Experten befürchten, dass Übergriffe zurzeit seltener gemeldet werden.
+
Experten befürchten, dass Übergriffe zurzeit seltener gemeldet werden.

Zahlen

Trügerische Statistik

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
    schließen

Experten befürchten, dass Übergriffe zurzeit seltener gemeldet werden.

Die aktuellen statistischen Zahlen zeigen keine auffällige Entwicklung, aber die Experten der Polizei sowie Jugendämter und Frauenbüros bleiben trotzdem alarmiert. In der Corona-Zeit ist die Zahl der bei der Polizei gemeldeten häuslichen Gewaltexzesse in hessischen Städten nicht gestiegen. Fachkreise vermuten, dass Frauen derzeit weniger Möglichkeit haben als normalerweise, nach außen zu treten und gewaltgeprägte Lebenslagen zu verlassen.

Unter dem Begriff häusliche Gewalt versteht man ausschließlich Gewalt gegen den Partner. Gewalt gegen Kinder oder andere Familienmitglieder werden separat erfasst. Betrachtet man die polizeilich gemeldeten Fälle in Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden und Darmstadt erkennt man mit Ausnahme von Offenbach leicht steigende oder gleichbleibende Fallzahlen. In Frankfurt war die häusliche Gewalt 2019 sogar auf dem höchsten Wert seit fünf Jahren.

Meist sind die Opfer Frauen

90 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind dabei in der Regel Frauen, erklärt Karin Dörr vom Frauenbüro in Offenbach. Diese Fälle werden, wenn sie gemeldet werden, von der Polizei erfasst. 2019 gab es in Offenbach 223 polizeilich erfasste Fälle von häuslicher Gewalt, 2016 waren es 268. Dass die Zahlen die wirklichen Verhältnisse widerspiegeln, glaubt Dörr nicht. „Die Dunkelziffer von Gewalt im sozialen Nahbereich wird von der Wissenschaft und Kriminologen als hoch eingeschätzt“, sagt sie. Unter den sozialen Nahbereich fallen eigene oder anvertraute Kinder und Jugendliche sowie Partner oder Verwandte, aber auch Patienten. Häusliche Gewalt als eine Ausprägung kann dabei Körperverletzungen, Bedrohungen, Beleidigungen oder Vergewaltigungen umfassen. Trotz des Namens zählen dazu auch Gewaltausbrüche gegen den Partner, die außerhalb der Wohnung begangen werden.

Die Polizei selbst möchte die Höhe der Dunkelziffer nicht schätzen. Zu spekulativ seien solche Einschätzungen. Dass es nicht gemeldete Fälle gibt, wissen die Beamten aber auch. „Es wird immer wieder bekannt, dass Faktoren wie gemeinsame Kinder im Haushalt, finanzielle Abhängigkeit und Angst vor Konsequenzen dahingehend Einfluss auf die Geschädigten haben, nicht die Polizei zu informieren“, schreibt das Polizeipräsidium Westhessen.

Stress führt zu Gewalt

Die Zahlen der Fälle von häuslicher Gewalt, die die jeweiligen Polizeipräsidien in der Corona-Zeit erfassen, seien keinesfalls valide. Erst mit Abschluss des Jahres, also über einen größeren Zeitraum gesehen und im Vergleich zu den Zahlen der Vorjahre, könnten Aussagen getroffen werden.

Allerdings sehen die Polizeipräsidien Südhessen und Westhessen, zu denen Darmstadt und Wiesbaden zählen, durchaus, dass zurzeit notwendige Beschränkungen im Alltag Stressfaktoren für Familien und häusliche Gemeinschaften in Hessen bedeuten.

Auch in Frankfurt hat man das Thema im Blick. „Wir gehen aktuell davon aus, dass wir nach den Lockerungen mehr Meldungen bekommen werden“, sagt Manuela Skotnik, Sprecherin im Sozialdezernat. Man wolle dann schnell mit Hotelunterbringungen reagieren. Auch die Frauenhäuser haben sich durch Hygienemaßnahme an die aktuelle Corona-Situation angepasst und stehen nach wie vor für Frauen und Kinder zur Verfügung.

Nur wenige Kilometer weiter in Offenbach hat man ebenfalls auf die Corona-Zeit reagiert. Das Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder solle kein blinder Fleck sein, sagt Oberbürgermeister Felix Schwenke. Eine aktuelle Plakatkampagne weist auf telefonische Hilfsangebote hin. Die auffälligen mehrsprachigen Hinweisschilder wurden in Geschäften und Treppenhäusern von Mehrfamilienhäusern aufgehängt, um Betroffene, Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde zu informieren. Denn Kindertagesstätten und Schulen fallen momentan als Hinweisgeber zum großen Teil weg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare