Hier fing alles an: die Schillerstraße 1945.
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Hier fing alles an: die Schillerstraße 1945.

Die Geschichte der FR – Teil I

Turbulenter Beginn

  • vonWolf Gunter Brügmann
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Die ersten zwei Jahre der Frankfurter Rundschau stehen im Zeichen von politischem Richtungsstreit und Rauswürfen von Herausgebern.

Die Anfangsgeschichte der FR hat was von einem Polit-Thriller im Spannungsfeld von Antifaschismus und Antikommunismus. Den Plot bilden Richtungskämpfe innerhalb der US-Armee, zwischen der US-Armee und der FR und in der FR selbst. Die Story dreht sich um die Erwählung und Wiederauflösung des ersten Herausgebergremiums von sieben Männern bis hin zur Berufung des späteren Alleinbesitzers Karl Gerold.

März 1945: Das Haus der „Frankfurter Zeitung“ mit der Societäts-Druckerei am Eschenheimer Turm (gegenüber dem Grundstück, an dem ab 1953 das markante Rundschauhaus stand) war nur noch ein Ruinenkomplex. Doch die Kellergewölbe hatten den Bomben standgehalten. Direkt gegenüber blieb in der Schillerstraße das Haus des „Generalanzeigers“ unversehrt. Heinz Handstein, der zu Jugendlichen gehörte, die sich in den Trümmern herumtrieben, Schriftsetzer lernte und 35 Jahre lang im Betriebsrat der FR wirkte: „Da fuhr eines Tages ein amerikanischer Colonel im Jeep vor. Er teilte uns in gebrochenem Deutsch mit: Wir wollen hier drucken.“ Damit fing alles an.

Nur drei Wochen später wurde hier die erste Zeitung gedruckt: die „Frankfurter Presse“, das „Alliierte Nachrichtenblatt der 12. amerikanischen Heeresgruppe für die Zivilbevölkerung“. In der ersten Nummer, die am 1. April 1945 erschien, lautete die dreispaltige Schlagzeile „Goethes Stadt beginnt neu“.

Am Abend des 31. Juli 1945, vor Andruck der ersten FR-Ausgabe, übergab Robert McClure, Chef des Alliierten Amtes für psychologische Kriegsführung, sieben Männern in der Druckerei formell die Lizenz für die „Frankfurter Rundschau“. Den Sozialdemokraten Paul Rodemann, Hans Etzkorn, Wilhelm Knothe, den Kommunisten Otto Grossmann, Emil Carlebach, Arno Rudert und dem Linkskatholiken Wilhelm-Karl Gerst. Für ihre Eignung waren sie in drei Schritten überprüft worden. Erst mussten sie schriftlich einen langen Katalog zu Lebenslauf, Verhalten in der Nazi-Zeit und Gesinnung beantworten. Dann wurden sie von den US-Presseoffizieren Cedric H. Belfrage und Ernest Adler, einem gebürtigen Frankfurter, der in die USA emigriert war, befragt, und schließlich klopfte SPD-Mann Knothe, den Belfrage als Ersten auserwählt hatte, die anderen sechs im Auftrag von Belfrage im Vieraugengespräch noch mal ab.

Zwei sprangen schnell wieder ab und tauschten ihre Lizenzen. Rodemann gründete das „Darmstädter Echo“, Grossmann die Zeitung „Der Neue Sport“.

Eigentlich hatte die FR schon früher starten sollen, aber Widerstände in der US-Armee hatten das Erscheinen um mehr als sechs Wochen verzögert. Zum einen hatte McClure, dem die Auswahl von Belfrage und Adler missfiel, zunächst verlangt, die Lizenzierung solle langsamer vor sich gehen, „da die Möglichkeit besteht, bei den aus Amerika heimkehrenden Kriegsgefangenen qualifiziertes Personal zu finden“. Zum anderen wurde ausgedehnt überprüft, wie sich der damals 31-jährige Emil Carlebach in der Häftlingsselbstverwaltung im KZ Buchenwald verhalten hatte, was von Mitgefangenen, die in der US-Armee befragt wurden, unterschiedlich bewertet wurde. Belfrage, der mit dem Kommunismus liebäugelte, sich vehement für Carlebach eingesetzt hatte und die Zeitung kontrollierte, äußerte sich schon am 26. August beunruhigt darüber, dass sich die kommunistischen Lizenzträger, zu denen er zu Recht auch Gerst zählte, in der Arbeit entschiedener und verlässlicher als die Sozialdemokraten zeigten.

Statt Miteinander herrschte schnell Nebeneinander und Gegeneinander. Zunächst warben Leitartikel für die Volksfront, wetterten gegen die Westbindung Deutschlands und die Marktwirtschaft. Die Redaktion zerfiel schnell, nachdem die SPD im Oktober 1945 jegliche Zusammenarbeit mit Kommunisten strikt abgelehnt hatte.

Zum Autor

Wolf Gunter Brügmann war von März 1968 bis Februar 2010 für die FR tätig. Von 1984 bis 1994 leitete er die Nachrichtenredaktion. 1995 war er maßgeblich für die inhaltliche Gestaltung der 75-seitigen Sonderbeilage zu 50 Jahren FR zuständig.

Von 1967 an hatte er zunächst sein Studium als freier Mitarbeiter des „Höchster Kreisblatts“ finanziert, für die er auch die Anfänge der Lehrlingsbewegung bei der Hoechst AG begleitete. Von März 1968 an berichtete er neben seinem Studium bei Adorno, Habermas, von Friedeburg, Fetscher und Carlo Schmid für die FR über die Studentenbewegung.

Zum Januar 1969 bot ihm die FR ein Volontariat an, für das er sein Studium abbrach. Danach schrieb er neben seiner Tätigkeit als Pressesprecher der neuen Bremer Universität (Dezember 1970 bis März 1972) und dann als dortiger Student der Soziologie, Sozialpsychologie und Arbeiterbildung weiter für die FR. Im Juli 1976 kehrte er als Redakteur in die FR zurück.

Die zwei Sozialdemokraten schieden zum 1. März 1946 aus. Etzkorn wurde wegen Überheblichkeit und Inkompetenz entlassen. Belfrage beklagte, er produziere „viel nutzloses Zeug“. Gelegentlich habe er ihn anweisen müssen „alles wegzuschmeißen“. Knothe, der sich in der FR nicht sehr engagierte, ging, als er SPD-Vorsitzender in Hessen wurde.

Der Aufforderung, Nachfolger zu benennen, kamen Knothe und Etzkorn nicht nach, weil sie hofften, wegen der nun nur von Kommunisten geprägten FR die Erlaubnis für eine eigene Parteizeitung zu bekommen. Das war eine Fehleinschätzung,

Carlebach, Gerst und Rudert aber sahen sich einer Kampagne ausgesetzt. Nur eine von vielen im Tenor ähnlichen Stimmen: „Bevor nicht berichtigende Schritte unternommen würden, wird die Frankfurter Rundschau die Frankfurter ‚Prawda‘ genannt werden.“ So die „New York Herald Tribune“. Der in München wirkende US-Presseoffizier Josef Dunner, der die Lizenzträger für die „Süddeutsche Zeitung“ ausgewählt hatte, fand es unverständlich, wieso General McClure der Bevölkerung eine Zeitung aufoktroyiere, „die mit 500 000 Exemplaren die Deutschen in der amerikanischen Besatzungszone auffordere, der Pieck-Ulbrichtschen sozialistischen Einheitspartei beizutreten“. Auch der Frankfurter Bürgerrat, Vorläufer der Stadtverordnetenversammlung, beklagte die kommunistische Ausrichtung der FR.

Belfrage und Adler wurden im Frühjahr 1946 von ihrer Aufgabe entbunden und mussten in die USA zurück, wo Belfrage in die Mühle des Kommunistenjägers Senator McCarthy geriet, der ihn beschuldigte, sowjetischer Agent zu sein.

Im Oktober 1946 schmiss die US-Armee Gerst wieder raus. Ihm wurde nun doch eine eher ambivalente Haltung in der Nazizeit angelastet. Entscheidender war aber wohl, dass er sich in der FR wegen seines despotischen Umgangs Feinde bis hin zum Betriebsrat gemacht und die FR kaufmännisch schlecht geführt hatte. Gerst siedelte in die DDR um und kehrte als Korrespondent für das SED-Organ „Berliner Zeitung“ nach Bonn zurück.

Ein neuer starker Mann kam von außerhalb. Die Amerikaner holten Karl Gerold, einen Deutschen, der in die Schweiz geflohen war und von dort aus weiter gegen das Nazi-Regime wirkte. „Der Spiegel“ berichtete, Frankfurter Journalisten seien der Ansicht, dass der Lizenziatenverschleiß der FR jetzt aufhören werde. „Sie sagen, Gerold und Rudert seien nicht nur tüchtig, sondern auch klug, was die Amerikaner mögen. Gerold hat überdurchschnittliche Fähigkeiten.“

Im August 1947 kam auch für Carlebach das Aus. Der Direktor der Militärregierung in Hessen, Dr. James Newman, erklärte, Carlebach bringe nicht nur den Zielen der Militärregierung kein Vertrauen entgegen, sondern sei „offensichtlich unfähig, die Grundprinzipien der Demokratie zu verstehen“. Carlebach wurde Stadtverordneter und in den Landtag gewählt. Nach dem KPD-Verbot im August 1956 floh er vor drohender Verhaftung in die DDR. Dort war er in der Leitung des nach Westen gerichteten „Freiheitssender 904“ tätig. 1969 kehrte er als Chefredakteur der Wochenzeitung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes „die tat“ nach Frankfurt zurück.

„Ruhig, präsentabel, intelligent, arbeitsam.“ So sah die US-Armee Rudert, der vor 1933 Chefredakteur des KPD-Organs „Frankfurter Arbeiterzeitung“ war. Im November 1947 schloss die KPD ihn aus, weil er persönliche Feigheit gezeigt habe, als die Anzeichen einer antikommunistischen Kampagne einsetzten. Rudert konterte: „Meine Feigheit besteht darin, dass ich die Zeitung nicht als Kommunist, sondern als Journalist geführt habe.“

Am 22. Juli 1949 übergab die US-Armee die FR in den privaten Besitz von Gerold und Rudert. Rudert starb 1954, seine Witwe blieb mit einem Drittel stille Teilhaberin. Nun hatte Gerold allein auf allen Ebenen das letzte Wort. Jener Mann, von dem FR-Chefredakteur Roderich Reifenrath schrieb, Gerold, der als Letzter dazugekommen sei, habe dann „messbareren Einfluss“ ausgeübt auf die Entwicklung der Zeitung „als alle sieben anderen zusammen“. Bis zu seinem Tod 1973 war Gerold der alleinige Herausgeber, Verleger und Chefredakteur. Gefürchtet und geliebt. Die heilige Dreifaltigkeit wurde er in der Redaktion genannt.

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