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Die Ruinen des Olympias zu sehen, tat Klaus Stenger weh.
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Die Ruinen des Olympias zu sehen, tat Klaus Stenger weh.

Innenstadt

Ein Ort des Träumens

  • Miriam Keilbach
    VonMiriam Keilbach
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Klaus Stenger arbeitete 1978 im einstigen Kino Olympia-Lichtspiele. Der Film, das ist seine Welt. Kino, das bedeutet für Stenger zu träumen, Reisen zu unternehmen, die man sonst nicht erlebt. Sich in politische Konflikte, dramatische Situationen, Liebesgeschichten hineinzuversetzen.

Film, das ist die Welt von Klaus Stenger. „Das Kino lehrte mich, was Leben und Sein bedeuten. In Kino lernte ich zu lachen, zu weinen und zu lieben“, zitiert er den Regisseur Jacques Demy. Kino, das bedeutet für Stenger zu träumen, Reisen zu unternehmen, die man sonst nicht erlebt. Sich in politische Konflikte, dramatische Situationen, Liebesgeschichten hineinzuversetzen.

Schon als Kind drängte Stenger seine Eltern, mit ihm ins Kino zu gehen. Von Obertshausen fuhren sie nach Offenbach. „Künstlerisch wertvolle Filme waren damals aber die Ausnahme“, sagt der 57-Jährige, dessen Großvater im Kino Heusenstamm Stummfilme am Klavier begleitet hatte.

Stenger arbeitete als Bankkaufmann, wollte seinem Hobby aber mehr Platz einräumen. Am 7. Mai 1978 schrieb er an die Gilde deutscher Filmkunsttheater: „Seit zwei Jahren beschäftige ich mich mit Film und Kino, was sich bislang auf den Besuch im Kino erstreckte. Ich möchte mich bei Ihnen engagieren.“ Den Brief zeigt Stenger voller stolz.

Gerhard Köcher, damals Leiter der Ufa-Kinos Olympia, Gloria und Cinema, ließ den 20-Jährigen im Cinema, das heute noch am Roßmarkt existiert, probearbeiten. „Wir bemerkten aber schnell, dass ich besser ins Olympia passe, da liefen die anspruchvolleren Filme“, sagt Stenger. Er arbeitete als Platzanweiser, Kartenverkäufer, Einlasskontrolleur. Dabei hatte er nicht nur Spaß am Film, auch am Publikum. „Ich fand es faszinierend zu beobachten, wie die Zuschauer auf die Filme reagieren“.

Bei der Spitzenklöpplerin im Jahr 1977 weinten viele, „dieses plötzliche Ende, der starre Blick der Protagonistin“, sagt er. Als der RAF-Film „Die dritte Generation“ lief, warfen linke Gruppen Stinkbomben ins Olympia. Bei „Ausgeflippt“ trampelten die Zuschauer mit den Beinen. „Manchmal saßen wir an der Kasse und wussten: Gleich kommt’s.“ Ohnehin saß er gerne an der Kasse, er rätselte dann, welchen Film sich die Leute anschauen würden.

Drei Säle, Alpha, Beta und Gamma, hatten die Olympia-Lichtspiele im Juni 1978, als Stenger seinen Nebenjob begann. Bis zu 300 Menschen konnten zeitgleich Filme anschauten. Das Olympia, erinnert sich Stenger, hatte oft ausverkauftes Haus, obwohl es bis in die 70er Jahre eher ein Schmuddel-Image hatte, immerhin liefen dort Softpornos.

Der Film, sagt Stenger, sei seiner Zeit stets voraus gewesen, auch das fasziniere ihn. Romy Schneider etwa wurde in „Death Watch“ als Sterbenskranke live fürs Fernsehen begleitet, „Facebook pur“, kommentiert Stegner. Seine Begeisterung spricht in jedem Wort. Er kann gar nicht aufhören zu reden, über Filme und Schauspieler, „und wissen Sie, was damals noch toll war am Olympia?“, unterbricht er sich immer wieder selbst.

Toll war auch, als er zu den Filmfestspielen nach Berlin durfte. Oder als die „Rocky Horror Picture Show“ anlief. Den Flyer für die Nachtvorstellungen bastelte er, mit Bildern vom Schallplattencover. Und die Menschen kamen verkleidet, sie schmissen Reis, spritzten mit Wasserpistolen und tröteten in Luftrüssel.

1980 beendete er seinen Nebenjob, die Liebe zog ihn nach Spanien. Auf Heimatbesuch schaute er vorbei im Olympia, seiner zweiten großen Liebe. Dann saß er auch wieder an der Kasse. Deshalb war es ein trauriges Erlebnis, als das Haus ein Jahr nach seiner Rückkehr, im Jahr 2003, abgerissen wurde. „Es war traumatisch, die Ruinen zu sehen, die Löcher, wo einst die Projektoren standen. Heute findet sich dort, wo 90 Jahre lang das Olympia war, der Velvet-Club.

Inzwischen lebt Stenger in Sachsenhausen, mit Blick über den Main hinweg, auf sein Lieblingskino, die Astor Filmlounge. Zu Hause hat er sich ein eigenes kleines Kino eingerichtet, mit einer Leinwand, die von der Decke kommt und einem Vorhang. Interessante Filme schaut er im Astor oder in der Harmonie, auch wenn ihm das Gemeinschaftsgefühl fehlt, heutzutage, „wo Leute selbst auf dem Handy Filme gucken.“ Und doch schätzt er die Digitalisierung: Filme sind permanent verfügbar.

Die Filme von Werner Fassbinder begeistern Stenger. Im Olympia war der Regisseur öfter mal zu Gast. „Seine Filme waren genial“, sagt Stenger, „aber sonst war er ein komischer, unangenehmer Zeitgenosse, der oft dreckig und ungewaschen daherkam und nicht geredet hat.“

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