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Trari, trara, der Justizkasper ist da

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Von: Stefan Behr

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Franco A. und sein Verteidiger verlassen endgültig die weltliche Gerichtsbarkeit und betreten das Abenteuerland -doch das hat seinen Eintrittspreis

Da glaubt man, nichts könne einen noch erschüttern, und dann so was. Schon in den vergangenen Wochen hat sich der Prozess gegen den Bundeswehroffizier Franco A. wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat unaufhaltsam zur Freakshow gewandelt. Das lag vor allem an den Zeugen, die sämtlich auf Antrag der Verteidigung geladen worden waren und oft den Eindruck machten, sie seien wider ärztlichen Rat aus der Nervenklinik geholt worden. Am jüngsten Verhandlungstag etwa war der Erfinder einer „Dunkeltherapie“ und Autor von elf Sachbüchern über Reptiloiden, die unheimlichen Echsenmeister aus einer weit entfernten Galaxis, gehört worden, den Franco A. irgendwann einmal heimgesucht hatte.

Zeugen sind nun am Donnerstag nicht vor die Staatsschutzkammer des Oberlandesgerichts geladen. Dafür wird ein Blick auf die diversen Nazi-Buttons geworfen, die A. bei seiner jüngsten Festnahme im Februar mit sich führte. Auf den meisten prangt ein selbsterklärendes Hakenkreuz, auf einem aber nicht. Was das denn sei, will der Vorsitzende Richter Christoph Koller wissen. „Ein kommunistischer Orden aus Rumänien“, souffliert Franco A. seinem Verteidiger Moritz David Schmitt-Fricke. Auch auf dem nächsten Orden ist kein Hakenkreuz, die von Koller verlesene Inschrift „Ein Volk – ein Reich – ein Führer“ aber lässt erahnen, dass der rumänische Kommunismus als Hersteller ausscheidet. Das findet Schmitt-Fricke gemein. Er beantragt, dass Koller auch den rumänischen Orden verlese. Doch der kann kein Rumänisch und schlägt vor, man könne ja einen Sachverständigen aus Rumänien einfliegen lassen. Das ist als Scherz gedacht, aber Schmitt-Fricke macht sich begeistert Notizen.

Zwei Bücher hatte Franco A. auch noch dabei: „Des Führers Kampf in Belgien“ mit vielen Fotos und „Das deutsche Lied“ mit vielen Songs. Einen davon, „Trari, trara, der Sommer ist da“, hat die Polizei ebenfalls abfotografiert. „Das verlese ich jetzt aber nicht“, sagt Koller, der wohl fürchtet, dass der Text zu viel über seine eigene Gemütslage verrät – heißt es dort doch „Ich will draußen sein im Sonnenschein!“

Eigentlich schafft es der Vorsitzende Richter mittlerweile, sich in Franco-A.-Sitzungen durch pure Willenskraft in einen Zustand zu versetzen, in dem ihm auch ohne Narkose eine Niere entnommen werden könnte. Das ist auch bitter nötig. Denn während sich A.s zweiter Verteidiger Johannes Hock seit seinem gescheiterten Entpflichtungsantrag spirituell entkoppelt hat und nun das Prozessgeschehen mit der stillen Würde eines erloschenen Satelliten umkreist, hat sich Schmitt-Fricke zur juristischen Irrlichts-Supernova gemausert.

Und tatsächlich gelingt es dem Verteidiger, zum Ende des Verhandlungstages Kollers ehernen emotionalen Panzer zu knacken. Und zwar mit einem erneuten Beweisantrag, der an Aberwitz nicht mehr zu überbieten ist. Schmitt-Fricke will jetzt nämlich beweisen, dass sein Mandant in seiner Freizeit keinesfalls nur Gassenhauern wie „Trari, trara, der Sommer ist da“, „Bomben auf Engeland“ oder dem Horst-Wessel-Lied lausche. Vielmehr habe Franco A. einen „breiten Musikgeschmack, der sogar Punk beinhaltet“. So höre A. auch sehr gerne Songs des beliebten Volksmusikers Xavier Naidoo, aber auch Interpreten wie AC/DC, Frank Sinatra, Tracy Chapman oder Pur fänden Gnade vor A.s Ohren. Quod erat demonstrandum.

„Ist das Ihr Ernst?“, fragt Koller, obwohl er die Antwort schon kennt. „So ein Prozess ist doch eine ernste Sache!“ Dann zuckt er resigniert die Achseln - „Dann machen wir mal ordentlich Musik!“ Ästhetisch und akustisch ist das Spielen von Pur-Titeln zwar eine schwere Gewalttat, nicht aber juristisch. Und 1995 forderte die Band zudem prozessrelevant: „Komm mit mir ins Abenteuerland!“ Allerdings nicht für umme. „Der Eintritt kostet den Verstand.“

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