+
Als ob er das geschrieben hätte: Hürtgen schmückt sich gern mit fremden (Edel-)Federn.

Titanic-Chefredakteur

„Ich rechne jeden Tag mit meiner Absetzung“

  • schließen

Sein Studium hat er nicht geschafft, dafür aber die Chefredaktion des Satiremagazins Titanic übernommen. Moritz Hürtgen macht sich gerne über die Schwächsten in unserer Gesellschaft lustig: Journalisten. Darüber müssen wir reden …

Herr Hürtgen, aus verlässlicher Quelle haben wir erfahren, dass Sie voll arrogant geworden sind, seit Sie mit Blasebalg-Leaks den „Focus“ genarrt haben …
Ja, das stimmt. Also noch arroganter als vorher. Ich meine, das war der dritte Coup in einem Jahr. Da kann man es sich nicht mehr leisten, am Boden zu bleiben.

Dann sind Sie vermutlich auch noch stolz drauf, dass Sie das Werk der Rechtspopulisten verrichten, indem Sie uns Journalisten delegitimieren, oder?
Na klar. Den Journalisten, die rechts eh schon gut ankommen, denen helfe ich mit noch besseren Storys aus. Und davon profitieren dann alle rechts der Mitte.

Das ist doch nicht fair! Bloß weil man mal die Sorgfaltspflichten des Berufs außer Acht gelassen hat …
Ja, natürlich ist das nicht gerecht. Wir spielen mit Mitteln, die vor 20 Jahren fair gewesen wären, und heute, wo so viel zu tun ist für jeden Journalisten, ist das nicht mehr gerecht. Die haben ja keine Zeit mehr, so etwas zu prüfen. Und das nutzen wir schamlos aus. Ohne schlechtes Gewissen.

Aber heute kann doch jeder Journalisten vorführen. Das ist doch keine Kunst mehr …
Ja, eigentlich muss man nur auf Twitter sein. Da kann man Journalisten direkt ansprechen. Und die Antworten ja auf jeden Unfug. Das ist heute schon sehr einfach.

Und damit haben Sie es Anfang des Jahres zum Chefredakteur der „Titanic“ gebracht. Sagen Sie mal, was ist das überhaupt für ein Name? Hürtgen? Klingt wie irgendetwas, das sich Hape Kerkeling ausgedacht haben könnte …
Mein Familie kommt aus dem Rheinland. Da gibt es einen Wald, der so heißt. Wenn man das googelt, also wenn ich mich aus Eitelkeit, um zu sehen, wo ich überall erwähnt werde, selbst google, dann finde ich nur Amerikaner, die über den Zweiten Weltkrieg schreiben. Weil es in diesem Wald wohl eine ganz schlimme Schlacht gab: The Battle of Hürtgen Forest.

Der Name kommt aus dem Wald, der Krieg spielt eine Rolle. Sie lesen doch bestimmt gerne Ernst Jünger ...
Nein. So weit bin ich noch nicht. Ich glaube, da brauche ich noch zehn Jahre, bis ich das genießen kann. Ich habe jetzt überlegt – weil ich das, glaube ich, bei Ulf Poschardt, dem Chefredakteur der „Welt“, gesehen habe –, mal mit den italienischen Futuristen anzufangen. Um den charmanten Weg in den Faschismus zu finden.

Werden Sie mal nicht politisch! Bleiben wir beim Nachnamen. Damit könnten Sie doch mal etwas Lustiges machen. Schon mal an Witze über Nachnamen gedacht?
Ja, ich hatte mal bei Facebook eine Zeit, da habe ich – wie jeder es schon gemacht hat – viel Mittagsessenbilder und so etwas gepostet. Da hieß ich dann Hartgönn – wie in „sich hart gönnen“. Die unbeschwerten Zeiten in den sozialen Medien sind aber vorbei. Und daher sind auch Nachnamenswitze passé.

Aber wissen Sie, die Bundesvorsitzende der CDU heißt Kramp-Karrenbauer …
Ja, ein Doppelname. Das ist total peinlich. Wir hatten jetzt am Wochenende mit ein paar Cartoonisten aus dem „Titanic“-Umfeld eine Kölner Cartoon-Sitzung. Und da plane ich als Zeichen für die Kunstfreiheit, diesen beschissenen Witz von Bernd Stelter vier- oder fünfmal zu wiederholen.

Satire macht ja auch keinen Spaß mehr. Man kann sich nicht mal mehr über Frauen lustig machen, ohne dass die sich dagegen wehren …
Das stimmt. Das Problem ist, das mittlerweile auch Frauen in der „Titanic“-Redaktion vorhanden sind. Waren sie schon immer, aber irgendwie werden es immer mehr. Die machen uns hier immer mehr Ärger.

Für eine Chefredakteurin hat es bislang dennoch nicht gereicht …
Warten Sie es ab. Ich rechne jeden Tag mit meiner Absetzung. Ich spüre schon, wie die an meinem Stuhl sägen. Aber ich bin dann auch froh, wenn es vorbei ist.

Dabei legen Sie ja mit Vorliebe Männer rein. Letztes Jahr zum Beispiel den Mann des deutschen Journalismus überhaupt. „Bild“-Chef Julian Reichelt. Ist der in Wirklichkeit eigentlich auch so männlich wie auf Twitter?
Ich habe ihn ja leider bei Miomio-Gate gar nicht persönlich getroffen. Ich habe nur über ein paar Ecken gehört, wie das gelaufen ist. Es war ja schon er, der dieses Thema durchgedrückt hat. Aber zur Frage: Nach allem, was man so hört, ist er schon sehr männlich. Er hat ein Feldbett im Büro. Er raucht im Büro. Probieren Sie das mal bei „Titanic“, da hauen Ihnen die jungen Kolleginnen und Kollegen den Kopf ein. Und er zeigt ja auch oft sein Brusthaar. Als er neulich diesen Negativpreis – die Goldene Kartoffel – entgegengenommen hat, hatte er das Hemd doch bis zum Bauchansatz offen.

Aber Sie sind nicht in persönlichem Kontakt mit ihm?
Nein, das erledigen wir über Mittelsmänner. Ich weiß auch nicht, ob das noch was wird. Ich glaube, wir haben es uns bei ihm verschissen.

Bedauern Sie das?
Nein. Wir bedauern bei der „Titanic“ grundsätzlich nichts.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Reichelt durchaus Angst vor Ihnen hat. Sie haben ja auch ein Gedicht veröffentlicht, in dem Sie den ehemaligen Leibwächter Osama bin Ladens dazu auffordern, ein Flugzeug ins Springer-Hochhaus zu lenken. Das fand er nicht wirklich lustig …
Ja, aber das war nur ein Gedicht. Wir hatten zwischenzeitlich auch überlegt, das Gedicht ans Springer-Hochhaus zu projizieren. Das ist letztlich an der Technik gescheitert. Aber ich glaube schon, dass sie bei Springer Angst vor der „Titanic“ haben.

Vielleicht aus gutem Grund. Unsere Quellen berichten uns, dass Sie Ihren Vorgänger als Chefredakteur, Tim Wolff, aus dem Amt gemobbt haben …
Ja, auch das stimmt. Der Chefredakteur bei „Titanic“ muss ja alle fünf Jahre wechseln. Das ist Usus. Und Tim Wolff musste noch drei Monate länger bleiben. Er ist damit der Chefredakteur, der am längsten im Amt war. Das habe ich mir so ausgedacht. Das Motiv dahinter war, ihn komplett mürbe zu machen und auf alle Zeiten zu zerstören. Mit den ehemaligen Chefredakteuren ist das ja so eine Sache. Die sind ja immer noch irgendwie im Umkreis und nerven herum. Deshalb wollte ich, dass mein direkter Vorgänger erst einmal in irgendeine Form von Behandlung muss.

Welcher Vorgänger nervt am meisten? Martin Sonneborn? Leo Fischer?
Der Politiker Sonneborn.

Sind Sie Mitglied in der Partei „Die Partei“?
Ja, ich zahle aber keine Mitgliedsbeiträge.

Sie haben ja jetzt schon hier in der Chefredaktion geübt. Dann könnten Sie auch Sonneborn kleinkriegen ...
Nein, der Mann ist mit allen Wassern gewaschen. Was der in den letzten fünf Jahren in Brüssel gelernt hat, das hat ihn gestählt. Der ist nicht mal mehr mit rechtsstaatlichen Mitteln zu kriegen. Deshalb müssen wir uns gut mit ihm stellen.

Zum Schluss: Sie haben den „Focus“ reingelegt, die „Bild“, die „Junge Freiheit“. Was bleibt Ihnen da noch?
Logisch wäre ja die „Welt“. Aber das liest ja keiner, wenn da eine Falschmeldung drin steht, in diesem Flugzeugblatt. Tim Wolff hat, glaube ich, gesagt: Die „Welt“ ist die Zeitung, die man im Flugzeug nimmt, um darauf eine richtige Zeitung abzulegen. Von daher wird es wahrscheinlich noch mal die „Bild“.

Hürtgens tolldreiste Streiche

Moritz Hürtgen (30) hatte es zugegebenermaßen nicht leicht im Leben, denn er musste in der Nähe von München aufwachsen. Als Studien-abbrecher hatte er 2013 keine andere Wahl, als beim Frankfurter Satire-magazin „Titanic“ anzuheuern. Nach fast sechs Jahren als einfacher Redakteur mobbte er seinen Vorgänger Tim Wolff aus dem Amt und wurde so Anfang 2019 zum Chefredakteur.

Mit drei Coups machte Moritz Hürtgen 2018 Schlagzeilen. Beziehungsweise ließ sie machen – von seinen Opfern. Unschuldigen Journalisten.

Miomio-Gate: Im Februar 2018 veröffentlichte die „Bild“-Zeitung einen vermeintlich „brisanten“ E-Mail-Austausch zwischen Juso-Chef Kevin Kühnert und einem russischen Hacker, der Kühnert anbot, seine Kampagne gegen die große Koalition zu unterstützen. „Bild“ bastelte daraus die Titelgeschichte „Neue Schmutzkampagne bei der SPD“ – und verwies erst ganz am Ende des dazugehörigen Artikels auf Bedenken bezüglich der Echtheit der E-Mails. Die Jusos sprachen sogleich von einer plumpen Fälschung. Ein Vorwurf, den die „Titanic“-Redakteure, aus deren Federn die E-Mails stammten, direkt zurückwiesen. Es hätten mindestens drei Stunden Arbeit darin gesteckt. Der Fall wurde als Miomio-Gate bekannt, weil sich in dem gefälschten E-Mail-Verkehr Kühnert nach dem Lieblingsgetränk des russischen Hackers erkundigte. Die Antwort: Mio Mio Mate Ginger.

HR-Tagesgeschehen hieß der vermeintlich vom Hessischen Rundfunk betriebene Twitter-Account, der im Juni 2018 unter Berufung auf vertrauliche E-Mails des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier verkündete, dass die CDU plane, bereits zur nächsten Bundestagswahl mit einem eigenen Ableger in Bayern anzutreten und sich damit in direkte Konkurrenz zur Schwesterpartei CSU zu begeben. War natürlich nur ein „Titanic“-Fake. Aber „Bild“, „Focus“, n-tv und einige Nachrichtenagenturen hatten längst ihre Eilmeldungen rausgehauen, als dies bekanntwurde.

Blasebalg-Leak: Die Nachricht platzt mitten in die Debatte um Feinstaubwerte, Diesel und Fahrverbote. Linksradikale haben laut „Focus-Online“ angeblich auf „Indymedia“ eine Anleitung zur Manipulation von Feinstaub-Messstationen veröffentlich. Zu sehen sei, wie ein maskierter Mann mittels eines Blasebalgs Abgase aus dem Auspuff eines Wagens sammelt, um sie dann direkt an der Station auszupumpen und so die Messwerte zu manipulieren. „Focus“ glaubt es, die rechte Wochenpostille „Junge Freiheit“ glaubt es, und der versehentlich konservativ gewordene „Spiegel“- Kolumnist Jan Fleischhauer glaubt es auch. Aber natürlich steckt unter der Maske einmal mehr Moritz Hürtgen. dmj

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare