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Winter 2020: Menschen bestaunen den neu erbauten, aber noch gesperrten Goetheturm im Stadtwald.
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Winter 2020: Menschen bestaunen den neu erbauten, aber noch gesperrten Goetheturm im Stadtwald.

Goetheturm-Stifter

Turmvater Gerst

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Ein wohltätiger Frankfurter Geschäftsmann stiftete einst den Goetheturm – dann jagten ihn die Nazis davon. Die Stadt ruft zur Spurensuche auf.

April. Das ist noch lang hin. Im April, so der Plan, sollen wieder Menschen auf den neuen Goetheturm steigen dürfen. Der Plan stammt aus dem vorigen Herbst, und wir wissen ja, wie das ist mit den Plänen in Zeiten von Corona. Ob sie halten, weiß man, wenn’s so weit ist.

Aber wenn jetzt noch Zeit bleibt bis April, dann bleibt auch Zeit zum Suchen: nach Gustav Gerst, der vor 150 Jahren geboren wurde. Sie wissen nicht, wer Gustav Gerst war? Das müssen wir dringend ändern.

Frankfurt vor gut 90 Jahren. Das Leben ist nicht leicht. Der Forstamtsleiter Hans Bernhard Jacobi möchte im Wald etwas Schönes schaffen für die Bevölkerung: ein Naherholungsbiet. Mit einem Turm, höher, prächtiger als der Vorgänger, der verfallene, an der Goetheruh. Jacobi, Mann der Tat, besorgt sich beim Magistrat die Erlaubnis, kostenlos Holz aus dem Stadtforst zu verwenden. Fehlt nur noch jemand, der die Arbeiten finanziert.

Gustav Gerst (1871-1948) Kaufhaus-Betreiber und Mäzen.

Das übernimmt Gustav Gerst. 1931 spendet er 28 000 Reichsmark für den Bau des Goetheturms – unter zwei Bedingungen, wie der Filmemacher Thomas Claus herausgefunden hat: Gerst will, dass sein Name ungenannt bleibt, selbst nach seinem Tod, und dass der Turm 200 Jahre halten soll. „Beides wurde nicht erreicht“, resümiert Claus treffend.

Der 57-Jährige Frankfurter hatte den Auftrag, eine Filmdokumentation über den Goetheturm zu drehen. Geliebt, abgebrannt, betrauert, wiederaufgebaut mit der vollen Wucht der Frankfurter Zuneigung. Bei den Recherchen stieß Thomas Claus im Institut für Stadtgeschichte auf Fotos der Holztafel, die den Spender Gerst würdigte – gegen dessen erklärten Willen, wie wir jetzt wissen. „Der Mann muss im Film natürlich vorkommen“, sagte sich der Filmemacher. „Aber dann stellte ich fest: Es gibt nicht viel.“

Also macht er sich auf die Suche. Gräbt tiefer in den Archiven. Stößt auf bisher Unbekanntes. „Dinge, die andere abgeschrieben haben, sollte man ruhig überprüfen – es lohnt sich.“ Gerst war Inhaber von H&C Tietz, dem Unternehmen, das Tietz-Warenhäuser betrieb, nicht nur in Frankfurt, auch in Bamberg und Chemnitz, so viel ist bekannt. Tietz, damals weltgrößter Warenhauskonzern, sagt Claus. Ein Vorfahre habe schon im amerikanischen Bürgerkrieg für die Nordstaaten gekämpft und später Geschäftskonzepte über den großen Teich mitgebracht. Die Familie habe eine Ära der „Kathedralen des Konsums“ eingeläutet.

Das Frankfurter Kaufhaus Tietz befand sich ungefähr dort, wo später Hertie stand, noch später von Karstadt gefolgt: Zeil 112-116. Das Konzept war neu und aufregend, ein Kundschaftsmagnet. Viele Menschen sagten noch, sie gingen „zum Tietz“, als es nichts mehr mit diesem Namen gab. Das Ende kam in Frankfurt leider schnell. 1929 eröffnete Tietz auf der Zeil – 1934 entzogen die Nationalsozialisten den jüdischen Geschäftsleuten die Betriebserlaubnis. Das besonders Perfide: Die Geschäftsgrundlage war damit zerstört – die gekauften Waren konnten nicht verkauft, die Gehälter der Angestellten mussten weiterbezahlt werden. Die Warenhauskette ging zugrunde.

SPURENSUCHE BRAUCHT HILFE

Jetzt sind die Frankfurterinnen und Frankfurter gefragt, aber auch Leute aus der Region: Wer weiß etwas über Gustav Gerst, den edlen Spender, der das Geld für den ersten Goetheturmbau 1931 gab, ehe er von den Nationalsozialisten aus Deutschland fortgejagt wurde?

Gesucht sind Dokumente, Fotos, Fundstücke und Erinnerungen rund um den jüdischen Geschäftsmann und das traditionsreiche Kaufhaus Tietz auf der Zeil in den 20er und 30er Jahren.

150 Jahre alt wäre Gustav Gerst in diesem Jahr geworden. Das Umweltdezernat bittet die Bevölkerung um Hilfe bei der Spurensuche. Alles, was noch an die damalige Kaufhauswelt und besonders an Gerst erinnert, ist willkommen – auch Schaufensteraccessoires von einst beispielsweise.

Die Spurensuche soll in eine Filmdokumentation und eine Ausstellung im Institut für Stadtgeschichte münden. Unterstützung kommt von der Crespo-Stiftung, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dem Kulturfonds Rhein-Main und der Firma Remondis.

Wer etwas beitragen kann, Erinnerungen, Materialien, Tagebuchaufzeichnungen, sonstige Fundstücke: bitte möglichst digitalisiert per E-Mail an Gustav.Gerst.DezernatX@stadt- frankfurt.de. Oder per Telefon unter 212-3 89 30 (nur dienstags oder donnerstags zwischen 12 und 15 Uhr).

Gustav Gerst war ein angesehener Mann. Er hatte nicht nur den Goetheturm gestiftet, sondern auch die noch junge Frankfurter Universität großzügig unterstützt, ebenso die Senckenberg-Gesellschaft und den Mitteldeutschen Kunst- und Gewerbeverein, worauf er jeweils Ehrentitel auf Lebenszeit erhielt. All das spielte für Hitlers Unrechtsstaat keine Rolle. Er drangsalierte Juden, wo er konnte.

Die Familie stellt Ausreiseanträge. „Sie wollten raus aus dem Nazistaat“, sagt Thomas Claus. Doch es gelingt erst 1938, als das Vermögen aufgebraucht ist, die Kunstsammlung aufgelöst. Für Gemälde von Weltrang, Rubens, Liebermann, Spitzweg, erhalten die Gersts gar kein Geld oder nur lächerlich geringe Beträge. Eine „Reichsfluchtsteuer“, die die Familie bezahlen soll, um das Land verlassen zu dürfen, wird auf Basis des ursprünglichen, viel höheren Vermögens berechnet. Dagegen klagt Gustav Gerst – „was reichsweit für Aufsehen sorgt“, schildert Thomas Claus.

Woher weiß er so viel? „Ich habe unter anderem zwei Enkel des Försters Jacobi gefunden“, sagt der Filmemacher. Einer der Enkel hatte noch Rundschreiben aufbewahrt, die einst in der Familie kursierten. Ein wahrer Schatz. Daraus ging unter anderem hervor, dass Jacobi sage und schreibe 600 arbeitslose Menschen einstellte, um den Stadtwald aufzumöbeln, mit einem neuen Weiher beispielsweise – heute Jacobiweiher genannt – und mit einem Turm, dem die Herzen zuflogen.

1938 schaffen es die Gersts endlich, Nazideutschland zu verlassen. Sie kommen in Schweden unter, in Göteborg, und überleben irgendwie den Krieg. Der Plan, nach Amerika zu fliehen, scheitert an der Mittellosigkeit dieser einst reichen Leute. Erst nach Kriegsende gelingt die Überfahrt nach New York, wo Gustav Gerst 1948 arm und ausgezehrt stirbt.

1949 eröffnet Oberbürgermeister Walter Kolb den Goetheturm wieder, den wundersamerweise keine der vielen Fliegerbomben getroffen hat, die auf den Stadtwald fielen. Unversehrt ist er aber nicht: Frierende Menschen haben die Treppenstufen geklaut und verfeuert. Bei der Reparatur wird eine Holztafel angebracht. Darauf: der Name Gustav Gerst.

Etwa zu derselben Zeit schmettert die Justiz die Wiedergutmachungsansprüche der Familie ab. Die Gersts erhalten nicht zurück, was ihnen genommen wurde, wie Claus recherchiert: „Im Gegenteil, es sind Klagen Tausender Gläubiger anhängig.“ Da geht es um die Waren, die nutzlos im geschlossenen Kaufhaus lagen, weil kein Kunde hineinkam – Waren, die niemand den Herstellern bezahlen konnte, weil Hitlers Vollstrecker die Kaufhausinhaber in die Pleite getrieben hatten. Gustav Gersts Witwe Ella musste das alles noch bis 1956 ertragen, ehe die Verfahren geschlossen wurden. Die wertvollen Gemälde, sagt Thomas Claus, seien nie wieder aufgetaucht.

Erstaunlich, was er alles herausgefunden hat. Und doch: „Die vertiefte Forschung und Dokumentation der Biografie des großen, aber weithin unbekannten Frankfurters Gustav Gerst verdient viel größeren Nachdruck – auch im Hinblick auf seinen 150. Geburtstag im Jahr 2021“, schreibt Claus über seine Recherchen.

So soll es geschehen: Geplant ist ein Kolloquium „Gustav Gerst, Kaufhäuser in Frankfurt, jüdisches Leben“ in Kooperation mit dem Institut für Stadtgeschichte. Später sollen eine Ausstellung und eine Publikation folgen. Die Stadtbevölkerung ist aufgerufen, sich an alldem zu beteiligen.

Goetheturm-Tafel mit Gerst ...
... hier lesbar.
Juni 1949: Oberbürgermeister Walter Kolb (der Große) eröffnet nach dem Krieg den Goetheturm wieder.

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