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Tigerpalast-Chef: „Wir haben kämpfen gelernt“

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Von: Katja Sturm

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Direktor Johnny Klinke und Direktorin Margareta Dillinger erklären ihre Sicht der Dinge. Michael Schick
Direktor Johnny Klinke und Direktorin Margareta Dillinger erklären ihre Sicht der Dinge. Michael Schick © Michael Schick

Johnny Klinke holt vor der 35. Spielzeit in seinem Varieté zum Rundumschlag gegen die Politik aus

Es knallt. Nicht nur auf der Bühne, wo die Amerikanerin Diane-Renée Rodriguez eine Kostprobe ihres Boleadoras-Könnens gibt und kleine, an Seilen hängende Kugeln passend zu ihrem Stepptanz durch die Luft wirbeln und auf dem Holzboden aufschlagen lässt. Sondern auch verbal. Johnny Klinke, der Direktor und Gründer des Frankfurter Tigerpalast-Varietés, holt bei einem Pressetermin am Freitag zu einem Rundumschlag gegen die Politik aus. Die eigene Stadt sei führungslos, „mir fehlt eine Debatte darüber, welche Rolle die Kultur in Zukunft spielen soll“, wettert der Alt-68er. Aber auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bekommt für seine aktuellen Äußerungen die Energiekrise betreffend etwas bei der Offensive ab.

Anlass für den emotionalen Ausbruch ist die unsichere Situation, vor der der 72-Jährige Klinke und seine Kolleg:innen Margareta Dillinger und Robert Mangold ihr Theater sehen. Am 15. September beginnt in der Heiligkreuzgasse 16 die neue, die insgesamt 35. Spielzeit. Die Ticketverkäufe für die ersten drei Monate unter dem Motto „Die Rückkehr der Tiger“ lassen auf eine recht ordentliche Saison hoffen. Für September sind laut Geschäftsführer Mangold bereits 70 Prozent der jeweils 130 Plätze in dem kleinen Vorstellungsraum vergeben. Doch Klinke vermisst die längerfristigen Vorausbuchungen, und angesichts des weiter grassierenden Coronavirus und der Inflation bleiben viele Fragezeichen, was die Zukunft angeht.

Die größte Sorge bereitet dem Führungstrio derzeit der Anstieg der Energiekosten. „Wir geben dafür 8000 Euro im Monat aus“, rechnet Mangold vor. Aus gut informierten Quellen will er gehört haben, dass sich diese Summe ab dem nächsten Jahr verfünffachen wird. „Dann müssten wir pro Ticket 15 Euro draufschlagen.“ Die Zurückhaltung, die sich schon jetzt bei den Buchungen zeige, dürfte sich dann dramatisch steigern. Die Karten für einen Abend voller Artistik und Magie sind um zehn Prozent teurer als in der vorigen Saison, die die Macher des Tigerpalastes im Januar abbrachen. Die Verschärfung der coronabedingten Einschränkungen, die Einführung der 2G-Regel, ließ den Ticketverkauf „komplett einbrechen“, erzählt Mangold.

Dennoch war sich Klinke damals sicher, dass sich die Türen im Herbst wieder öffnen würden. „Aber wir hätten nie damit gerechnet, was dann passieren würde“, sagt der Theaterchef mit Blick auf den Ausbruch des Krieges in der Ukraine am 24. Februar. „Wir sind der Tigerpalast und haben gelernt zu kämpfen“, betont Klinke. „Doch wir brauchen den größtmöglichen Rückenwind, um die Herzen der Menschen zu erreichen.“

Im Unterschied zu anderen Theatern werde der Tigerpalast nicht subventioniert. Aber auch die Kollegen, die mit ihren Kulturangeboten gefördert würden, sollten sich nicht zurücklehnen. „Wir müssen zusammenhalten“, fordert Klinke.

Anders als der tobende Theaterleiter bewahrt Mangold Ruhe. Der Finanzexperte im Team vertraut darauf, dass die Politik den Unternehmen helfen muss und wird. Der Balanceakt, den die Saison darstelle, sei weniger waghalsig als jener des Franzosen Philippe Petit, den der Tigerpalast 1994 auf einem Hochseil zwischen Paulskirche und Dom balancieren ließ. „Man kann nicht ein ganzes Land sehenden Auges in die Rezession laufen lassen“, sagt Mangold, der als geschäftsführender Gesellschafter der Tiger&Palmen-Gruppe auch im hessischen Landesvorstand des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) sitzt.

Um Ressourcen zu sparen, wird von den beiden Restaurants im Tigerpalast jeweils nur eins pro Abend geöffnet sein. Der Vermieter unterstützt die Spielstätte, indem er den Verantwortlichen weiterhin 60 Prozent der Miete erlässt. Um den Gästen die Möglichkeit zu geben, Abstand zu halten, wurde durch den Abbau der Regierungsbank und weiterer Sitzgelegenheiten schon früher in der Pandemie mehr Platz geschaffen.

Man wisse nicht, was in den nächsten Wochen auf den Tigerpalast zukomme. Welche Einschränkungen es seitens der Politik coronabedingt gebe und welche Hilfe man zu erwarten habe. Aber eines steht für Johnny Klinke und sein Team fest: „Wir werden nie freiwillig aufgeben.“

Diane-Renée Rodriguez beeindruckt auf der Bühne. Michael Schick
Diane-Renée Rodriguez beeindruckt auf der Bühne. Michael Schick © Michael Schick

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