zu viel.“ Ihr größter Vorteil für ihr neues Leben in Deutschland sei, einander zu haben, sagt Andi. Sein Bruder ergänzt: „Es ist einfach, weil wir uns als Familie haben. Andere Freunde, die aus der Ukraine geflohen sind, sind ganz alleine.“

Wie geht es mit den Zwillingsbrüdern weiter? Wir berichten in regelmäßigen Abständen über ihr neues Leben in Deutschland. (Kathrin Rosendorff)

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