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Holger Tschierschke ist Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Römer.

Interview

„Das trifft uns ins Mark“

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Holger Tschierschke, Geschäftsführer der Römer-SPD, zu den Folgen der AWO-Affäre. Der Politiker fürchtet, dass die Partei bei der Kommunalwahl 2021 wichtige Prozentpunkte verliert.

Die AWO-Affäre beutelt die SPD. Geschäftsführer Tschierschke spricht mit der FR über die Folgen.

Herr Tschierschke, Sie sind seit Jahrzehnten Sozialdemokrat. Was hat die Arbeiterwohlfahrt bisher für sie bedeutet?

Ich bin seit 1981 Mitglied der SPD. In die AWO eingetreten bin ich erst 2013. Das Motiv war klar: Als anständiger Sozialdemokrat, so waren wir überzeugt, sollte man auch die AWO solidarisch unterstützen. In unserem Bewusstsein war und ist die AWO eine Schwesterorganisation.

Was bedeutet das emotional?

Da hängt für uns Sozialdemokraten seit 100 Jahren Herzblut dran. Es gibt einen Erfahrungswert, der heißt: Christdemokraten wollen Macht, Sozialdemokraten wollen Werte. Das ist eine Stärke und eine Schwäche der SPD zugleich.

Was empfinden Sie angesichts der Vorgänge bei der AWO in Frankfurt und Wiesbaden?

Das trifft uns ins Mark. Wir wurden von den eigenen Genossen betrogen und hinters Licht geführt. Wobei ich zum Beispiel Jürgen Richter, den früheren langjährigen AWO-Geschäftsführer, nicht näher kannte. Ich wusste natürlich, dass er Sozialdemokrat ist.

Wie sehr schaden die Vorgänge bei der AWO der SPD?

Wir müssen zwei Perspektiven unterscheiden. Das eine ist der Schaden nach außen hin für das Image der SPD. Der größere Schaden aber entsteht in der SPD nach innen. Es könnte an der Basis so eine Stimmung entstehen: Wenn sich da führende Funktionäre in die eigene Tasche wirtschaften, dann habe ich keine Lust mehr. Das könnte zu einer Demobilisierung führen. Das ist meine Befürchtung.

Wie konnte es zu den Missständen bei der AWO kommen?

Ich glaube, die AWO hat seit den 50er Jahren ein Grundvertrauen genossen. Und dieses Grundvertrauen ist von einigen führenden Funktionären gnadenlos ausgenutzt worden. Das Problem bei der AWO ist, dass das System der Kontrolle seit den 50er Jahren das gleiche geblieben ist, während die AWO aber zu einem modernen Dienstleistungskonzern heranwuchs. Alleine in Frankfurt gibt es ja 1200 AWO-Beschäftigte. Das heißt: Die ehrenamtlichen Kontrolleure waren mit diesem Konzern überfordert. Davon haben einige, die in die eigene Tasche gewirtschaftet haben, profitiert. Das ist erschreckend.

Wie erklärt sich das Fehlverhalten führender Funktionäre?

Ich kann das bis heute nicht so ganz verstehen, ich rätsele noch daran herum. Einige müssen völlig abgedriftet sein. Es ist sukzessive ein Betrugssystem entstanden.

In wenig mehr als einem Jahr kommt auf die SPD eine Kommunalwahl zu. Wird die AWO-Affäre die SPD entscheidende Prozentpunkte kosten?

Das könnte passieren. Obwohl wir alles tun werden, um gegenzusteuern. Das Problem ist: Die Sache liegt nicht in unserer Hand. Es kommt darauf an, wie schnell es der Arbeiterwohlfahrt gelingt, sich zu erneuern. Davon sind wir als SPD abhängig. Wir setzen sehr auf das neue Präsidium in Frankfurt mit Petra Rossbrey an der Spitze, das am 15. Februar gewählt werden soll.

Wie kommt die SPD aus der Defensive heraus?

In der Stadtpolitik sind wir sicher nicht in der Defensive, es sind wir Sozialdemokraten, die die wichtigen Themen setzen und Probleme lösen. Aber in der Tat, durch die AWO-Vorgänge wird es schwerer, mit unseren Themen durchzudringen. Deshalb kann unser Motto nur lauten: Alles muss offen auf den Tisch. Aber ganz wichtig ist, was wir aus den Vorgängen bei der AWO lernen. Wir müssen bei der Stadt nach dem Leitsatz handeln: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das heißt: Die Stadt muss die Kontrolle ihrer Zuschüsse entscheidend verbessern. Die Kontrolleure müssen dann mehr als bisher zum Beispiel in die Kitas gehen und schauen, was da wirklich eingebaut worden ist. Bisher wurde das nur ansatzweise kontrolliert.

Braucht die Stadt mehr Kontrollpersonal?

In jedem Fall. Wir brauchen mehr Leute und mehr qualifizierte Leute. Die sind allerdings schwer zu finden.

Welche weiteren Konsequenzen muss die Stadt aus der AWO-Affäre ziehen?

Die Stadt sollte mehr von den Aufgaben, die bisher an Dritte wie die Arbeiterwohlfahrt übertragen worden sind, wieder selbst übernehmen. Das gilt zum Beispiel für den Betrieb von Kitas und von Jugendhäusern.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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