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Trude Simonsohn im Gespräch. Foto: Georg Kumpfmüller
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Trude Simonsohn im Gespräch.

Holocaust

Trude Simonsohn: Ein Leben für die Erinnerung

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Die Holocaust-Überlebende und Frankfurter Ehrenbürgerin Trude Simonsohn wird am Donnerstag 100 Jahre alt.

Wenn eine Hundertjährige an ihrem Geburtstag viel Besuch bekommt, dann hat sie wohl das meiste richtig gemacht im Leben. Trude Simonsohn wird am Donnerstag in Seckbach viel Besuch bekommen, zumindest so viel, wie es die Pandemie zulässt. Dass sich die Frankfurter Ehrenbürgerin über den Besuch freuen wird, ist sicher, sagte sie doch einst: „Es gibt Menschen, die Briefmarken sammeln. Ich sammele Freunde!“ Eine ihrer Besucherinnen am Donnerstag ist Elisabeth Abendroth. Aus der einst beruflichen Verbindung der beiden Frauen ist längst eine tiefe Freundschaft entstanden oder gar mehr. „Sie ist wie Familie für mich“, sagt Abendroth über Simonsohn. Seit 2004 telefonieren Abendroth und Simonsohn jeden Morgen. Ein Ritual, das trotz des späteren Besuchs auch am Donnerstag nicht gebrochen wird. Denn der Austausch mit anderen Menschen ist für die Freundesammlerin lebenswichtig.

Sprechen gelernt hat Simonsohn im tschechischen Olmütz. In ihrer Heimatstadt engagiert sie sich in der zionistischen Jugendbewegung. Sie besucht eine tschechische Grundschule und später das deutsche Gymnasium. In beiden Sprachen gibt sie Nachhilfestunden. Als die deutsche Wehrmacht 1939 in Böhmen einmarschiert, ist das bürgerliche Leben der Schülerin vorbei. Sie darf weder ihr Abitur machen, noch ihr angestrebtes Medizinstudium aufnehmen. 1942 deportieren die Nazis die 21-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt. Dort lernt sie Berthold Simonsohn kennen und lieben. Als beide nach Auschwitz deportiert und dort an der Rampe getrennt werden, verabreden sie sich in Theresienstadt für den Fall, dass sie beide überleben. Als sie der Hölle wirklich entfliehen können und sich nach Kriegsende in Theresienstadt in die Arme schließen, sagt „Berti“ zu seiner Frau: „Wir müssen darüber reden.“ Dem Juristen und Sozialpädagogen war klar, dass sie die erlebten Gräuel anders nicht verarbeiten können würden.

Der berufliche Werdegang Simonsohns führt das Paar über Hamburg und die Schweiz nach Frankfurt, wo der Mann 1962 an der Goethe-Universität eine Professur für Sozialpädagogik und Jugendrecht erhält. Nach Frankfurt sind die Simonsohns schon 1955 gekommen. Trude engagiert sich recht bald für die Jüdische Gemeinde, deren Gemeinderatsvorsitzende sie auch lange ist. Nach Deutschland zu kommen war für Trude, deren Eltern beide von den Nazis ermordet wurden, nicht leicht. Sie fühle sich „vielleicht nicht in Deutschland, aber in Frankfurt zu Hause“, sagte sie einmal. Ein Bekenntnis, das allen Frankfurter:innen runtergeht wie Öl.

Als ihr Mann 1977 stirbt, beschließt Trude Simonsohn, sich andere Gesprächspartner zu suchen und widmet sich fortan aktiv der Erinnerungsarbeit. Ein Glücksfall für Generationen von Schülerinnen und Schülern. In den kommenden Jahrzehnten berichtet sie bundesweit in Schulklassen und Hörsälen über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern. „Ich bin es den Toten schuldig“, sagt sie schlicht. Auf die Frage von Jugendlichen, wie sie solche Gräueltaten künftig verhindern könnten, antwortet sie: „Zu jedem Unrecht sofort Nein sagen.“ An anderer Stelle mahnt sie auch: „Ihr habt keine Schuld, aber Verantwortung.“ Doch bei all ihren Auftritten und mahnenden Worten ist sie trotz des erlittenen Unrechts ohne Hass und Bitterkeit. Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurts, betont „ihre stets positive Sicht der Dinge und ihren grenzenlosen Optimismus.“ Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, bewundert Simonsohns feinsinnigen Humor und erinnert sich an einen abendlichen Witze-Wettbewerb von Trude Simonsohn mit Buddy Elias, dem Cousin Anne Franks. Einer der die Jubilarin am Donnerstag besuchen wollte, aber wegen der Pandemie nicht darf, ist Oberbürgermeister Peter Feldmann. Dessen Vater war an der Uni der Assistent von Berthold Simonsohn. Feldmann wird der Frankfurter Ehrenbürgerin aber immerhin eine Grußbotschaft übersenden können. Denn die Bildungsstätte Anne Frank gratuliert mit einem Film, den der Filmemacher Adrian Oeser angefertigt hat und in dem neben Feldmann auch Mirjam Wenzel (Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt) und Meron Mendel zu Wort kommen.

Eine Gratulantin, die heute wahrhaftig im Henry-Budge-Heim auftauchen wird, ist Schwiegertochter Beate Simonsohn. „Es geht ihr gut, sie ist noch recht rüstig“, sagt sie über die Jubilarin, die sich über den Besuch sicherlich freuen wird.

Die Jubilarin anno 2010 zu Gast an der Main-Taunus-Schule in Hofheim.

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