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Das Trend-Viertel

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Von: Alexander Kraft

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Alt und neu, Apfelwein und Fußball, Dorf und Großstadt - der Frankfurter Stadtteil Bornheim hat viele Gesichter. Und auch viele Wahrzeichen. Eines davon ist die  Johanniskirche –  für Bernemer die  Zwiwwelkersch -
Alt und neu, Apfelwein und Fußball, Dorf und Großstadt - der Frankfurter Stadtteil Bornheim hat viele Gesichter. Und auch viele Wahrzeichen. Eines davon ist die Johanniskirche – für Bernemer die Zwiwwelkersch - © Boeckheler

Wer Nicht-Frankfurter fragt, in welchem Stadtteil sie gerne wohnen würden, hört ganz oft: „Bornheim!“ So viel Zuspruch muss nicht immer guttun. Doch das „Lustige Dorf“ hat sich seinen einzigartigen Charme erhalten.

Wer Nicht-Frankfurter fragt, in welchem Stadtteil sie gerne wohnen würden, hört ganz oft: „Bornheim!“ So viel Zuspruch muss nicht immer guttun. Doch das „Lustige Dorf“ hat sich seinen einzigartigen Charme erhalten.

Was? Nordend?“ Sie klingen etwas enttäuscht, die Passanten auf der unteren Berger Straße. Logisch, hatten sie doch keine zehn Sekunden zuvor noch im Brustton der Überzeugung gesagt: „Wo wir hier sind? Na, in Bornheim natürlich!“ Sie wüssten doch, wo sie wohnten. Naja, knapp daneben ist auch daneben. Aber das geht vielen so. Selbst in einem alteingesessenen Laden wie etwa beim Buchhändler Eisenbletter und Naumann – und von da sind es in der Tat nur noch wenige Schritte bis zum „Bernemer Uhrtürmsche“ – sind sie sicher: „Oberhalb der Höhenstraße beginnt Bornheim.“ Nein, leider auch falsch.

Das ist schon eine vertrackte Sache mit den Bornheimer Grenzen. Gefühlt ist das „Lustige Dorf“ so groß, wie kaum ein anderer Frankfurter Stadtteil. Rein bauchmäßig beginnt es am Merianplatz, wird die komplette Berger Straße zur Achse, an der das Stadtteilleben pulsiert. Im Osten vereinnahmt man umstandslos den Ostpark (dabei steht schon das Bürgerhaus Bornheim im Ostend). Und in der anderen Richtung, so haben es Generationen von Grundschülern beim „Ausflug“ in die City zu hören bekommen, fängt das Nordend erst jenseits der Friedberger Landstraße an. Nur im Norden ist das Ende der Bornheimer Welt eindeutig – oder besser: schmerzlich klar. Da zieht sich wie eine tiefe Wunde die Autobahn durchs Grün, abgeschnitten all die Wege zum Lohrberg, nur eine Brücke nach Seckbach.

Weshalb Bornheim so beliebt ist, darin sind sich Alteingesessene und Jüngere schnell einig. „Das ist einfach ein sehr, sehr netter Stadtteil“, meint Joachim Raabe von Eaglebauer Enterprises und lächelt dazu, als könne es nie eine andere Meinung geben. Der Laden logiert direkt gegenüber von einem der Bornheimer Wahrzeichen, dem Hohen Brunnen. Auf unnachahmliche Art vermengt „der Eagi“ Tradition mit Trend, verbindet mit einem Schuss Ironie Lokalkolorit und Weltläufigkeit. T-Shirts mit dem Aufdruck „Natural Born Heimer“ genießen Kultstatus.

Das würde ein älteres Semester wie Lore Stary vielleicht nicht mehr tragen. Aber die Botschaft würde die Turnerin aus der Montagsrunde der TG Bornheim sofort unterschreiben. Groß geworden in Gabelsberger und Gronauer Straße, wohnt sie zwar mittlerweile im Riederwald. Doch auf die Berger Straße kehrt sie immer wieder zurück. Etwa um mit ihren Freundinnen Erika Gombert und Christine Sadora im Eiscafé am Uhrtürmchen einen Pistazie-Becher zu löffeln. Und um mit schönstem Bernemer Zungenschlag das Treiben auf der Fußgängerzone zu analysieren: „Es sitzt alles uff de Gass“, weil: „Mer versteht sich hier.“

Es fehlt nicht viel, und sie hätte gesagt: „Alles harmonisch.“ Das tun dafür ganz viele andere. Bernhard Ochs etwa. Wer durch Bornheim streift, kommt kaum an ihm vorbei. Zumal, wenn man oben am Museumslädchen, dem „kleinsten Museum Frankfurts“ vorbei flaniert. Oder Ömür Kar. Für ihn ist es „der Stadtteil schlechthin“. Viele Kulturen, Jung und Alt, vom Professor bis zum Arbeiter: „Hier trifft alles harmonisch aufeinander.“ An keiner anderen Stelle hätte er seine Mokkaria aufmachen wollen. Seine Spezialität: Arabischer Kaffee, aufgekocht im kleinen Kupferbecher in einem Becken mit glühend heißem Sand. „Der Campo war die ideale Lokalität“, das ehemalige Straßenbahndepot entwickele sich zum angesagten Treffpunkt. Viele junge Leute mit Kindern seien eingezogen. Sagt’s – und verabschiedet per Handschlag eine Gruppe grauhaariger Gäste.

Zurück auf die Berger Straße. Viel ist über die Bernemer Zeil geschrieben worden. Nach dem Original ist sie mit 162 Millionen Euro pro Jahr Frankfurts umsatzstärkste Einkaufsstraße. Eine mit vielen Gesichtern, widerstandsfähig gegenüber Auswüchsen. Klar, manches verschwindet. „Da, da gab's mal einen Kurzwaren-Laden“, beklagen Ältere. Heute ist's eine Bank. Aber trotz Optikern, Handyläden und Backfabriken: Die Ketten haben die Straße nicht überrollt, auf der Berger hat sich ein Flair gehalten, das seinesgleichen sucht. Wer vor Jahren mit Franz Steul, Vorsitzender des Gewerbeverein Bornheim-Mitte, sprach, hörte viel von Sorgen. Heute klingt das entspannter. „Sicher, es gibt noch ein paar Leerstände.“ Schmerzlich etwa das Hannibal am Uhrtürmchen, oder das Dauerärgernis mit dem Gaumerschen Trümmergrundstück neben dem Klabunt. Doch insgesamt sei es „eine gesunde Mischung“ und – da taucht das Zauberwort wieder auf – „harmonisch“, wie sich Neues mit Älterem mische, meint der Mann, der auch im Vorstand der TG 1860 Bornheim, Hessens größtem Sportverein, einen Teil der Fäden in der Hand hält.

Das ist vielleicht auch der insgeheime Trick der Bornheimer: Bei ihnen fließen Tradition und Trend umstandslos ineinander. Das Labor dafür ist die Berger Straße. Da verkauft eine Metzgerei Bio-Fleisch – Michael Spahn war vor Jahren Franchise-Nehmer bei einer Fleischerei-Kette ein paar Häuser weiter unten an der Saalburgstraße, dann machte er sich selbstständig. Der kleine Zooladen annonciert „Dschungarische Zwerghamster eingetroffen – 9,50 Euro“. Da Pelztiere aus Dschungarien (weiß der Himmel, wo das liegt) aber nicht reich machen, wirbt ein zweites Schild für Hermes Paket Versand. Und zwei Häuser weiter vertreiben die Lebenskünstler von Kunst & Keule alle möglichen Utensilien für moderne urbane Sportarten.

Tradition und Moderne, harmonisch vereint, das zieht sich wie ein roter Faden durch. Auch durch die Zeiten. Seit 404 Jahren gibt es die Bernemer Kerb – sie ist lebendig wie eh und je. Jeder macht mit, selbst die Crew vom „Big Cash Casino“ schmückt das Entree zur Spielhölle mit Birkenzweigen. Mehrere Erweiterungsschübe hat Bornheim erlebt. Die Ernst-May-Siedlung aus den 1920er Jahren über dem Bornheimer Hang etwa. Oder zuletzt New Atterberry an der Friedberger Warte. Neu und Alt passt auch im Sport. Die TG von 1860 hat heute bald so viele Mitglieder wie der Stadtteil Einwohner; der hat gut 27000. Die SG Grünweiß ganz am Ende der Berger ist Vorzeigeverein in punkto Nachwuchs- und Integrationsprojekte. Zählt man dann noch den FSV, den Stadtteil-Verein, der (Zweite) Bundesliga spielt, und die Eissporthalle hinzu, dann kann sich das Lustige Dorf bedenkenlos das Sportliche Dorf nennen.

Tradition und Moderne, das klappt auch bei einem Thema, das noch fast überall für Ärger sorgen kann, der Gastronomie. Davon hat es reichlich auf der „Berger“. Aber „nicht zu viel“, wie Franz Steul unterstreicht. Zwischen Klassikern wie den Ebbelwei-Kneipen Sonne und Solzer (wo man heute auch ein Bier bestellen darf, was früher undenkbar war) haben sich Döner-Bräter, Eisdielen aber auch Szene-Kneipen oder Lounges eingenistet. Der „Gickelschlag“ von 1869 serviert afrikanische Küche, daneben ein irischer Pub. Und noch etwas weiter hinauf Richtung Seckbach firmiert indische Küche im Bornheimer Fachwerk unter dem Namen „Himalaya-Laternche“.

Dort oben ist das Zusammentreffen von Alt und Neu indes nicht völlig schmerzfrei abgelaufen. Die typischen Bausünden der 60er und 70er Jahre rissen, wie vielerorts, hässliche Lücken und füllten sie mit Kachel-Fasade und Hochhaus. Doch was in Bornheim anders war: Die Waschbeton-Tristesse rüttelte den Stadtteil wach. Da brauchte es zwar Rüttler und Schüttler wie eben einen Bernhard Ochs vom Bürgerverein. Doch irgendwann ab den 80ern wurde um jeden Balken gekämpft. Der „Lange Hof“ beweist, dass „Anno 1589“ mit der Wende zum dritten Jahrtausend zusammen passt.

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