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„Heidruns Trinkstübchen“ an der Saalburgallee leidet wie alle anderen Kioske unter mangelndem Publikumsverkehr.
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„Heidruns Trinkstübchen“ an der Saalburgallee leidet wie alle anderen Kioske unter mangelndem Publikumsverkehr.

Trinkhalle

Das Wasserhäuschen kränkelt

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Durch das Alkoholverbot büßen die Frankfurter Trinkhallen ihren Status als soziale Treffpunkte ein. Sie kämpfen mit Einnahmenverlusten, schlagen aber auch neue Wege ein.

Mit kurzen Schritten nähert sich ein älterer Mann „Heidruns Trinkstübchen“ am Wittelsbacherplatz in Bornheim. „Jetzt bleibt halt mal stehen“, sagt er leicht genervt zu seinen zwei kleinen Hunden und zieht sanft an der Leine. Er zieht sich einen Mund-Nase-Schutz an und betritt das Wasserhäuschen. Die beiden Männer – hinter der Plexiglasscheibe steht Pächter Michael Hoff – grüßen sich. Man kennt sich. Viele Kundinnen und Kunden werden hier mit Vornamen gegrüßt, manch einer mit seinem Spitznamen. Die meisten, die an diesem trüben Januartag zur Mittagszeit kommen, bestellen einen Kaffee, Zigaretten, geben ihre Lottoscheine ohne Gewinn ab und kaufen einen neuen in der Hoffnung, dass es doch noch was wird mit dem Millionen-Jackpot. So wie Birgit. Sie schmeißt ihren 20-Euro-Schein auf den Tresen. „Ach komm, gib mir noch einen. Wenn ich mal einen Gewinn habe, dann lade ich dich ein“, sagt sie zu Hoff. Die beiden lachen.

Viel zu lachen hat Hoff zur Zeit eher nicht. An seinem Wasserhäuschen herrscht normalerweise reges Treiben. Doch Gespräche über Politik, Alltagssorgen oder die Eintracht, die auch mal bis tief in die Nacht gehen können, gibt es an „Heidruns Trinkstübchen“ schon lange nicht mehr. Um 20 Uhr ist Schicht im Schacht. Die Stadt ist dann tot, sagt Hoff und schaut resigniert.

Das Hauptgeschäft kränkelt. Der Verkauf von Bier, Apfelwein oder Schnaps ist weiterhin erlaubt, doch trinken dürfen Hoffs Gäste ihr Bier weder an seinem Häuschen noch an anderen Plätzen in der Stadt.

Seit Mitte Dezember 2020 gilt durch den verschärften Lockdown ein Alkoholverbot an öffentlichen Plätzen. Für die Wasserhäuschen gleicht das Verbot einem Schlag in die Magengrube. „Die Frankfurter Trinkhalle ist ein Refugium für Stehbiertrinker“, schreibt Jürgen Roth in seinem Buch „Der Jackel Hans“. Darin nähert er sich dem Soziotop Trinkhalle in seinen Gesprächen mit einem Pächter. Aber gerade das fällt derzeit weg. „Wir leben vom Getränkeverkauf“, sagt Hoff. Im Sommer noch habe er täglich für Nachschub sorgen müssen. Jetzt bestellt er nur noch einmal die Woche. Die Einnahmeverluste sind hoch, „mehr als 50 Prozent“, schätzt Hoff. Die Umsätze aus den letzten Jahren „erreiche ich niemals“.

Getränke werden nur noch durchs Fenster verkauft.

Die Frankfurter Wasserhäuschen stecken in der Krise, jedoch nicht zum ersten Mal. Sie sind krisenerprobt. Gut 800 Buden hat es in Frankfurt einmal gegeben. Entstanden sind die Kioske in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals wurde das neu auf den Markt gekommene Mineralwasser verkauft. Schon bald verbreiterte sich aber ihr Sortiment, Trinkhallenimperien wie der Jöst-Betrieb entstanden.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele Häuschen abgerissen. In der Nachkriegszeit erlebten sie als Tante-Emma-Läden eine Renaissance. Erst ab Mitte der 1980er Jahre sorgte eine Wasserhäuschennostalgie dafür, dass das „Wasserhäuschensterben“ nachließ. Eigentümer der etwa 280 verbliebenen Frankfurter Wasserhäuschen sind heute zumeist Großbrauereien und Getränkeverlage, die den Stand an den Betreiber verpachten.

Aus dem Frankfurter Alltag sind sie nicht wegzudenken, und gerade für Stammgäste sind die Verbote und Verordnungen vor den Häuschen teils schwer zu verstehen. So ist es auch bei „Snack FM“ in Seckbach. „Viele Handwerker wollen hier ihr Feierabendbier trinken. Sie verstehen nicht, warum sie auf Baustelle zusammenarbeiten, aber dann nicht gemeinsam ihr Bier trinken dürfen“, sagt Pierre Skolik. Seit sieben Jahren ist der ehemalige Architekt Inhaber von „Snack FM“ gegenüber der Bushaltestelle Eschweger Straße. Dreimal wurde seine Bude von der Frankfurter Rundschau und Binding zum Wasserhäuschen des Jahres gewählt.

Vor seinem Häuschen stehen normalerweise kleine Tische mit Stühlen und Sonnenschirmen. „Im Prinzip eine Outdoor-Kneipe mit günstigeren Bierpreisen“, sagt er. Doch jetzt ist der Bereich vor dem Verkaufsfenster mit orangenem Flatterband und leeren Bierkästen abgesperrt. Ein schwerer Schlag für das Büdchen. „Snack FM“ sei ein Treffpunkt für die Nachbarschaft, sagt Skolik. „Das Wasserhäuschen ist ja weit mehr als nur ein Kiosk. Es ist ein sozialer Treffpunkt. Zu mir kommen Menschen aus jeder sozialen Schicht, vom Hartz-IV-Bezieher bis zum Banker und Familien“, sagt er. „Ich bin einer von ihnen. Ich stehe sonst vor dem Häuschen und nicht hinter dem Fenster.“ Er habe Stammkunden, die bis zu sechs Stunden an seiner Bude verweilen. „In den letzten sieben Jahren ist hier eine große Familie aus 20 bis 30 Leuten zusammengewachsen. Wir treffen uns zum Grillen, Dartspielen und schwätzen über die Eintracht“, sagt er. Hier in Seckbach kennen ihn vermutlich alle. Ein Autofahrer fährt hupend vorbei und grüßt, Skolik winkt zurück. Dann ruft Skolik einem Mann mittleren Alters zu: Sie fachsimpeln über die Eintracht. Die beiden Männer lachen und verabschieden sich winkend aus mehreren Metern. Coronakonform, versteht sich.

Leere Bierkästen helfen hier beim „Gudes“ dafür zu sorgen, dass die Kundschaft sich nicht ballt.

Auch Skolik hat schwer zu kämpfen. Auch bei ihm sind die Einnahmen zurückgegangen. „40 Prozent weniger“, sagt er. Er hat sein Konzept verändert, verkauft jetzt mehr Backwaren als zuvor. „Umstrukturierung“, nennt er das. „Ich muss jetzt hier den älteren Frauen erklären, wie gut das Brot ist.“ Im Prinzip fange er wieder bei null an.

Neue Wege gehen musste auch das „Gudes“ am Matthias-Beltz-Platz im Nordend. Das Wasserhäuschen hat schon vor dem Alkoholverbot seine Kundschaft wegschickt. Denn als im Oktober die ersten Versammlungen auf zentralen Plätzen in der Stadt verboten wurden, war auch der Matthias-Beltz-Platz davon betroffen. Wie hoch die Einbußen bei „Gudes“ sind, kann die Mitarbeiterin hinter der Plexiglasscheibe im Häuschen nicht sagen.

Manche Getränke, wie heißen Apfelwein in Bechern, kann hier niemand mehr kaufen. Dafür gibt es selbst gemachte Suppe und sogar einen Lieferservice. Das „Gudes“ lebt von der Laufkundschaft, im Sommer sitzen rund um das Häuschen auf Sofas, Stühlen oder auf dem Boden haufenweise überwiegend junge Menschen. Nun hat sich das Wasserhäuschen mehr in einen kleinen Einkaufsladen verwandelt. Vor dem Häuschen steht ein kleines Schild samt Preisliste. „Onkel Felix’ Einkaufslädchen“. Ein buntes Angebot von Pasta über Küchenrollen, Dinkelmehl, Schlagsahne und Espressobohnen. Die Mitarbeiterin im Häuschen lächelt zufrieden. Doch trotz der Umstrukturierungen fehlten auch hier den Stammkunden, die aus der umliegenden Nachbarschaft kämen, die Gespräche und das Verweilen auf dem Platz.

Zurück an „Heidruns Trinkstübchen“. Ein Mann mittleren Alters kauft ein Bier und fragt nach dem Öffner. „Du darfst das hier bei mir nicht trinken“, sagt Michael Hoff. Der Mann scheint es nicht zu verstehen und fragt noch mal. Hoff öffnet ihm das Bier. „Du musst dich aber von dem Häuschen entfernen.“ Der Mann verlässt leicht irritiert mit der Flasche Bier in der Hand das Stübchen.

Kunden dürfen beim prämierten Wasserhäuschen Snack FM nichts mehr vor Ort verzehren.

„Das sind Leute aus der Nachbarschaft. Manche leben alleine. Wer will schon zu Hause alleine sein Bier trinken? Am Wasserhäuschen herrscht eben dieses Gemeinschaftsgefühl, doch das ist weg.“ Einige seiner Stammkunden verstehen das Alkoholverbot nicht, andere wiederum nehmen die Regeln sehr ernst. „Manchmal muss ich eingreifen, wenn sie sich gegenseitig angiften“, sagt Hoff.

Der ältere Mann mit seinen Hunden tritt aus dem Stübchen heraus. „So ein Mist“, schimpft er. Die Leine hat sich um das Bein eines seiner Hunde verheddert. Ein weiterer Mann, der Kaffee aus seinem Becher schlürft, lacht darüber. An der Seite der Trinkhalle in einer kleinen Senke sitzen leicht zusammengekauert zwei Frauen. „Es ist kalt“, schimpft eine von ihnen. „Du kannst ja hier nicht mehr sitzen. Und zu Hause ist es auch kalt.“ „Warum?“, fragt ihre Sitznachbarin. „Meine Heizung ist kaputt.“

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