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Auch krass: Grillen am Niddaufer (hier jedoch im Lohbergpark).

Frankfurt wächst

Überall Menschen, überall Hunde

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Und dann diese Radfahrer! Machen Sie bloß keinen Sonntagsspaziergang am Frankfurter Niddaufer, sonst blühen Ihnen diese sieben modernen Plagen.

Sonntag. Sonntagsspaziergang an der Nidda. Für Frankfurter, Wetterauer, Vogelsberger ein völlig naheliegender Plan. Den Frankfurtern sei hiermit dringend davon abgeraten. Jedenfalls im Sommer (das ist die Jahreszeit, in der man am besten drinnen bleibt, wenn man nicht gerade als Bratwurst vom Dienst unterm heißen Blechdach wohnt).

Im Winter dagegen, oder bei Schneetreiben, Hagelsturm, Weltuntergang: jederzeit. Oder nachts. Dann sind die Niddaufer nämlich leer. An Sonntagnachmittagen und bei Sonnenschein jedoch: nicht.

Der Nidda-Spaziergang an Sonn-, Feier- und Brückentagen mag zu Goethes Zeiten entspannend und erholsam gewesen sein. Man führte seine besten Klamotten vor, traf hin und wieder eine Dame von Rang oder einen Kommerzienrat, betrachtete die Enten und genoss das Leben. Vöglein sangen, Schalmeien erklangen.

Schnitt. Heute betritt das spazierwillige Paar den Uferweg und sieht sich direkt zum Entschluss gedrängt: neben- oder hintereinander? Überall Menschen, überall Hunde. Die erste Kolonne Rennradfahrer brettert vorbei, Staub wirbelt auf. Sollte die Entscheidung lauten: nebeneinander, so gilt es auch gleich auszuknobeln, wer innen geht und wer außen. Die Innenbahn ist grundsätzlich konfliktbeladen im Begegnungs- und Überholverkehr; die Außenbahn birgt das größere Risiko einer Knöchelverletzung durch Umknicken.

Problem eins:Radfahrer. Es ist möglich, in aller Ruhe und Gemütlichkeit, zumal wenn niemand zur Arbeit muss, an einem urbanen Flussufer entlangzuradeln. Das tut aber kein Mensch mehr. Alle müssen auf ihren Rennrädern mit fuffzich Sachen von hier nach dort, beziehungsweise – neu! neu! neu! – mit ihren elektrisch angetriebenen Feuerrädern mit sippzich Sachen von dort nach hier. Wenn sie einander begegnen, Renn- und Elektroradbevorzuger, dann ist alles zu spät. Ein grimmiges materialübergreifen des Radrennen an der Nidda hat noch jeden friedlichen Paarspaziergang (Nebeneinander-Version) gesprengt.

Auch ihr Mittagessen möchten die Menschen draußen genießen, wie hier auf dem Campus Westend

Besonders beliebt, wenn sich das Spazierpaar bereits angstvoll in die Rabatten drängt: Klingeln beim Überholen. Schon möglich, dass die bezaubernde Begleiterin dann zurückschnauzt: „Was!? Soll ich in die Nidda springen!?“ Wohltuend dagegen, wenn sich das radelnde Etwas mit einem sanften Räuspern ankündigt und beim Überholen freundlich fürs Platzmachen dankt. Nur ist davon meist nichts zu hören, denn:

Problem zwei:Jugendliche mit Musik. Früher hatten sie wenigstens sogenannte Gettoblaster dabei. Da kam ordentlich Sound raus. Heute hören sie mit ihren Handys Musik, das klingt wie der Geist aus der Flasche, wenn man den Stopfen nicht rauszieht: „Yo, Mann, lass mich hier raus, ey, Alter, ich bin keine Maus, ey“, und dazu laufen sie zu fünft nebeneinander, was jedoch längst nicht so viel Platz wegnimmt wie:

Problem drei:Junge Mütter mit Kinderwagen. Drei nebeneinander. Ungezählt die freundlichen Passanten, die beim Ausweichen ungebremst die Böschung hinab in die kühlenden Fluten der Nidda glitten. Scheinbar harmlos wiederum:

Problem vier:Linksgänger. Menschen, die am Niddaufer die linke Seite des Weges bevorzugen und sich auch nicht dadurch beeindrucken lassen, dass ihnen bereits 799 Personen in den Gegenverkehr ausweichen mussten. Da bietet sich natürlich die Frage an: „Are you british?“, es sei denn, der links gehende Mensch ist nicht allein, sondern gehört zur Kategorie:

Problem fünf:Menschen mit Hunden. Jeder weiß, dass gassigeführte Hunde stets Vorfahrt haben. Möchte das Hundi gern auf der linken Seite des Weges gehen? Na, dann müssen 799, und wenn noch mehr kommen, dann halt fuffzichtausend Personen dem Hundi und dem Herrchen/Frauchen ausweichen. Wer wird denn so ein Stiesel sein und sich darüber aufregen wollen? Doch wohl nur Leute, die keine Tiere mögen, womit wir angekommen sind bei:

Problem sechs:Nutriafamilien. Sollte sich am Niddastrand das total seltene Phänomen einer Nutria-Geburt ereignet haben, was in Frankfurt und Bad Vilbel nur etwa zehn Millionen Mal die Woche vorkommt, zahlenmäßig getoppt einzig von putzigem Nil- oder Kanadagänsenachwuchs, dann müssen natürlich alle mitten auf dem Weg stehenbleiben und Entzückenslaute ausstoßen: „Oohwiesüüüß!“ Solch spontane Menschenansammlungen können übrigens auch gefährliche Stürze provozieren, wenn man selbst einmal wider jede Vernunft nicht als Spazierer, sondern als Radler unterwegs ist, womit wir fast am Ende wären, es folgt nur noch:

Problem sieben:Schlaglöcher. Das Grünflächenamt hatte die Superidee, große Teile der Niddaufer mit sogenannten wassergebundenen Oberflächen auszustatten. Die lassen Regenwasser versickern, und zugleich glättet das Regenwasser wieder die Oberflächen der Wege. Wenn es Regen gibt. Sollte es aus unerfindlichen Gründen keinen Regen geben (aber hey, warum sollte es keinen Regen geben?), dann entstehen Furchen, Schlaglöcher und riesige Krater in den Wegen, die den Rahahadler tohohotahahal duhurchschühühühütteheheln, wenn er nicht direkt auf die Banatzel kracht. Und das am überfüllten Niddaufer. Also: Lassen Sie’s. Oder gehen Sie bei Hochwasser. Es kann nicht mehr lang dauern.

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