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Smaragda Lasoglou arbeitet im Café (N)immersatt der BAFF-Frauen-Kooperation in Eberstadt.

Biwaq

Über den Nähkurs zur Anstellung

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Das Darmstädter Projekt "Biwaq" hilft beim Weg in die Arbeitswelt ? eine Zwischenbilanz.

Ihre erste Beratung hat Sara Hamm auf der Straße abgehalten. Die pädagogische Mitarbeiterin des Vereins Werkhof Darmstadt bot einen Fahrradlernkurs für Frauen in Eberstadt-Süd an. In der als sozialer Brennpunkt bekannten Gegend von Darmstadt gibt es besonders viele Langzeitarbeitslose – genau wie in den Quartieren Kranichstein und Pallaswiesenstraße/Mornewegstraße. Und an die richtet sich das Projekt „Biwaq“ (Bildung Wirtschaft Arbeit im Quartier), das die Stadt in Kooperation mit dem Werkhof, der Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft „BAFF-Frauen-Kooperation“ und dem Netzwerk „ROPE“ anbietet. 

Über niedrigschwellige Veranstaltungen und freizeitorientierte Angebote wie Nähkurse, Repair-Cafés oder Gymnastikkurse sollen Langzeitarbeitslose ab 27 Jahren in Kontakt mit den insgesamt neun Biwaq-Beratern gebracht werden, die ihnen dann bei der Berufsplanung zur Seite stehen. „Es geht nicht nur darum, die Bewerbungsunterlagen hübscher zu machen“, sagt Sven Rasch, Geschäftsführer vom Netzwerk Rope. „Hier können auch sozialpädagogische und psychologische Betreuung in Anspruch genommen werden.“
Gute Vermittlungsquote

Biwaq helfe, Perspektivpläne zu erstellen, Bewerbungsgespräche zu üben, einen Praktikumsplatz zu finden oder die Sprachkompetenz zu verbessern, wie die bisherige Projektkoordinatorin Karin Wyschka erläutert. Vor allem für Männer sei das Thema Arbeitslosigkeit schambehaftet. Vielleicht sind deshalb 60 Prozent der Teilnehmenden Frauen. 

In den zwei Jahren, die das Beratungsangebot läuft, konnten 285 Menschen aus den Quartieren erreicht werden. 77 Teilnehmende seien in Arbeit oder Ausbildung vermittelt worden, wie Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) zur Halbzeitbilanz am Dienstag sagte. Bis Ende 2018 sollen 386 Personen betreut werden. Die Gesamtkosten des Projekts, das an das Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“ angedockt ist, belaufen sich auf 1,9 Millionen Euro. Zehn Prozent davon trägt die Stadt, den Rest finanzieren das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und der Europäische Sozialfonds.

Die Vermittlungsquote ist laut Wyschka ein „guter Wert für diese Zielgruppe“. Und Hamm ergänzt: „Die meisten der Klienten sind seit über einem Jahr beim Jobcenter und konnten nicht vermittelt werden.“ Biwaq versteht sich aber nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den Maßnahmen der Arbeitsagentur. Im Gegensatz zu diesen meist über drei Monate währenden Pflichtveranstaltungen ist die Biwaq-Unterstützung freiwillig und geht über vier Jahre. So können die Hilfsmaßnahmen individuell zugeschnitten werden und orientieren sich an den jeweiligen Problemen der Teilnehmer. Kommen die Berater bei bestimmten Problemen nicht weiter, können sie sich an das Amt für Soziales wenden und werden dort an die richtige Stelle vermittelt. „Alleinerziehende Mütter haben einen anderen Beratungsbedarf als alleinstehende Männer“, sagt Akdeniz. Frauen bräuchten vor allem Flexibilität in der Beratung, was Biwaq ermögliche. 

Andere typische Hürden für die Jobsuche sind sprachliche Defizite – viele der Langzeitarbeitslosen haben einen Migrationshintergrund oder sind Flüchtlinge. „Viele trauen sich gar nicht, sich überhaupt zu bewerben oder wissen nicht, wo sie arbeiten könnten“, sagt Baff-Geschäftsführerin Monika Otte. Oft haben sie keinen Schulabschluss oder keine Ausbildung und können auch auf keine Erfahrungen im Berufsleben zurückgreifen. 

„Langzeitarbeitslosigkeit ist nicht nur ein existenzbedrohender Faktor“, sondern greife auch das Selbstbewusstsein an, sagt Akdeniz. Deshalb bieten die untereinander vernetzten Kooperationspartner Möglichkeiten zum Erwerb von Praxiserfahrung, wie etwa in dem vom Baff betriebenen Café Nimmersatt in Eberstadt. Hier hat auch Hivin Jitou ein Praktikum gemacht und Erfahrung im Einzelhandel sammeln können. Seit 14 Jahren ist sie in Deutschland. Erst über Biwaq sei sie aber dahin gekommen, eine Ausbildung zu machen. „Die Berater waren immer für mich da“, sagt sie in einem Videofilm, der während der Pressekonferenz gezeigt wird. Denn mit der Presse reden wollte nur ein Teilnehmer und der hatte ausgerechnet seinen ersten Arbeitstag. Eine gute Entschuldigung.

Biwaq vermittelt außerdem Jobsuchende in Unternehmen und betreut sie während der Übergangszeit im neuen Berufsleben. „Dass eine längere Betreuung nachhaltiger wirkt, ist ein bekannter Ansatz“, sagt Akdeniz. Sie hofft deswegen, dass die Maßnahme auch nach 2018 fortgesetzt werden kann.

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