Ein faszinierend hässlicher Ort: Der Musiker Martin Lejeune am Ausgang des Theatertunnels in Frankfurt.
+
Ein faszinierend hässlicher Ort: Der Musiker Martin Lejeune am Ausgang des Theatertunnels in Frankfurt.

Frankfurt

Traurige Plätze in Frankfurt werden zu Musik-Bühnen

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
    schließen

Ein musikalischer Rundgang führt zu innerstädtischen Unorten in Frankfurt.

  • Ein musikalischer Rundgang in Frankfurt führt vorbei an traurigen Plätzen der Stadt.
  • Musiker*innen improvisieren an „Unorten" Frankfurts.
  • Die Gestaltung einiger Plätze führte zu Verunstaltung der Stadt.

Frankfurt – Wo heute mitten in der Frankfurter Innenstadt ein Abgrund gähnt, stand einst eine gotische Kirche – wobei „einst“ so fern klingt. Abgerissen wurde die Weißfrauenkirche oder was der Zweite Weltkrieg davon übrig gelassen hatte, erst Anfang der 1950er Jahre, um Platz zu schaffen für die vierspurige Berliner Straße und den Schlund des Theatertunnels. Es ist ein Ort, der so unwirtlich ist, dass wohl kaum ein Passant länger verweilt, laut, zugig, unansehnlich.

Frankfurt: Musikalischer Rundgang durch die Stadt

Das Forum Improvisierter Musik (F.I.M.) will am 19. August auf elf dieser traurigen Plätze in bester Lage, darunter auch den Ausgang des Theatertunnels, elf Musiker stellen, die diese seltsamen innerstädtischen Flächen sozusagen betonen werden. Einer von ihnen ist der Jazzgitarrist Martin Lejeune, der an diesem Tag aber das Blasinstrument Euphonium mitbringen wird. „Ich weiß noch gar nicht, ob ich einen Hut aufstelle“, scherzt er. Er habe im vergangenen halben Jahr das Publikum und dessen Energie vermisst, sagt Lejeune.

Der Rundgang unter freiem Himmel passt in die Zeit, die Idee dafür entstand aber schon vor der Corona-Pandemie. Im vergangenen Jahr hatte das F.I.M. bereits die neue Altstadt mit improvisierter Musik bespielt, nun fielen auch hier etliche lange geplante Konzerte ins Wasser. „Wir hoffen sehr, dass wir sie im Herbst nachholen können“, sagt Jürgen Werner, neben Christof Krause einer der beiden Organisatoren des F.I.M. und dieser musikalischen Karawane. Für den Rundgang hofft er auf schönes Wetter, gespielt und spaziert werde aber auch bei Regen.

Improvisierte Klänge

Am Mittwoch, 19. August, wird die Frankfurter Innenstadt zum Konzertsaal. Elf Musiker spielen auf Initiative des Forums Improvisierter Musik (F.I.M.) an besonders unschönen Plätzen, an Unorten. Diese sind verkehrsumtost, unwirtlich oder lieblos gestaltet. Der erste Treffpunkt ist um 18.30 Uhr am östlichen Eingang des Theatertunnels (vor dem Karmeliterkloster(/Institut für Stadtgeschichte). Zuschauer und Musiker ziehen dann zum Kaiserplatz und zum Rossmarkt. Weitere Stationen sind die U-Bahn Eschenheimer Turm, der Kreisel an der Alten Gasse, Konstablerwache, Staufenmauer, Töngesgasse, Weißadlergasse und zuletzt das Loch auf der Hauptwache. Überall warten Musiker, die auf ganz unterschiedlichen Instrumenten improvisieren und sich dann dem Zug anschließen, an der Hauptwache gibt es zum Abschluss gegen 20.30 Uhr auch eine Tanz-Performance mit Aleksandra Maria Scibor Infinity und Katharina Wiedenhofer. Die Teilnahme kostet nichts, eine Anmeldung ist nicht nötig. Die Veranstalter Christof Krause und Jürgen Werner vom F.I.M. weisen aber auf die bindenden Corona-Abstandsregeln hin. Details unter www.fim-ffm.de. (aph)

Unorte“ schimpft man solche Plätze seit einigen Jahren (und in Frankfurt ist ein Buch mit diesem Titel inzwischen schon in der fünften Auflage erschienen). Der Theatertunnel ist da ein ganz passendes Beispiel: Der Musiker Lejeune wartet erst mal ein paar Ecken weiter auf den FR-Fotografen, weil die Umgebung des tiefen Lochs so unübersichtlich ist. Hier wartet man nur, weil man es muss.

Frankfurt: Die traurigen Plätze der Stadt

Es ist ein würdiger Start für den geplanten Stadtspaziergang, der mit einer halbstündigen Improvisation aller Musiker an der Hauptwache endet. Auch in diesem zentralsten Platz der Stadt klafft ein Loch, viel beachtetes Beispiel für besonders missglückte Stadtplanung aus den späten 1960er Jahren. Seit Jahren gibt es Debatten darüber, das Loch zu schließen. Die Kosten wären immens.

Dass Orte zu Unorten werden, mag am Verkehrslärm liegen, an liebloser Gestaltung und stadtplanerischen Fehlentscheidungen. Die Passanten nehmen es hin - was bleibt ihnen auch anderes übrig. Dabei könnte man vieles reparieren, meint der Architekt Werner, der sich beruflich viel mit dem Thema beschäftigt hat.

Traurige Plätze oder auch „Unorte“ Frankfurts

Sicher nicht alles, aber doch ganz schön viel von dem, was einen Unort ausmacht, liegt an der Gestaltung dieser Plätze und Straßen, wie Werner beobachtet. „Der Theatertunnel und die Berliner Straße zum Beispiel sind eine Planung der 1950er Jahre für die autogerechte Stadt. Entstanden ist damals eine Schneise, die die Stadt bis heute teilt“, sagt er.

Manchmal sind es aber auch nur Kleinigkeiten, die einen Stadtraum zerstören, Absätze als Stolperfallen etwa, gedankenlos in Sichtachsen gestellte Fahrradständer oder Mülltonnen mitten auf Plätzen. „Hier gäbe es so viel Potenzial“, sagt er. Und es gebe ja auch viele positive Beispiele, etwa der Anlagenring. „So etwas gibt es nicht in vielen Städten“, meint er. Vielleicht ist das schon ein Ort für eine Raumbespielung im kommenden Jahr.

Nicht gerade der schönste Ort in Frankfurt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare