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Tigerpalast: Lächelnd der Schwerkraft trotzen

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Von: Katja Sturm

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Akrobatik vom Feinsten, hier Alexander Mitin aus Moskau. Michael Schick
Akrobatik vom Feinsten, hier Alexander Mitin aus Moskau. Michael Schick © Michael Schick

Im Tigerpalast finden Künstlerinnen und Künstler aus vielen Ländern nicht nur Auftrittsmöglichkeiten, sondern auch eine Zuflucht

Alexander Mitin steht kopfüber nur auf einer Hand, die andere stemmt er in die Hüfte. Den rechten Fuß legt sich der ganz in Schwarz gekleidete Schwerkraftbezwinger auf die Schulter, die Zehen des anderen üben Druck auf den Oberschenkel aus. Eine kunstvolle Figur, die der 22-Jährige ohne einen einzigen Wackler meistert. Glücklich und entspannt sieht der Moskauer aus, als er sich kurz danach aufrichtet und seine Beobachter von der Bühne herunter anlächelt.

„Er ist erst vorgestern hier angekommen“, erzählt Margareta Dillinger am Freitag. Seitdem habe Mitin fast nur geschlafen. Schon mehr als drei Wochen ist der aus einer Zirkusfamilie stammende Schlangenmann unterwegs. Flüge aus seiner Heimat nach Deutschland gibt es wegen des Ukraine-Krieges derzeit nicht, deshalb wählte er den Umweg über die Türkei. Auch sonst, sagt die künstlerische Leiterin und Mitbegründerin des Tigerpalastes, müssten die Artist:innen aus Russland derzeit vorsichtig damit umgehen, dass sie ein Engagement in einem Land der Europäischen Union antreten.

Für Dillinger stellte sich die Frage nicht, auf Künstler:innen aufgrund ihrer Herkunft und der Politik ihres Landes zu verzichten. Sie nehme derzeit jedoch nur jene in ihr Programm auf, die sie bereits kenne. Mitin trat 2018 beim „European Youth Festival“ in Wiesbaden auf und gewann dort die Hauptpreise in den Kategorien Publikum und Jury. Jeder sei willkommen, der „unsere Werte teilt“, stimmt Varieté-Direktor Johnny Klinke zu.

Trotz der Pandemie standen die Türen des Tigerpalastes für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt in den vergangenen drei Jahren immer offen. Hier konnten sie trainieren und übergangsweise in den zehn Appartements, die im gleichen Haus dazugehören, wohnen. Nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine wurden auch Flüchtlinge aus den betroffenen Gebieten über Bekannte in die Heiligkreuzgasse vermittelt. Konflikte habe es mit den Russ:innen vor Ort nicht gegeben. Im Gegenteil, sagt Dillinger. Die einen halfen, sich mit den anderen zu verständigen.

Phasenweise nutzen so viele Begabte die Möglichkeiten, die sich ihnen in dem kleinen Theater in der Frankfurter City bieten, dass die Verantwortlichen drei verschiedene Shows mit ihnen bestücken könnten. Probleme, auch für die am 15. September beginnende 35. Saison ein „gut gemischtes“ Programm zu kreieren, hatte Dillinger nicht. Obwohl sie höchste Ansprüche an die Kandidat:innen stellt und nicht nur aus denen auswählt, die sowieso schon in Frankfurt sind, sondern jeweils die Bestmöglichen ihres Faches, wahre Meister:innen, bei sich auftreten lassen will. Einige der Auserkorenen waren bereits im vergangenen Winter zu sehen, andere schon früher einmal dabei. „Es ist besser“, sagt Dillinger, „wenn sich Qualität wiederholt, als Abstriche zu machen.“

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