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Gerichtsgebäude in Frankfurt. (Symbolbild)

Kriminalität

Frankfurt: Das turbulente Leben des kriminellen Christen Gino W.

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Ein Multikrimineller kommt mit einer „moderaten Strafe“ davon. Das Begräbnis seines Vaters soll ihn nach eigenen Angaben geläutert haben.

„Sie sind Christ?“, fragt die Amtsrichterin bass erstaunt, als Gino W. ankündigt, er werde eine christliche Drogentherapie besuchen, sobald er aus dem Knast rauskomme. Denn Vita und Führungszeugnis des 30 Jahre alten Angeklagten vermitteln eher den Eindruck, als gehöre er einer Glaubensgemeinschaft an, die glaubt, das Wörtchen „nicht“ in den Zehn Geboten sei ein Übersetzungsfehler. Aber W. nestelt eine unter seinem Sweater verborgene rosenkranzartige Kette hervor, an der ein fettes Kruzifix hängt, und beteuert: „Ich bin freier Christ! Und das ist die Wahrheit!“

Aber auch das ist die Wahrheit: Im August 2015 treffen Gino W. und seine damals hochschwangere Freundin Chanell L. in Bad Soden auf Lilli S., die dort mit Freunden ihren 56. Geburtstag feiert. Als das Paar ihr erzählt, sie würden diese Nacht in ihrem Auto verbringen, lädt die offenbar gutherzige Frau S. die beiden zum Mitfeiern und Übernachten in ihre Wohnung ein. Wahrscheinlich weiß sie nicht, dass zumindest Chanell L. zu einem Clan gehört, der in der Frankfurter Justiz einen Ruf wie Donnerhall hat und dessen Mitglieder man nur bei sich übernachten lassen sollte, wenn man die Bude schnell, unbürokratisch und besenrein entrümpelt haben will. Bei Chanell L. handelt es sich zudem um eine landgerichtlich zertifizierte Enkelinnentrickbetrügerin.

In dieser Nacht aber ist es Gino W., der zugreift. Er begnügt sich mit dem Laptop, 500 Euro in diversen Urlaubswährungen und zwei Kreditkarten von Lilli S., die das Pärchen in den kommenden Wochen nutzt, um etwa 2500 Euro zu verjucken.

Vor dem Amtsgericht mimt W. den Gentleman und nimmt alle Schuld auf sich. Da die Beweislage bei L. in manchen Punkten mehr als dünn ist, wird das Verfahren gegen die 24-Jährige schnell eingestellt. Sie soll 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Das mache sie gerne, sagt L., sie habe ohnehin noch Arbeitsstunden abzuarbeiten und könne sofort loslegen, sobald sie jemanden gefunden habe, der auf ihre fünf Kinder aufpasst.

Und auch Gino W. kommt am Ende mit einer laut Richterin „äußerst moderaten Strafe“ von zwei Jahren und vier Monaten davon. Das könnte auch daran liegen, dass W., der derzeit noch wegen anderer Delikte im Gefängnis sitzt, unlängst seinen Vater verloren hat. Als Saulus und in Hand- und Fußfesseln sei er zum Begräbnis seines Vaters gegangen und als Paulus in seine Zelle zurückgekehrt, sagt W. Fortan, so habe er geschworen, wolle er seinen bisherigen Hobbies (Crack, Kokain, Heroin, Alkohol, Sachbeschädigung, Fahren ohne Führerschein, Fahren im Suff, Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Nötigung, räuberische Erpressung und so) entsagen. Er habe ja auch noch andere Hobbies, schmunzelt der siebenfache Vater (ein Kind davon gemeinsam mit Chanell L.), den ein Vaterschaftstest demnächst gar zum achtfachen machen könnte: „Ich hatte ein turbulentes Leben und keinen Fernseher!“

Seitdem er im Gefängnis sitzt, hat W. keine neuen Straftaten mehr begangen.

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