Römerbriefe

In der Twitter-Blase

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen
  • Georg Leppert
    Georg Leppert
    schließen

Jutta Ditfurth ist einem Hatestorm ausgesetzt. Das ist in mehrerer Hinsicht ungerecht.Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert:Also, dass die Polizei an Silvester ausgerechnet in Leipzig-Connewitz…

Göpfert:Georg!

Leppert:Und diese angebliche Notoperation…

Göpfert:Georg, hör jetzt auf, wir sind hier nicht auf Twitter.

Nun müssen wir aber mal ganz schnell etwas klarstellen, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Die Polizei macht einen tollen Job. Immer und überall. Und es darf keine rechtsfreien Räume geben. Nirgendwo. Im Übrigen verschickt die Polizei natürlich keine falschen Presseinformationen. Absurd. Allein der Gedanke. Gut, vielleicht drücken sich die Beamten in ganz seltenen Fällen mal unglücklich aus. Ja, nun, wer hätte dafür mehr Verständnis als die Schreiber der Römerbriefe? Das passiert uns ja quasi täglich.

Sie fragen sich, warum wir so devot gegenüber dem Staat und seinen Institutionen auftreten? Wir haben Angst, dass es uns so ergeht wie Jutta Ditfurth, Stadtverordnete von Ökolinx. Denn wir haben einfach nicht so gute Nerven wie sie. Einen derart veritablen rechten Hatestorm oder wie das halt heißt würden wir bestimmt nicht aushalten.

Es war nämlich so: Jutta Ditfurth hat den Polizeieinsatz in Connewitz, bei dem es bekanntlich zwischen den Beamten und den Linken heftig gekracht hat, von Anfang an extrem kritisch hinterfragt. Unter anderem schrieb sie: „Neujahrsnacht: Polizei randaliert in Connewitz“. Später warf sie den Beamten Lügen vor. Unerträglich fand das etwa die CSU in München und schimpfte los, womit Ditfurth als Politikerin leben muss. Womit sie nicht leben muss, sind Kommentare wie der eines Twitter-Users: „Die Frau ist völlig untervögelt – gebt Sie mal im Migrantenheim vogelfrei.“

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Nun muss man sagen: Je mehr über diesen Einsatz bekannt wurde (etwa über die „Notoperation“ des verletzten Polizisten, die sich als Eingriff an der Ohrmuschel unter lokaler Betäubung herausstellte), desto weniger wurde Ditfurth angefeindet. Vor allem aber ist es einigermaßen fies, nur gegen die Ökolinx-Politikerin zu hetzen und die Tweets anderer Stadtverordnete rund um den Jahreswechsel gar nicht zu beachten. Wir wollen ja nicht petzen, aber...

Martin Kliehm, immerhin Fraktionschef der Linken, griff etwa die Meldung auf, dass vor der Discothek „Velvet“ mehrere Türsteher durch Messerstiche verletzt wurden. Kliehm schrieb dazu: „Was ist nur aus der Welt geworden? Zu meiner Zeit wurden Türsteher noch regelmäßig angeschossen!“ Äh, ja, ist das eigentlich lustig?

Nico Wehnemann (Die Partei) reagierte auf den ersten Tweet der Frankfurter Polizei im Jahr 2020. Die Beamten beklagten, sie würden in Rödelheim mit Raketen und Böllern beschossen. Wehnemann veröffentlichte dazu ein Foto von sich in Jubelpose mit brennendem Bengalo in der Hand. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Schreiben kann Nico Wehnemann allerdings auch. Die Nachricht, dass im Frankfurter Zoo ein Affenbaby gestorben ist, kommentierte er mit den Worten: „Geschah es aus Solidarität zu Krefeld?“

Und nun stellen wir uns alle mal gemeinsam vor, Jutta Ditfurth hätte das alles geschrieben… Frohes neues Jahr.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

Kommentare