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Seit 1977 ununterbrochen Wirt im Wasserhäuschen am Berkersheimer Weg: Ratomir Cvorovic.

Wasserhäuschen

FR-Büdchenwettbewerb: Auf Tour zu den Wasserhäuschen

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Mit dem Fahrrad steuert eine Gruppe FR-Leserinnen und -Leser fünf Büdchen im Frankfurter Nordwesten an. 

Was wäre der FR-Büdchenwettbewerb ohne eine Tour für die Leser zu ausgesuchten Kiosken? Eben. Also steigt am Dienstag eine sportliche Gruppe auf die Räder, zu Schandtaten bereit, denn alle wissen, voraus fährt er – der Wasserhäuschenlotse: Hubert Gloss. Es wird eine Fahrt ins Abenteuer.

Doch zuvor gilt es, den Wirt der Startetappe zu würdigen. Ratomir Cvorovic, 75, im Wasserhäuschen neben der Gaststätte „Bergstübl“. Seit 1977 führt er das Kleinstgeschäft am Berkersheimer Weg. Kein Tippfehler. 42 Jahre. „Länger ist kein Büdchenwirt in Frankfurt an einem Ort aktiv“, sagt Lotse Gloss. Cvorovic selbst, einst aus Jugoslawien nach Frankfurt gekommen, arbeitete erst fünf Jahre auf dem Bau und führte dann erst einen Kiosk am Sandweg. „Aber da war es den Nachbarn zu laut“, erzählt er. Am Frankfurter Berg gefiel es ihm besser – bis die abendlichen Supermarktöffnungszeiten das Geschäft verdarben. „Die Umsätze sind viel weniger“, sagt er, „die kleinen Geschäfte gehen kaputt.“

Die Tourteilnehmer interessieren sich für die Büdchen und ihre Lage. Aus Eschersheim ist Uli Scheel gekommen, „Scheel wie der Bundespräsident, nur dass ich besser singe“, ganz aus der Nähe radelt Adam Drosdzol heran, mit dem sich gut über die Eintracht fachsimpeln lässt, aus dem Ostend sind die Eheleute Sybon wieder dabei, obwohl Winfried Sybon gerade eine neue Hüfte bekommen hat. „Ich darf eigentlich noch nicht“, sagt er. Und radelt trotzdem mit wie eine Eins.

Jetzt Ruhe, der Büdchenlotse hält seine Begrüßungsrede. „Radlerwetter“, freut sich Gloss, erntet die verdiente Bestätigung, dass er natürlich für seine 62 sehr jung aussieht, und streift die Wasserhäuschenhistorie: Von einst 800 freistehenden Büdchen gibt es nicht mal mehr 80. „Große Märkte und Geiz-ist-geil-Mentalität machen die Kleinen fertig“, wettert er. „Die Stadt muss sich mehr um ihre Büdchen kümmern. Wo sollen denn die Singles hin und die Leute mit dem Rollator?“

Die Büdchen-Radtour jedenfalls: vorbildlich. „Wir haben eine super Ökobilanz“, sagt Gloss, steigt aufs Rad – weg ist er. Die Gruppe versucht Anschluss zu halten, im Tour-de-France-Tempo geht es an der Bowlingbahn vorbei zum „Windigen Eck“ nach Heddernheim. Da treffen wir Petros Ntankoulis, 18 Jahre lang Inhaber, bis 2015, heute Stammgast. Büdchenkumpel Frank kommt gleich mit der Gruppe ins Gespräch. „Neulich waren hier Leute in Verkleidung, 30 Personen. Ich frag‘: Was macht ihr hier? Ei ja, Flashmob, Linie 11!“ Der Wasserhäuschen-Unterstützerverein. Überall gern gesehen.

Mit Rad am Start: Hubert Gloss (mit Mütze und gelber Weste) und seine Tourteilnehmer beim ersten Büdchen am Frankfurter Berg.

Weiter. Im Praunheimer Brückencafé an der Nidda kocht Gagan Preetmakkar feinen Kaffee für die Gäste. „Büdchen“ wäre hier eine derbe Untertreibung. Seit der Bundesgartenschau 1989 entstand eine Oase mit Grünpflanzen, Tischen, öffentlichen Toiletten und mehreren Tageszeitungen. Sogar eine Fischereierlaubnis kann man sich besorgen.

Überraschung an der vorletzten Station: Das Wasserhäuschen Auf der Insel in Rödelheim hat einen neuen Besitzer. Petru Spiridon hat nach 19 Jahren aufgegeben. „Es war irgendwann zu viel, er hat sein ganzes Herzblut gegeben“, sagt Reza Atyabi, der neue Pächter, der noch ein weiteres Büdchen im Stadtteil führt. „Es war uns wichtig für die Gäste, dass es weitergeht“, versichert er.

Wieder aufs Rad, an der Nidda entlang, letzte Station: der Kiosk an der Ginnheimer Landstraße, der lange leerstand. Da sitzt die Gruppe beim (alkoholfreien) Bier zusammen und Gloss erzählt aus seinem Leben. Wie er einst Punks fotografierte, Postkartenmotive, dann Wasserhäuschen, wie er zum Büdchenlotsen wurde. „Ich bin Seemann, ich singe im Eschersheimer Shantychor“, sagt er, „also bin ich Lotse.“

Die Radlergruppe strahlt. Teilnehmerin Irene Kokemüller resümiert: „Ich nehme heute mit: Interesse am Wasserhäuschen, was es bedeutet für einsame Menschen, dass es erhaltenswert ist.“ Und deshalb initiiert sie auch direkt eine Unterschriftenliste für den Erhalt der Büdchen. FR-Leserinnen sind halt gute Menschen. Und wer mehr über Hubert Gloss, den Büdchenlotsen, wissen will: www.frankfurter-stadtevents.de

Cassella Eck: Gemütlichkeit unter der Brücke

Aus über 20 Biersorten können die Kunden beim Wasserhäuschen unter der Cassella-Brücke wählen. Am beliebtesten seien Binding, Becks, Licher, Warsteiner und Krombacher, berichtet Besitzer Tzimas. 

Die Familie betreibt das Wasserhäuschen gemeinsam, Vater, Mutter und Sohn teilen sich die langen Dienste jeden Tag von etwa sechs Uhr früh bis abends zehn oder elf. Am meisten los ist abends, wenn der Feierabend für viele Frankfurter beginnt. 

Dann können die Gäste ihre Getränke drinnen in der gemütlichen Stube mit einer Eckbank oder an der Bar genießen – und bei gutem Wetter auch draußen an den Bänken. 

Zum Essen gibt es gemischte Tüten, die schon vorbereitet sind; in der kleinen Variante kosten sie 50 Cent und in der großen einen Euro. Für den kleinen Hunger gibt es außerdem noch belegte Brötchen. 

Drinnen stehen ein Fernseher und ein Spielautomat. Dank des Sky-Abos kommen hier auch Sportbegeisterte auf ihre Kosten. Zudem können die Kunden bei Familie Tzimas Lotto spielen. Gerade Rubbellose seien gefragt, erzählt Tzimas. 

Wegen der hohen Kosten ist es nicht immer einfach, ein Wasserhäuschen zu betreiben. Doch ohne Büdchen wie das Cassella Eck wäre die Gesellschaft noch ein Stück unpersönlicher, meint der Vater. „Sein Bier kann man ja auch zu Hause allein trinken“, sagt Tzimas. Viele der Gäste hier suchen aber Unterhaltung – oder ein offenes Ohr für ihre Probleme. (prvr)

Heinrichs Trinkhalle: Ein Gemeinschaftsprojekt mit Maskottchen

„Wir helfen uns hier gegenseitig“ ist der Satz, der an Heinrichs Trinkhalle am häufigsten fällt. Der Betreiber Naim Yildirim sieht sein Wasserhäuschen daher auch in aller Linie als ein Gemeinschaftsprojekt an. Wasserhäuschen seien „die letzte Bastion gegen die Einsamkeit in der heutigen Zeit“, sagt er. Dass es hier auch zahlreiche Biersorten, gemischte Tüten, Eis, Kaffee und vieles mehr gibt, ist fast zweitrangig. Die Kundschaft kennt sich – und unterstützt einander: ob beim Umzug oder der Bedienung von Whatsapp. 

Mit dieser Unterstützung gelang es Yildirim auch, seinen sechs Monate dauernden Streit mit den Baubehörden im vergangenen Jahr erfolgreich durchzustehen. Für dieses Jahr plant er, seine Holzterrasse zu renovieren – die Gäste helfen an ihren freien Wochenenden dabei gerne mit. Yildirim veranstaltet auch zweimal pro Jahr ein Nachbarschaftsfest mit Livemusik. „Hier gibt es ja sonst fast nichts“, sagt er. Deswegen verkauft Yildirim an Sonntagen auch Brötchen – und an Feiertagen Eier und Milch. 

Seit sieben Jahren arbeitet er von acht bis 21 Uhr außer dienstags in seinem Wasserhäuschen. Nur wenn Kinder kommen, wird Yildirim streng. Dann müssen sich die erwachsenen Gäste gedulden: „Kinder haben Vorrang.“

Bei schlechtem Wetter oder zum Fußballgucken können die Gäste ins Hinterzimmer kommen. Außerdem hat Heinrichs Trinkhalle einen besonderen Stammgast: Rabe Rüdiger. Das Maskottchen frisst Yildirim inzwischen aus der Hand. (prvr)

Am Markuskrankenhaus: Nach der Nachtschicht ein Bier

Seit siebzehn Jahren steht Vassileki Konstandinidu nun schon hinter der Ladentheke ihres Wasserhäuschens. Jeden Tag von 6 Uhr in der Früh bis abends um 22 Uhr. Im Sommer, wenn viele Gäste da sind, verlängert sie ihre Öffnungszeiten auch schon mal ein wenig, damit alle in Ruhe ihr Bier austrinken können.

Beim Wasserhäuschen am Markuskrankenhaus gibt es Bier der Brauerei Radeberger. Am meisten gekauft werde die Sorte Römer-Pils, berichtet die Besitzerin. Für die warme Jahreszeit baut Konstandinidu auch vor der Trinkhalle noch ein paar Bänke und Sonnenschirme auf, damit die Kunden gemütlich sitzen können. 

Das Angebot des Wasserhäuschens ist umfangreich: Eis, Wein, Chips, Cola, Zigaretten – und die beliebte gemischte Tüte. Als Zutaten dafür sind besonders Cola-Kracher und Saure Zungen gefragt. Außerdem nimmt Frau Konstandinidu auch DHL-Pakete entgegen. Einer der Kunden empfiehlt vor allem den Kaffee: „Der schmeckt gut“, sagt er. Und wenn sich die Besitzerin selbst etwas aus dem bunten Angebot auswählen dürfte, würde sie wohl zu Schokolade greifen, gesteht sie. Bei ihren Stammkunden ist Frau Konstandinidu beliebt. Die meisten kennen sich. Sie kommen, um sich miteinander zu unterhalten – und mit der Besitzerin. 

Und da das Krankenhaus gleich gegenüber der Trinkhalle liegt, gehören auch einige der Mitarbeitenden zu ihren Gästen. Sie lassen ihre Nachtschicht oft entspannt bei einem kühlen Getränk am Wasserhäuschen ausklingen. (prvr)

Snack FM: Seriensieger aus Seckbach

Snack FM ist so etwas wie der FC Bayern München der Frankfurter Wasserhäuschen. Das wird Pierre Skolik zwar nicht besonders gerne lesen, denn der emsige Betreiber des Kiosks in Seckbach ist Eintracht-Fan durch und durch – ebenso wie alle seine Kunden, inklusive der zahlreichen Hunde, für die es eine eigene Hunde-Bar gibt. Aber Snack FM an der Eschweger Straße ist nun einmal Seriensieger im Wettbewerb der Frankfurter Rundschau um Frankfurts schönstes Wasserhäuschen – wie der FC Bayern in der Fußballbundesliga. 2014 und 2016 ging der Titel an das Büdchen an der Bushaltestelle Eschweger Straße. Dann durfte Snack FM erst mal nicht teilnehmen, da der Vorjahressieger traditionell nicht mitmachen darf. 

Skolik freute sich jedenfalls riesig, als er am Dienstag erfuhr, dass es sein Wasserhäuschen wieder in die Endauswahl geschafft hat. An Bekanntheit hat Snack FM in den vergangenen Jahren allemal gewonnen. Mehrere Videoclips wurden an der Bude gedreht. Einer ist etwa im Historischen Museum zu sehen und handelt von der Wasserhäuschenkultur. Der Wasserhäuschenkultur, bitte, nicht etwa der Trinkhallenkultur. Diesen Begriff mag Skolik nicht besonders gerne, weil er für ihn heruntergekommen und abwertend klingt. 

Am Angebot von Snack FM hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Es gibt das klassische Wasserhäuschensortiment, erweitert um Backwaren aller Art. (geo)

Matthias-Beltz-Platz: Gudes für die Gemeinschaft

Sehr gut aussehende Menschen jedes Alters sitzen hier auf bunten Stühlen und Bänken über den Matthias-Beltz-Platz verteilt in der Sonne und trinken Bier, Äppler und Kaffee. Vergleichsweise günstig gibt es das im Wasserhäuschen „Gudes“. Bei seiner Getränkeauswahl setzt Betreiber Felix Wegener neben Binding Bier, auf lokale Anbieter und junge Unternehmen. Im Fenster stehen Bio-Zisch und im Gerippten wird der eigens gekälterte Äppler„Teufelszeug“ serviert. Gemeinschaft sei ihm wichtiger als Geld, sagt Felix, wie er hier ständig gerufen und gegrüßt wird. 

Seit 2013 führt er das „Gudes“, bis letztes Jahr zusammen mit einem Freund, der sich nun neuen Aufgaben zugewandt hat. Gemeinsam wollten sie die ursprüngliche Idee der Wasserhäuschen wiederbeleben – einen Treffpunkt in der Nachbarschaft, an dem die Leute miteinander statt nur aneinander vorbei leben. Willkommen ist jeder. 

Es hätten schon Hochzeitsfeiern stattgefunden, weil das Brautpaar sich hier zum ersten Mal getroffen habe, erzählt Wegener beiläufig, während eine andere Büdchen Bekanntschaft ihn um einem Restaurant Tipp bittet. Der bewegendste Moment sei für den 31-Jährigen aber gewesen, als eine mittlerweile verstorbene, damals 84-jährigeAnwohnerin ihm sagte: „So schön wie jetzt war es hier noch nie“. Als Berecheicherung für Frankfurt empfanden auch unsere Leser das „Gudes“, weshalb es bereits 2016 den Titel dieses Wettbewerbs gewann. Was seit dem passiert ist? „Es ist mehr los hier“, sagt Felix. (prpd)

Holbeinstraße: Der Kunde ist Kind

„Was kann ich mir alles für 1,20 Euro kaufen?“ So oder so ähnlich lautet etwa jede zweite Frage beim Wasserhäuschen an der Holbeinstraße in Sachsenhausen. Denn die meisten Kunden sind Kinder. 

Die Besitzerin Elif Kalkan zählt geduldig mögliche Optionen auf. Am Ende soll es dann doch eine gemischte Tüte sein. Zwei Saure Schlangen, zwei Cola-Kracher, drei Mäuse und vier Erdbeeren. Elif steckt die gewünschten Süßigkeiten in eine weiße, dreieckige Tüte. Elif, nicht Kalkan – man duzt sich hier. 

Neben der großen Auswahl an Süßigkeiten bekommt man bei der 45-Jährigen Zigaretten sowie alkoholische und alkoholfreie Getränke. Seit fünf Jahren führt Elif das Häuschen auf dem begrünten Mittelstreifen in der Holbeinstraße. Bei gutem Wetter wird der Außenbereich mit Stehtischen und Sonnenschirm daneben gerne genutzt. 

Eigentlich ist Elif immer da. Offizielle Öffnungszeiten gibt es nicht. Ihr Wasserhäuschen ist gut besucht. Das liegt vor allem an Elif selbst, die jeden persönlich begrüßt. „Die Kunden kommen extra hierher. Um mich zu unterstützen.“ 

Und das sind vor allem Kinder. Aber auch Studierende oder solche, die den Feierabend mit einem kühlen Bier ausklingen lassen, sowie Obdachlose. „Ich arbeite sehr gerne hier. Wegen der tollen Kunden“, erzählt sie. Man kennt sich, man nimmt am Leben der anderen Anteil. Und wenn auch das nicht mehr hilft, dann vielleicht eine gemischte Tüte. (prch)

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