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In Frankfurt wachsen immer neue Hochhäuser aus Beton und Stahl in den Himmel, hier am Güterplatz. Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) fordert ein Umdenken. Foto: Peter Jülich
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In Frankfurt wachsen immer neue Hochhäuser aus Beton und Stahl in den Himmel. Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) fordert ein Umdenken.

Nachhaltigkeit

Frankfurter Umweltdezernentin: „Tiefgaragen sind des Teufels“

  • Christoph Manus
    vonChristoph Manus
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  • Thomas Stillbauer
    Thomas Stillbauer
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Die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig und der Stadtplaner Torsten Becker über zu viel Beton am Bau und das Frankfurt der Zukunft – mit Hochhäusern aus Holz und Wohnvierteln aus Lehm.

Immer kürzer wird die Lebensdauer großer Gebäudekomplexe in der Stadt. Beispiele aus jüngerer Zeit sind die Bürogebäude von Lurgi im Mertonviertel und Avaya im Gallus. Dabei verpufft jede Menge sogenannter grauer Energie, die für Bau, Transport, Material und Abriss nötig wird; das schädigt das Klima. Die Umweltdezernentin und der Städtebaubeiratsvorsitzende kritisieren die Entwicklung.

Frau Heilig, Herr Becker, früher hat man Häuser möglichst für die Ewigkeit gebaut, heute droht der Abriss oft schon nach 30 oder gar 20 Jahren. Was läuft falsch?

Heilig: Das Bauen, wie es seit Jahrzehnten praktiziert wurde, ist Gift für die Umwelt. Zement ist ein echter Klimakiller, seine Herstellung hat acht Prozent Anteil an den CO2-Emissionen weltweit – mehr als der gesamte Flugverkehr. Zum anderen ist Zement so gut wie nicht recycelbar. Das heißt für mich: Bauen mit Beton und Stahl ist mit einer klimagerechten Stadt nicht vereinbar. Wir brauchen Holz- oder Klinkerbauten.

Becker: Vieles, was in den letzten Jahrzehnten gebaut wurde, ist nicht langlebig, nicht nachhaltig, da stimme ich Frau Heilig zu. Wir sehen, dass es der Baustoffindustrie oft nur darum geht, Produkte zu verkaufen. Da wird sich aber einiges tun. Beim Thema Holzbau steht fast schon eine Revolution bevor, es gibt ganz neue Möglichkeiten, sogar kleine Hochhäuser.

Sind denn Holzbauten langlebig genug?

Becker: Da bin ich sehr zuversichtlich, sowohl was die Fassaden als auch was die Konstruktion angeht. Man kann in Holzbauweise einzelne Bauteile austauschen, neu zusammensetzen, zurückbauen, ohne dass diese großen Schuttberge entstehen.

Wo liegt das Hauptproblem: im Abriss nach kurzer Zeit oder in der mangelnden ökologischen Bauweise? Hätte man bei Lurgi und Avaya versuchen sollen, umzunutzen statt abzureißen?

Heilig: Aus meiner Sicht ist die Immobilienbranche rein auf Profit ausgerichtet. Ökologische Nachhaltigkeit im Bau spielt überhaupt keine Rolle. Ganz zu schweigen vom CO2-Rucksack. Der Wille: Ich baue ein langlebiges Gebäude – der fehlt heute. Der Investor will schnelles Geld machen.

Becker: Lurgi ist ein Paradebeispiel für falschen Städtebau. Was man da im Mertonviertel sieht, ist die monofunktionale Stadt. Die Charta von Athen, ein städtebauliches Manifest aus den 1930er Jahren, hat vorgesehen, dass die Funktionen der Stadt räumlich getrennt werden, Wohnen und Wirtschaften. Die Bürogebäude wurden größer und größer. Diese Großstrukturen wie bei Lurgi, das weiß man heute, sind nicht gut handhabbar. Resiliente Stadtstrukturen sind kleinteilig, so dass ich auch mal umnutzen kann von Wohnen zu Arbeiten oder umgekehrt.

Heilig: Ich sage: Tiefgaragen sind des Teufels. Wenn man überhaupt noch Parkhäuser für Autos baut, dann so, dass man sie umbauen kann zu Wohnungen, sobald das Auto keine Rolle mehr spielt für die Mobilität.

Becker: Gerade für Tiefgaragen wird viel zu viel Beton verbaut. Das ist nicht schlau. Unsere Gründerzeitviertel sind aus Backstein oder Naturstein, die haben keine Tiefgarage drunter – die kann man immer weiterentwickeln. Die werden auch in 100 Jahren noch super funktionieren. Aber was im Moment gebaut wird: Da weiß man nie, ob das die nächsten 40, 50 Jahren überdauert.

Kann es gelingen, neue Quartiere zu bauen, die wie Gründerzeitviertel funktionieren?

Heilig: Das ist die Forderung. Wir sind mitten im Klimawandel, wir müssen Quartiere nachhaltiger und menschenfreundlicher machen. Schauen Sie sich das Europaviertel an, die Kälte, die diese Bauten ausstrahlen. Ich fände es toll, wenn wir etwa die Günthersburghöfe in Holzbauweise, nachhaltig und menschenfreundlich bauen würden.

Herr Becker, Sie planen die Wohnbauten der Günthersburghöfe im Nordend. Wie sieht es da mit der Nachhaltigkeit und der Lebensdauer der Gebäude aus?

Becker: Da sind wir in der Phase der städtebaulichen Planung. Wir haben versucht, genau diese Kriterien der Gründerzeitviertel in zukunftsfähige Standards umzusetzen, die Kleinteiligkeit, den Verzicht auf Tiefgaragen. Wir haben dort allerhöchste ökologische Standards vorgesehen.

Heilig: Kommt da Holzbauweise infrage?

Becker: Das würde ich mir wünschen. Die Günthersburghöfe sind unter dem Titel Innovationsquartier gestartet. Wir können dort Dinge innovativ ausprobieren.

Heilig: Dann haben wir also heute beschlossen, dass die Günthersburghöfe ein wirkliches Innovationsquartier aus Holz werden, Herr Becker! Ich bin dabei!

Becker: (lacht) Sehr gut – ich auch! Dann haben wir was erreicht.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Hochhauslandschaft in Sachen Ressourcenverbrauch? Da sind riesige Gebäude im Bau. Weitere sollen folgen.

Nachhaltig Bauen in Frankfurt? Drei Beispiele

Riesiger Komplex wird abgerissen
Das riesige Lurgi-Haus im Frankfurter Mertonviertel wird in den kommenden Jahren Platz für 1100 Wohnungen machen. Das 1987 errichtete krakenartige Gebäude, das mit einer Bürofläche von etwa 87 000 Quadratmetern noch heute zu den größten Gewerbeimmobilien Deutschlands zählt, diente einst als Zentrale des früheren Anlagenbauers, steht aber seit Jahren zum größten Teil leer.
Bei einer Zwangsversteigerung im Jahr 2017 hatte das Unternehmen Aroundtown die Immobilie für 90 Millionen Euro erworben. Damals hieß es noch, der Komplex werde saniert und neu positioniert.
Nun wollen die städtische Wohnungsgesellschaft ABG Frankfurt Holding und der Berliner Projektentwickler GSP, die dem Vernehmen nach 110 Millionen Euro für das Lurgi-Haus zahlten, den Kraken abreißen und fünf- bis sechsgeschossige Wohngebäude errichten. Eine Grundschule, eine Kita und Läden sollen auf dem Areal Platz finden, vielleicht eine weiterführende Schule.
Für Frankfurt ist die Geschichte des Lurgi-Hauses durchaus typisch. Weil Wohnungen knapp sind und teuer verkauft werden können, es aber kaum Bauland gibt, werden seit Jahren überall im Stadtgebiet frühere Büro- und Gewerbekomplexe durch Neubauprojekte ersetzt. Das stößt nicht nur auf ökologische Bedenken. Denn so verschwinden immer mehr Gewerbeflächen. cm

Die Skyline wächst weiter
Trotz Pandemie und Wirtschaftskrise wird die Frankfurter Skyline noch höher und dichter. So sollen an der Messe zwei Türme mit 260 und 150 Metern Höhe entstehen, die Platz für Büros und Wohnungen bieten. Der höhere könnte bei seiner Fertigstellung das höchste Hochhaus Deutschlands sein. Ganz in der Nähe, auf dem Areal des früheren Polizeipräsidiums, soll ein 175 Meter hoher, gemischt genutzter Turm wachsen, auf dem früheren Postgelände am Hafentunnel ein 140 Meter hoher Wohnturm entstehen.
Und mindestens ein Dutzend Hochhäuser befindet sich bereits im Bau. Allein auf der riesigen Baustelle des Projekts „Four“ in der Frankfurter Innenstadt entstehen vier Türme, die einmal
233, 173, 120 und 100 Meter in den Himmel ragen sollen. Mit riesigen Büroflächen, etwa 600 Wohnungen, Hotels, Läden und Lokalen.
Das Planungsdezernat arbeitet gerade an der Fortschreibung des Hochhausentwicklungsplans. Neue Standorte will es nur im Bankenviertel, am Danziger Platz und dem Eingang zum Osthafen im Ostend sowie in einem Teil des Gutleut- und des Bahnhofsviertels ausweisen. Den Bau von Türmen an Stellen, die nicht im bisherigen oder neuen Plan markiert sind, will die Stadt dagegen nicht mehr zulassen. cm

Gebäude aus Holz
In der Klimakrise gewinnt langsam Holz als Baustoff an Bedeutung. Bei der Aufstockung von Siedlungshäusern spielt der nachwachsende Rohstoff jetzt schon eine große Rolle. Die städtische Wohnungsgesellschaft ABG Frankfurt Holding etwa hat in der Ginnheimer Platensiedlung in einem weithin beachteten Pilotprojekt 380 Wohnungen geschaffen, indem sie den 50er-Jahre-Gebäuden je zwei Stockwerke aus vorgefertigten Holzmodulen aufsetzte. Auf dem Campus Westend der Goethe-Uni ist die weltgrößte Holzmodulschule entstanden.
Nun sind zunehmend sogar Hochhäuser im Entstehen oder geplant, die zumindest zu einem großen Teil aus Holz bestehen. So soll in Berlin ein 98 Meter hoher Wohnturm errichtet werden, der einmal als das höchste deutsche Hochhaus aus Holz gelten dürfte. Die Kerne der vier Baukörper sowie das Untergeschoss werden jedoch aus Beton gefertigt.
Der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD) wirbt dafür, auch in Frankfurt mehr mit Holz zu arbeiten. „Ich möchte Hochhäuser aus Holz nach dem Vorbild der Stadt Toronto“, sagte er in einem Interview mit der FR. Schließlich falle deren ökologische Bilanz viel besser aus als die von Türmen aus Stahl und Beton. Auch die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen setzt sich für eine Förderung des Holzbaus ein. Der Rohstoff biete große Potenziale für die Energiewende im Gebäudebereich. cm

Heilig: Ich mache mir darüber große Sorgen. Auch die Wohntürme sind aus Beton und Stahl – in der CO2-Bilanz eine Katastrophe.

Sind Sie gegen neue Hochhausstandorte?

Heilig: Nein. Ich liebe die Skyline von Frankfurt. Aber ich bin gegen diese Bauweise, das schnelle Hochziehen, bei dem nicht auf die Langlebigkeit geachtet wird. Da wird ganz tief ausgekoffert, da gibt es drei, vier Etagen betonierte Tiefgaragen, darauf kommt das Fundament und dann die Gebäude in Stahlbau und Beton. Da werden die Erfordernisse in Zeiten des Klimawandels nicht berücksichtigt.

Welche sind die unmittelbaren Folgen für die Natur bei solch einem Hochhausbau?

Heilig: Überall dort, wo im großen Stil gebaut wird, muss das Grundwasser abgesenkt werden. Ein erheblicher Eingriff. Dann werden diese Gebäude in eine sogenannte weiße Wanne gesetzt, damit kein Wasser eindringen kann. Da kann ich nur sagen: zu kurz gedacht. Alles zu versiegeln, keine Versickerungsfläche, keine Stauwasserflächen einzuplanen, ist blauäugig. Jeden Tag werden 500 000 Quadratmeter Boden in Deutschland versiegelt. Das ist ein totaler Frevel. Das hat mit Enkelfähigkeit, mit Zukunftssicherheit nichts zu tun.

Sie sind seit 2012 Umweltdezernentin. Wie weit reicht Ihr Einfluss auf umweltgerechtes Bauen. Können Sie nicht mehr bewirken?

Heilig: Ich habe erreicht, dass wir die Grundzüge in die Klimaallianz aufgenommen haben, die Vereinbarung der Frankfurter Koalition. Wir Grüne haben in unserem Wahlprogramm stehen, dass sehr viel mehr auf die graue Energie geachtet werden muss. Meine Aufgabe als Umweltdezernentin ist auch, immer wieder den Zeigefinger zu heben und zu sagen: Achtung, Leute!

Becker: Es besteht die pure Notwendigkeit, beim Bauen radikal umzusteuern.

Wie wollen Sie das schaffen?

Heilig: Mit einer internationalen Bauausstellung, an der viele Planer:innen und Architekt:innen teilnehmen und zeigen, wie es gehen kann. Die Politik muss das stark fördern. Ich habe in den Verhandlungen zum neuen Stadtteil an der A5 gesagt: keine Tiefgaragen. Da sagen die Architekten: Frau Heilig, dann finde ich keine Investoren. Da sage ich: Dann muss es die Politik eben vorschreiben. Es ist Zeit, das mutig in Angriff zu nehmen.

Becker: Die Politik hat ja in Frankfurt etwa den Passivhausstandard eingeführt mit einem Grundsatzbeschluss. So eine Vorreiterrolle könnte die Stadt auch bei den Baustoffen einnehmen. Auch das Land mit seinen Immobilien, etwa im Gerichtsviertel, sollte Vorreiter sein. Da kann das Land sagen: Wir wollen dort ein ökologisches Vorzeigeprojekt und nicht nur die Wirtschaftlichkeit betrachten. Diese Vorbildfunktion ist extrem wichtig. Das akzeptiert auch die Immobilienwirtschaft, davon bin ich fest überzeugt.

Die Stadt hätte Zugriff auf die großen Wohnungsgesellschaften, ABG und Nassauische Heimstätte. Sollten die mehr tun in puncto ökologisches Bauen?

Heilig: Genau das. Die Passivhausbauweise muss weiterentwickelt werden, und wir müssen noch nachhaltiger in die Zukunft schauen. Holz-, Klinker- oder auch Lehmbauweise revitalisieren.

Becker: Ich würde mir da auch weit mehr Innovation wünschen, gerade von den großen Baugesellschaften.

Frau Heilig sagte gerade: Lehmbau?

Becker: In Paris wird gerade ein ganzes Viertel aus Lehm gebaut, ein Wohnquartier – total irre. So etwas gibt es, aber dafür brauchen wir die entsprechenden Akteure. Da sind wir Architekten und Planer angesprochen und eine Hochschullandschaft, die stärker in dem Bereich lehrt und forscht.

Herr Becker, was schätzen Sie: Wie lang wird das Palaisquartier in der Innenstadt, auch bekannt als Frankfurt hoch vier, stehenbleiben?

Becker: (lacht) Eine gute Frage. Die Entwicklung dort ist nicht befriedigend. Ein Sammelsurium unterschiedlicher Gebäudekomplexe, das alte Palais, dann der Neubau, in dem die Rundschau früher war, letztlich alles andere als überzeugend, die Freiräume dazwischen, die Hochhausgruppe – das ist alles sehr modisch und nicht nachhaltig. Insofern gehe ich davon aus, dass man in 20 Jahren wieder über größere Umbauten dort nachdenkt. Das ist ein bisschen typisch für Frankfurt. Die Stadt müsste lernen, wieder langlebiger zu denken. Wir können zwar nicht nach vorne gucken, aber wir können nach hinten gucken und aus der Geschichte lernen. Viele Experimente haben einfach nicht funktioniert. Beispiel: autogerechte Stadt.

Interview: Thomas Stillbauer und Christoph Manus

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