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Der Architekt und sein Stuhl: Prof. Dr.-Ing. Till Behrens hat nicht nur den Kreuzschwinger entwickelt, sondern auch das Konzept des Frankfurter Grüngürtels.
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Der Architekt und sein Stuhl: Prof. Dr.-Ing. Till Behrens hat nicht nur den Kreuzschwinger entwickelt, sondern auch das Konzept des Frankfurter Grüngürtels.

Zum 90. Geburtstag von Till Behrens

Kritik an Stadtpolitik: „Den Grüngürtel in Frankfurt hat man kaputt gemacht“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Architekt Till Behrens, der sich als Vater des Grüngürtels sieht, feiert am Samstag 90. Geburtstag. Von der Stadt sieht er sich um seine Urheberschaft gebracht.

Frankfurt - Elegant schmiegt sich das Haus an den abfallenden Hang, große Panoramascheiben öffnen den Blick über die von alten Obstbäumen eingefasste Wiese. Im Hintergrund ist der Lauf der Nidda zu erahnen. Der Mann, der den Bau vor mehr als 50 Jahren entwarf, tritt auf die Terrasse, hochgewachsen und schlank, in schwarzer Hose und mit schwarzem Hemd. „In meinem Garten sollte ein Wohnhochhaus mit 22 Geschossen errichtet werden“, sagt Till Behrens mit gewissem Ingrimm, „das haben wir zum Glück verhindert.“ Der Planer und Architekt formulierte 1970/71 ein Konzept unter dem Arbeitstitel „Dritter Grüngürtel mit grüner Mainuferspange, Randbebauung und Verkehrsbündelung“. Am Samstag (02.10.2021) feiert der Mann, der sich als Vater des Frankfurter Grüngürtels sieht, seinen 90. Geburtstag.

Freilich: In friedlicher und aufgeräumter Stimmung geschieht das nicht gerade. Denn Behrens, dessen Entwürfe weltweit reüssierten, der eine Betonkirche in Argentinien baute, aber auch gerühmte Sitzmöbel verwirklichte, sieht sich von der Stadt Frankfurt um seine Urheberschaft am Grüngürtel gebracht. Er wirft der Kommune „Riesenfälschung“ vor: Sie betrüge die Bürger. Tatsächlich datiert Frankfurt die Geburtsstunde des Grüngürtels auf das Jahr 1990, als die damalige rot-grüne Römer-Koalition den Beschluss fasste, eine zusammenhängende Zone von Grünflächen rund um die Stadt unter Schutz zu stellen.

Grüngürtel in Frankfurt: Ursprüngliche Ideen gingen weit über heutigen Stand hinaus

Während meines gesamten Besuches in seinem Zuhause bleibt der Architekt stehen, tigert durch sein Wohnzimmer, so sehr arbeitet es in ihm. Die Stadt ignoriere nicht nur, dass von ihm der Plan für den Grüngürtel stamme, sie verschweige auch, dass viele Bürgerinnen und Bürger von 1971 an im Frankfurter Forum für Stadtentwicklung für diese Konzeption kämpften. Tatsächlich gingen die Ideen, die der Planer vor 50 Jahren vorlegte, über das hinaus, was bis heute verwirklicht ist. Behrens wollte nicht nur das Grün schützen, sondern bereits damals den Individualverkehr zurückdrängen. Er schlug vor, die Mainuferstraßen stillzulegen. Autos und Lastwagen sollten stattdessen über einen neuen „Mittleren Ring“ rund um die Stadt gebündelt werden, ja sogar Eisenbahnstrecken wollte er mit einer Straße überbauen, um so Grün zu schonen.

Im Frühjahr 1980 legte er eine „Museumsuferschrift“ vor: Sie skizzierte eine Kette von Museumsbauten am Sachsenhäuser Flusssaum, wie sie dann später unter der Ägide von Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) verwirklicht wurde. „Es ist ein gravierender Fehler, dass über den Schaumainkai noch immer der Verkehr rollt“, kritisiert der Architekt. Und poltert gleich weiter: „Den Grüngürtel hat man kaputt gemacht!“ So sei der Bau der neuen Nordwestlandebahn des Rhein-Main-Flughafens ein großer Fehler gewesen: „Aber die Macht des Flughafens ist nun mal zu groß, und so wird der Stadtwald mit Kerosin bestäubt.“

Architekt Till Behrens über mehr Grün in Frankfurt: Osthafen müsste Wohngebiet werden

Sein Gegenvorschlag: Ausbau des Flughafens Hahn im Hunsrück und Anbindung an Frankfurt über eine Schnellbahn. Auch dass Grünfläche wie das Hilgenfeld jetzt für Wohnungsbau geopfert werde, lasse sich vermeiden. Der Rat von Behrens: Wohnungen auf ungenutzter Industriefläche im Frankfurter Osten errichten und nach und nach den Osthafen zum Wohngebiet umwidmen.

Während der Architekt den Wohnzimmertisch gemessenen Schrittes umkreist, sitze ich wunderbar bequem auf einem metallenen Kreuzschwinger. Dieses Möbel hat Till Behrens berühmt gemacht. 1960 entwickelte er den ersten Prototyp: einen Stuhl aus Metall, der ohne Mechanik frei vor- und zurückschwingen kann, je nach Belastung. In dieser Idee vereinen sich gleichsam die Talente seines Großvaters und Vaters.

90. Geburtstag von Grüngürtel-Initiator Till Behrens: „Ich war immer ökologisch orientiert“

Denn der Großvater war der legendäre Architekt Peter Behrens, großer Repräsentant der sachlichen Architektur, aber auch des Industriedesigns. Nach seinem Entwurf entstand in den 1920er Jahren etwa das Verwaltungsgebäude der Hoechst AG in Frankfurt. Behrens’ Vater war der Tüftler und Erfinder Josef Behrens, der zum Beispiel das Prinzip der Rückprojektion im Film erfand und es sich 1918 patentieren ließ. Von seinem Großvater distanziert sich Till Behrens mit einem Satz: „Peter Behrens machte Kunst, ich mache ästhetische Brauchbarkeit.“

Zur Person

Till Behrens wurde am 2. Oktober 1931 im Stadtteil Wannsee in Berlin geboren. Er ist der Sohn des Erfinders und Ingenieurs Josef Behrens und der Enkel des Architekten Peter Behrens.

1970/71 legte er ein Konzept für einen Grüngürtel in Frankfurt vor, zu dem auch die Bündelung des Individualverkehrs auf einer Ringstraße gehörte.

Er war Mitbegründer des Frankfurter Forums für Stadtentwicklung, das eine stärkere Mitbestimmung der Menschen an der Stadtplanung forderte.

Der Plan für ein Museumsufer in Sachsenhausen entstand 1980. Darauf berief sich dann der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD).

Im Möbeldesign machte sich der Architekt weltweit einen Namen durch den metallenen Kreuzschwinger, ein Sitzmöbel, das flexibel mit Belastung umgeht.

Im Wohnungsbau schuf er sparsame Holz- und Do-it-yourself-Konzepte, er verwirklichte aber auch Betonbauten wie etwa eine Kirche in Argentinien.

Er unterrichtete an den Hochschulen von Stuttgart, Kassel, Wiesbaden und Offenbach. jg

Till Behrens musste bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Schule verlassen, musste früh arbeiten und Geld für die Familie verdienen. So begann er eine Lehre bei Siemens als Elektromechaniker, ging aber auch als Hilfsarbeiter auf den Bau. In dieser Zeit lernte er Stahl und Beton schätzen. An beiden Materialien gefiel ihm die Flexibilität. Dank Mittlerer Reife und abgeschlossener Lehre konnte er Architektur studieren. Bald entstanden die ersten Entwürfe für Betonbauten. Im argentinischen Villa General Belgrano verwirklichte er eine Kirche aus Beton mit ausgegliedertem Turm, auf die er noch heute stolz ist: „Ein schöner Auftrag.“

Um rasch preiswerte Wohnungen zu schaffen, entstand ein Maisonette-Bausystem, das sich vergrößern und verkleinern lässt. Schon früh entwickelte der Architekt auch sparsame Do-it-yourself-Bauten aus Holz: „Ich war immer ökologisch orientiert.“

Geburtsstunde des Grüngürtels in Frankfurt: „Per Rad durchs Grün rund um die große Stadt“

Behrens kocht Kaffee für seine Besucher, blättert alte Entwürfe auf, die er mit seinen Studierenden an den Hochschulen in Stuttgart, Kassel, Offenbach schuf. Etwa Wohnungen für extreme Hanglagen, um auch diese Flächen zu erschließen.

Der Planer ist ein Mann, dessen ökologisches Bewusstsein schon geweckt war, als man es noch gar nicht so nannte. Vor 50 Jahren erkundete er mit Freundinnen und Freunden auf dem Fahrrad den von ihm umrissenen Grüngürtel, man traf sich regelmäßig für die Touren am alten Bahnhof Mainkur. Die Frankfurter Rundschau berichtete damals von den Aktivitäten der Gruppe unter der Überschrift „Per Rad durchs Grün rund um die große Stadt“.

Gründer des Forums für Stadtentwicklung in Frankfurt: Für mehr Demokratie in der Stadtplanung

1971 gründeten Behrens und andere das „Frankfurter Forum für Stadtentwicklung“. Es forderte die Mitsprache der Menschen und „Mehr Demokratie in der Stadtplanung“. Bürgerforen sollten bei der Stadtentwicklung mitbestimmen. Unterstützer waren Stadtdekan Walter Adlhoch, die Schriftsteller Horst Krüger und Horst Bingel, der Theaterregisseur Peter Palitzsch, aber auch der CDU-Landtagsabgeordnete Arnulf Borsche und der FDP-Bundestagsabgeordnete Andreas von Schoeler, der 1991 Frankfurter Oberbürgermeister werden sollte.

Doch dann die erste Erfahrung des Architekten Behrens mit der konkreten Politik: Der SPD-geführte Magistrat strich 1973 dem „Forum für Stadtentwicklung“ den kommunalen Zuschuss. Erst elf Jahre später luden die Sozialdemokraten im Römer dann selbst zu einer öffentlichen Radtour ein unter dem Motto „Frankfurt braucht einen zweiten grünen Ring“. An der Spitze fuhr der damalige OB-Kandidat der SPD, Volker Hauff, der dann 1989 tatsächlich von SPD und Grünen zum OB gewählt wurde. „Frankfurt hatte die Chance, Vorreiter in Klimaplanung zu sein“, urteilt Behrens im Rückblick. Doch was dann tatsächlich unter dem Namen Grüngürtel entstanden sei, bleibe halbherzig.

Von seiner Terrasse aus blickt der Planer über das Grün, das sich von seinem Haus bis hin zur Nidda zieht. Auch kurz vor seinem 90. Geburtstag bleibt er kämpferisch. Es müsse endlich ein Ende haben mit den Kurzstreckenflügen, sagt er. „Die sind völlig unsinnig.“ (Claus-Jürgen Göpfert)

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