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Wenn das der Hund Hans-Heinerich sehen könnte: Werner Holzwarth mit seinem kleinen Maulwurf – der hier etwas größer ist.

Porträt der Woche

Der Triumph des Maulwurfs

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Werner Holzwarth hat den Kinderbuch-Klassiker „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ geschrieben. Gerade ist sein neues Werk erschienen.

Der kleine Maulwurf ist weltberühmt. Kinder und Eltern kennen ihn, in Deutschland, Europa, Asien, Afrika, Amerika, Australien. Er taucht auf in Büchern, in Kindergärten, auf WG-Toiletten, auf Bühnen, im Fernsehen, in der „Sendung mit der Maus“ ebenso wie in der „Heute-Show“. Und das, weil ihm jemand auf den Kopf gemacht hat und er sich auf die Suche begibt nach dem Schuft. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, dass der Triumphzug des Maulwurfs im Günthersburgpark in Frankfurt-Bornheim begann.

Sein Schöpfer Werner Holzwarth lebt auch heute noch in dem Stadtteil. Durch das große Wohnzimmerfenster schimmert das Januarlicht herein, auf dem massiven Holztisch lockt eine Schale mit Schokokugeln. „Greifen Sie zu“, bietet Holzwarth an, als er mit Kaffee aus der Küche kommt. Vor 36 Jahren hat es den gebürtigen Schwaben, Jahrgang 1947, berufsbedingt nach Frankfurt verschlagen. Nach dem Studium an der Hochschule der Künste in Berlin arbeitete er als Werbetexter für verschiedene Agenturen, war Anfang der Achtziger als freier Journalist in Südamerika unterwegs, gründete Anfang der Neunziger eine eigene Werbeagentur und hatte von 1995 bis 2012 einen Lehrstuhl als Professor für Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. Seit den 2000ern schreibt er Bücher, vor allem für Kindergarten- und Grundschulkinder. Sein Bestseller jedoch erschien bereits 1989.

Nach und nach füllt sich der Tisch mit Büchern, die Werner Holzwarth aus der Regalwand oder dem Nebenraum holt. Sie haben Titel wie „ABC – im Klo stand mal ein Reh“, „Kleiner Riese, großer Zwerg“ oder „Ganz schön schlau, die dumme Sau“. Den „Grüffelo“ hat er ins Schwäbische übertragen, sein Buch „Kleeorg und Kleeopatra“ haben Henni Nachtsheim und Gerd Knebel „uff Hessisch“ übersetzt. Am Samstag erschien sein neuestes Werk „Der Sonnenkönig“, das von einem größenwahnsinnigen Gockel handelt. 25 Kinderbücher hat Holzwarth bislang geschrieben und mit verschiedenen Illustratoren umgesetzt, einige haben Preise gewonnen und wurden in etlichen Sprachen veröffentlicht. Doch der kleine Maulwurf toppt sie alle.

In 43 Sprachen übersetzt

Holzwarth schleppt einen Stapel Bücher herein, rund 20 Ausgaben „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“, auf Englisch, Spanisch, Französisch, Arabisch, Koreanisch. „Fast immer, wenn das Buch in einem Land neu herauskommt, wird mir ein Exemplar geschickt.“ In 43 Sprachen spürt der Maulwurf mittlerweile dem kackenden Unhold – Metzgershund Hans-Heinerich – nach, weltweit ist das Buch mehr als drei Millionen Mal verkauft und mehrfach ausgezeichnet worden. Ein bisschen überrascht ihn der Erfolg ja noch immer. „Schließlich wollte ich damals eigentlich gar kein Buch schreiben.“ Gewissermaßen verdankt der kleine Maulwurf sein Dasein einem Dobermann. Und Holzwarths ältestem Sohn Julian.

Als dieser etwa drei Jahre alt war, „waren wir zum Picknick im Günthersburgpark“, erinnert sich der Autor. Dort habe man vergnügt auf der Wiese gesessen, bis zwei Hunde in die Runde tobten. Einer von ihnen erleichterte sich mittendrin. „Wir saßen fassungslos um den Haufen herum und niemand wollte ihn wegmachen.“ Am allerwenigsten der rüpelige Hundebesitzer. Zu dieser Zeit habe er für seinen Sohn immer Gutenachtgeschichten erfunden, sagt Holzwarth, meist auf Stichworte, die ihm der Junge zuwarf, zum Beispiel „Pirat“ oder „Schatz“. Am Abend nach dem Picknick lautete die Parole „Kacka-Hund“. Und der Maulwurf musste den Kopf hinhalten. „Mein Sohn fand die Geschichte total eklig – und wollte sie jeden Abend wieder hören.“

Alle Tiere der Welt habe er allabendlich einbezogen, die wie die Taube, das Pferd, der Hase, die Ziege, die Kuh und das Schwein im Buch demonstrierten: „Ich mach‘ so.“ Irgendwann habe sein Sohn im Kindergarten vom Maulwurf und dem Kacka-Hund erzählt. „Die Erzieherinnen haben mich dann eingeladen.“ Und waren begeistert. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis aus der Idee ein Bilderbuch mit Illustrationen von Wolf Erlbruch wurde. Am 26. Januar hält Werner Holzwarth eine Benefizlesung in der Orangerie im Günthersburgpark – also quasi am Ort des Ursprungs der Geschichte, wie er lächelnd bemerkt.

Sein jüngster Sohn Tim hat ihn ebenfalls inspiriert: Als den damals Fünfjährigen die Themen Tod und Sterben beschäftigten, hat Holzwarth „Mein Jimmy“ ersonnen, in dem Madenkrähe Hacki und Nashorn Jimmy allerhand Abenteuer erleben – bis Jimmy eines Tages nicht mehr da ist. Auch der Frankfurter Zoo habe Impulse geliefert, sagt Holzwarth, nämlich für „Ich wär so gern … dachte das Erdmännchen“, „Guck mal, wie die gucken!“ und „Schlamingo und Fein“.

Viele seiner Geschichten sind schlaue Fabeln und Parabeln für Kinder. Und hilfreich auch für Erwachsene, handeln sie doch vom Anderssein, vom Tod, von Exkrementen; von Themen eben, über die Eltern nicht gerne sprechen. Bis heute ereilen den Autoren allerdings auch entrüstete Kommentare, selten zwar, doch es gibt sie, die Empörten, die sich über den kleinen Maulwurf mockieren und das Buch einfach nur „bäh“ finden, wie eine Mutter in einem Eltern-Blog resümiert. Holzwarth hat ihre „Warnung“ auf seinem Weblog gepostet. „Es muss ja nicht jeder das Buch mögen“, sagt der 72-Jährige, der keine Scheu hat zu polarisieren und anzuecken. Aktuell arbeitet er an einem Buch, das sich wieder einem heiklen Thema widmet, das er aber noch nicht verraten will. Außerdem wolle er unbedingt etwas machen „gegen Nazis und alle anderen Faschisten und Rassisten“. Die Grundidee stehe schon.

Jetzt ist aber erst mal „Der Sonnenkönig“ an der Reihe, ein Bilderbuch „gegen die Monarchie auf dem Hühnerhof“, illustriert von Günther Jakobs. Darin macht Hahn Konrad seinen Hennen weis, dass die Sonne nur deswegen aufgehe, weil er krähe. „Aber was ist, wenn er mal nicht kräht?“, gackert Henriette ängstlich. „Dann, meine Liebe, wird es zappenduster.“

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