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Überfordert mit Zwillingen

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Von: Stefan Behr

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Justitia
Justitia © FR

Eine 30-jährige Mutter steht vor Gericht: wegen Körperverletzung an ihrem Baby. Während sie das eine fürsorglich zum Arzt bringt, bleibt das zweite Zuhause und stirbt fast.

Farah E. ist eine Frau von schlichtem Gemüt. Die Geschichte, die sie wegen Körperverletzung durch Unterlassung auf die Anklagebank des Amtsgerichts geführt hat, hat darin wohl auch ihre Ursache. Die 30-Jährige weint viel, vor allem zu Beginn des Prozesses. Dafür gibt es viele gute Gründe, denn es ist eine traurige Geschichte. Farah E. ist verheiratet mit einem Nichtsnutz von Mann, der von früh bis spät „irgendwo auf der Gass’ rumhängt“, wie ihre Anwältin es formuliert. Ab und an muss er aber auch zu Hause sein, denn die E’s haben vier Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren. Darunter die Zwillinge, die an dieser Stelle Maik und Kevin heißen sollen, auch wenn sie in Wirklichkeit ganz andere Namen tragen. Zum Tatzeitpunkt sind Maik und Kevin drei Monate alt.

Im Februar 2009 werden alle vier Kinder krank. Der Vater fällt wieder mal sinnlos durch die Gegend, die Mutter ist überfordert. Sie geht zum Arzt. Maik nimmt sie mit, Kevin bleibt da. Weil sie, wie sie später der Polizei erzählt, „keinen Zwillingskinderwagen“ habe.

Eine Woche später ist es bei Kevin nicht besser geworden. Sondern viel, viel schlechter. Er hustet, kotzt jedes Fläschchen wieder aus, hat Fieber. Schließlich verliert das Baby die Besinnung, die Mutter schüttelt es wieder ins Leben zurück. Sie schüttelt es, bis es eine Gehirnblutung bekommt.

Das gilt dann auch im Hause E. als Alarmsignal. Nach viel gutem Zureden bringt Kevins Vater das Baby am Nachmittag des nächsten Tages ins Clementinen-Kinderhospital. Die Ärzte attestieren einen mehr als bedrohlichen Keuchhusten, die Gehirnblutung, hohes Fieber und blaue Flecken sowie einen desolaten Allgemeinzustand. Sie rufen die Polizei.

Farah E. ist kein böser Mensch. Im Krankenhaus hinterlässt sie bei Polizei und Ärzten „einen besorgten mütterlichen Eindruck“. Sie kann nicht sagen, warum sie einen Zwilling zum Arzt gebracht hat und den anderen nicht. Sie weiß nicht, warum Maik gegen Keuchhusten geimpft war, Kevin aber nicht – Zufall vielleicht, mutmaßt sie. Sie hat nur eine Erklärung, warum sie keinen Krankenwagen gerufen hat: „Der Kopf war irgendwie voll, ja, und ich meine...“ Dann sucht sie nach Worten für das, was sie damals gemeint hat. Aber sie findet nichts. „Völlig überfordert“ sei ihre Mandantin damals gewesen, sagt die Anwältin.

Ihr Mann war und ist ihr keine Hilfe. „Er ist wie ein fünftes Kind“, sagt sie. Vor Gericht ist er als Zeuge geladen, erscheint aber ohne Angabe von Gründen nicht. Farah E. entstammt einem Milieu, in dem Frauen ihre Männer nicht rausschmeißen. In dem ein Schulabschluss als so fremd und bizarr angesehen wird wie eine Arbeitsstelle. „Bildungsfern“ ist da noch ein sehr höflicher Ausdruck. Das ist schlimm. Aber nicht strafbar.

Das Verfahren wird schließlich wegen geringer Schwere der Schuld eingestellt. Es sei nicht erwiesen, sagt die Richterin, dass es Kevin genutzt hätte, wenn er früher ins Krankenhaus gekommen sei. Auch das Schütteln sei ja eher als Hilfe gedacht gewesen. Kevin hat zudem keine bleibenden Schäden zurückgetragen. Der Staatsanwalt sträubt sich noch ein wenig gegen die Einstellung, gibt aber nach, als er seine Chancenlosigkeit an diesem Tag vor diesem Gericht endlich einsieht. Juristisch mag diese Sicht der Dinge durchaus nachvollziehbar sein.

Es gibt also kein Urteil. Aber was hätte ein Urteil auch bringen können? Eine Geldstrafe hätte die Familie, die von Hartz IV lebt, nicht bezahlen können. Freiheitsstrafen hätten nichts geändert.

Getan hat sich trotzdem etwas. Seit dem Vorfall kümmert sich die Familienhilfe um Mutter und Kinder. 20 Stunden die Woche. Die Familienhilfe hat dafür gesorgt, dass die Kinder zumindest tagsüber in Krippen und Kindergärten untergebracht sind. Und vielleicht eines Tages ein anderes Leben werden führen können. Das ist mehr als ein Urteil. Es ist eine Chance.

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