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Totschlag-Verdacht gegen Polizisten in Frankfurt

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Von: Oliver Teutsch

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2. August 2022, Bahnhofsviertel in Frankfurt: Bei einem SEK-Einsatz in einem Hotel wird ein Mann tödlich verletzt.
2. August 2022, Bahnhofsviertel in Frankfurt: Bei einem SEK-Einsatz in einem Hotel wird ein Mann tödlich verletzt. © dpa

Nach dem Einsatz im Bahnhofsviertel wird gegen einen Beamten ermittelt, der sechsmal geschossen hatte. Insider kritisiert Einsatz und auch Leitung des neu struktiurierten „SEK Süd“.

Zwei Wochen nach einem tödlichen Einsatz im Frankfurter Bahnhofsviertel sind weitere Details bekannt geworden. So werde gegen einen der beteiligten Beamten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) wegen Verdachts auf Totschlag ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft Frankfurt auf FR-Anfrage mit. Der Beamte soll demnach aus seiner Dienstwaffe sechsmal auf den 23-Jährigen geschossen haben. Vier Projektile trafen ihn im Bereich des linken Unterarms und des Oberkörpers, ein Schuss traf in den Kopf, wodurch der Mann zu Boden gegangen und noch am Tatort verstorben sei.

Unterdessen hat sich auch ein mutmaßlicher Insider bei der FR gemeldet und Kritik sowohl an diesem Einsatz als auch generell an der Führung der neu formierten Frankfurter SEK-Einheit geäußert.

Der tödliche Vorfall hatte sich am 2. August in einem Hotel in der Moselstraße ereignet. Ein Hotelgast hatte sich zwei Prostituierte bestellt und diese mit einem Messer bedroht, als sie seinen Wünschen nicht nachkommen wollten. Die Frauen brachten sich in Sicherheit und verständigten die Polizei.

Da sie meinten, bei dem Mann eine Schusswaffe gesehen zu haben, rückte das SEK an, wie in solchen Fällen üblich. Die Spezialkräfte, so berichtet es die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage, hätten sich dazu entschieden, die Tür des Hotelzimmers mit einer Ramme zu öffnen und einen Diensthund vorzuschicken, um keinen Beamten zu gefährden.

Dies sei eine falsche und unübliche Entscheidung gewesen, kritisiert der Insider. Der Aggressor sei zu dem Zeitpunkt alleine in dem Hotelzimmer gewesen. In solchen Lagen sei es üblich, den Einsatzort abzuriegeln, den Täter zu umstellen und zu verhandeln, um ihn zur Aufgabe zu bewegen, so der Insider, der angibt, selbst Polizeibeamter zu sein.

Es habe „überhaupt keine Notwendigkeit“ bestanden, einen Polizeihund auf den 23-Jährigen zu hetzen „und die Lage so vollkommen unnötig zu eskalieren.“ Es habe jedem Beteiligten vollkommen klar sein müssen, dass ein Mann, auf den ein Hund gehetzt wird, sich wehren würde. Es sei auch bekannt gewesen, dass der 23-Jährige ein Messer im Zimmer hatte, so der Insider.

Laut Staatsanwaltschaft soll der später Verstorbene mit dem Messer mehrfach auf den Hund eingestochen haben und dann trotz Aufforderung, sich nicht zu bewegen, zu einer Stichbewegung gegen die Beamten ausgeholt haben. Danach sei es zum Schusswaffeneinsatz gekommen. Im Hotelzimmer seien neben dem Messer noch zwei Schusswaffenimitationen sichergestellt worden: Ein Feuerzeug und eine Spielzeugpistole, so die Staatsanwaltschaft.

Die Kritik des Insiders richtet sich nicht nur gegen den Einsatz in der Moselstraße. Schon ein SEK-Einsatz Anfang Mai in Langen sei schiefgelaufen. Da war ein Suizident vom Dach eines sechsstöckigen Mehrfamilienhauses gesprungen, nachdem ihn das SEK dort „hingetrieben“ habe, kritisiert der Insider. Die Kritik des anonymen Schreibers richtet sich generell gegen das neue SEK Süd. Seit der Neustrukturierung fehle es der in Frankfurt stationierten Einheit an Erfahrung, da dort derzeit sehr viele junge Beamte Dienst täten. Das SEK sei seit einem Jahr „nicht mehr professionell einsatzfähig“, so der Insider

Innenminister Peter Beuth (CDU) hatte das vormalige SEK Frankfurt im Juni vergangenen Jahres aufgelöst, nachdem gegen 18 dortige Beamte wegen Chats ermittelt wurde, die teils volksverhetzend und nationalsozialistisch waren. Beuth hatte einen grundlegenden organisatorischen Umbau angekündigt.

Als erste Maßnahme war die Einheit künftig organisatorisch dem Präsidium der hessischen Bereitschaftspolizei in Wiesbaden unterstellt worden. Der Sonderbeauftragte für die Neustrukturierung war der damalige Präsident des Polizeipräsidiums Westhessens und heutige Polizeipräsident in Frankfurt, Stefan Müller.

Seit September 2021 ist in Frankfurt wieder ein Spezialeinsatzkommando stationiert, das nun offiziell „SEK Süd“ heißt. Insbesondere die Leitung des vormaligen SEK war fast vollständig ausgetauscht worden.

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