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Der Frankfurter Hauptbahnhof.

Frankfurt

Todesangst in der Gewahrsamszelle

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Opfer von Polizeigewalt sagt im Zeugenstand aus, wirkt aber nicht immer ganz glaubwürdig.

Anthony B. berichtet von „Todesangst“, die er in der Zelle gehabt habe. „Ich wollte nur überleben“, sagt der 24-Jährige am Montag im Zeugenstand vor dem Landgericht. Seit jenem Abend im Frankfurter Hauptbahnhof habe er auch häufig Albträume. Dafür verantwortlich sein sollen jene acht Bundespolizisten, die mit B. am Abend des 6. Dezember 2017 aneinandergerieten. B. hatte nach eigenem Bekunden seine damalige Freundin mit einem Leihfahrzeug nach Griesheim gebracht, das Fahrzeug dann am Hauptbahnhof abgestellt und wollte mit der U-Bahn nach Hause fahren.

In der B-Ebene wurde er von drei Bundespolizisten kontrolliert. Über das, was dann passierte, gehen die Aussagen der Beamten und des Opfers weit auseinander. B. berichtet, er sei gleich recht ruppig angegangen worden. Er habe einen der Beamten leicht weggeschubst, dann sei er zu Boden gebracht, getreten und geschlagen worden. Dabei sei auf einmal auch ein Messer aufgetaucht, das er noch nie gesehen habe und nicht ihm gehöre. Doch da hat der Vorsitzende Richter Thomas Striegl erste Zweifel: „Wie kommt ihre DNA an das Messer?“

In einer kleinen Tasche, die B. dabei hatte, finden die Beamten 10,2 Gramm Marihuana. „Eigenbedarf“, sagt B. Zu den kleinen Verpackungstütchen, die sich ebenfalls bei ihm finden, will er lieber nichts sagen, um sich nicht selbst zu belasten. In Handschellen wird B. auf die Wache im Hauptbahnhof gebracht. In einem Vorraum bezieht er nach eigenen Angaben erneut Schläge und Tritte von mehreren Beamten, während er bereits am Boden liegt. Von da an hat er Schmerzen in der rechten Seite. In der Uniklinik werden Stunden später zwei Rippenbrüche, ein Lungenriss und ein Muskelfaserriss im Arm festgestellt. Doch bis es so weit ist, muss B. noch einige Stunden Schmerz und Pein ertragen.

B. empfindet Erniedrigung

Angeklagt sind die Bundespolizisten nicht wegen der Schläge und Tritte, die den einzelnen Beamten schwer zuzuordnen sind. Angeklagt sind sie wegen dem, was folgt: B. kommt in eine Gewahrsamszelle. Er muss sich splitternackt ausziehen und so trotz großer Schmerzen mehr als zwei Stunden ausharren. „Die ganze Zeit nur Schikane“, sagt B. Die Beamten hatten ausgesagt, dem jungen Mann mehrfach einen Arzt angeboten zu haben. Das verneint der heute 24-Jährige, räumt aber ein, er habe auch nicht nach einem Arzt verlangt. Dass ihm kalt war und er wegen seiner Nacktheit „Erniedrigung“ empfunden habe, erzählt er erst auf Nachfrage. Die Schmerzen hätten alles überwogen. Und die Angst, weil er nicht wusste, was mit ihm weiter passieren werde.

Die Bundespolizisten, von denen einer aus dem Dienst entlassen ist, müssen sich wegen gemeinschaftlicher Nötigung und unterlassener Hilfeleistung verantworten. Denn in die Uniklinik begibt sich B. selbst, nachdem er aus der Wache entlassen wird. Der Prozess wird fortgesetzt.

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